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Polizeimeldungen
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Ärger

Mainburgs Polizeichef ist fassungslos

Johann Stanglmair ist entsetzt, wie der Gaudiwurm ausartete. Polizisten und Helfer wurden angepöbelt und auch attackiert.
Von Beate Weigert

Hackedicht und aggressiv: „Wie sehr solch’ eine Veranstaltung aus dem Ruder läuft, ist mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar.“ Mit diesen Worten kommentiert Mainburgs Leiter der Polizeiinspektion den Faschingszug vom Samstag. „Für mich ist da jeder Spaß vorbei.“ Foto: Marc Müller/dpa
Hackedicht und aggressiv: „Wie sehr solch’ eine Veranstaltung aus dem Ruder läuft, ist mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar.“ Mit diesen Worten kommentiert Mainburgs Leiter der Polizeiinspektion den Faschingszug vom Samstag. „Für mich ist da jeder Spaß vorbei.“ Foto: Marc Müller/dpa

Kelheim.Mainburgs Polizeichef Johann Stanglmair ist auch zwei Tage nach dem Faschingszug in der Hopfenstadt noch mächtig sauer und auch fassungslos. Die Einsätze, die der Gaudiwurm mit sich brachte, hatten es in sich. Betrunkene waren sehr aggressiv, hieben anderen mit Fäusten ins Gesicht, wurden Helfern gegenüber rabiat und beleidigend. Für die Polizei sei es erschreckend gewesen, wie Teilnehmer und Gäste des Umzugs alkoholbedingt ausfällig geworden sind, sagt Stanglmair.

Nach Bier, Schnäpsen und Mixgetränken hatten sich viele nicht mehr im Zaum. Sie pöbelten und beleidigten Polizisten wie Rettungskräfte an. „Wie sehr so eine Veranstaltung aus dem Ruder läuft, ist langsam nicht mehr nachvollziehbar“, sagt der Leiter der Mainburger Polizeiinspektion im Gespräch mit unserem Medienhaus.

„Wie sehr so eine Veranstaltung aus dem Ruder läuft, ist langsam nicht mehr nachvollziehbar.“

Johann Stanglmair über den Mainburger Faschingszug

Es sei mittlerweile ein Synonym für den Zustand der Gesellschaft. „Polizei und Rettungskräfte sollen das kompensieren. Aber dass ausgerechnet die, die anderen helfen wollen, weil sie sich verletzt haben oder überhaupt nicht mehr auskennen, angepöbelt, beleidigt, geschlagen, getreten und verletzt werden, das verstehe ich nicht“, sagt Stanglmair. Insbesondere, wenn es etwa ehrenamtliche Sanitätsdienstler treffe.

Viele Gäste des Faschingszugs hatten sich bis hemmungslos betrunken und hatten sich dann in vielerlei Hinsicht nicht mehr im Griff. Foto: Martin Gerten/dpa
Viele Gäste des Faschingszugs hatten sich bis hemmungslos betrunken und hatten sich dann in vielerlei Hinsicht nicht mehr im Griff. Foto: Martin Gerten/dpa

Beim Mainburger Faschingszug seien heuer sehr viele junge Teilnehmer außer Rand und Band geraten. „Das ist nicht mehr schön. Fasching heißt saufen und es wird immer noch schlimmer“, so Stanglmair. Doch wen wolle man zur Verantwortung ziehen, wenn die jungen Leute erwachsen sind. So einige Eltern erhielten Anrufe ihre 18-, 19- oder 20-jährigen Kinder aus dem Polizeigewahrsam abzuholen.

Sogar Kirchenmauer angepinkelt

Da steckten Organisatoren wie die Mainburger Narhalla viel Arbeit in die Vorbereitung und Sicherheitskonzept. Der Zusammenarbeit stellt Stanglmair explizit ein Lob aus, auch ein Sicherheitsdienst wirkte auf die Vereine ein, dass zum Beispiel zum Eigenschutz keine Glasflaschen verwendet werden – und dann kommen die Gäste, trinken sich in komaähnliche Zustände und die Ausraster nehmen ihren Lauf.

„Für mich ist da jeder Spaß vorbei“, sagt Stanglmair. Dass viele trotz der aufgestellten Dixiklos einfach auf einen Kreisverkehr oder an die Kirchenmauer pinkelten, sei da nur noch ein I-Tüpfelchen. Wenn die eingesetzten Beamten die Betrunkenen ansprechen, werden sie im besten Fall nur angepöbelt. Der Anstand sei vielen abhanden- gekommen, sagt Stanglmair.

Raufereien, Randale und „Spaßvögel“

  • In Langquaid

    verlief der Umzug viel unproblematischer als in den Vorjahren. Ein Fall wurde aktenkundig. Am Marktplatz teilte eine Gruppe fünf teils erheblich Alkoholisierter gegenseitig Schläge aus. Kelheimer Polizisten trennten die Streithähne.„Der Alkohol dürfte eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben“, heißt es im Polizeibericht.

  • In Neustadt

    randalierte ein 24-Jähriger. Als er einer Polizeistreife auffiel, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten, war sehr aggressiv und wollte unbedingt eine Schlägerei mit anderen Umzugsteilnehmern anzetteln. Er erhielt einen Platzverweis und ging kurz darauf einen anderen Mann an. Auf dem Weg zur Ausnüchterungszelle randalierte er weiter.

  • Aus Essing

    waren der Polizei bis Rosenmontag keine größeren Vorkommnisse bekannt.

  • In Rohr

    war bereits eine Woche zuvor Narrenparade. Auch dort flogen die Fäuste, meldete die Polizei. Mitarbeitern des Landratsamts fiel u.a. auf, dass teils die Fußbegleiter der Wagen fehlten oder dass diese Warnwesten als Windel oder Stirnband trugen.

„Völlig sinnlos“ wurde in Mainburg auch ein Anhänger der Verkehrswacht angezündet. Zum Glück wurde das Feuer schnell entdeckt.

Bereits in der Nacht von Freitag auf Samstag war am Mainburger Marktplatz Randale angesagt, die sich im Krankenhaus fortsetzte. Ein Betrunkener, der sich nach einem Streit selbst freiwillig zur Behandlung dorthin begab, tickte aus und konnte ob seiner starken Alkoholisierung auch nicht wegen Eigengefährdung von den Ärzten entlassen werden. Eine Streife wurde gerufen. Der 33-Jährige beleidigte die Beamten, einen packte er schließlich am Hals. Im Auto ging die Randale weiter, der Mann wurde schließlich eingewiesen.

Überraschter Kelheimer Kollege

Während der Faschingsendspurt in Mainburg viel Frust und Ärger hinterlässt, ist Erich Banczyk, der Kelheimer Polizeichef, umso verblüffter. Woran es liegt, dass die bis dato steigenden Vorfälle diesmal bei den Faschingszügen in Essing, Langquaid und Neustadt nahezu ausblieben, können sich er und seine Kollegen selbst nicht erklären. Vielleicht lag’s am nasskalten Wetter? Doch ein Ausraster in Neustadt (s. Infostück) zeige, dass auch im Einzugsbereich der Kelheimer Polizei „das Grundproblem dasselbe ist“, so Banczyk. Nämlich, dass das Miteinander, die Art, wie die Leute miteinander umgehen, den Bach hinunter geht und insbesondere, dass von vielen jeder der eine Uniform trage als eine Art Freiwild empfunden werde.

In Langquaid, Neustadt und Essing gingen die Umzüge relativ ruhig über die Bühne. Foto: Patrick Seeger/dpa
In Langquaid, Neustadt und Essing gingen die Umzüge relativ ruhig über die Bühne. Foto: Patrick Seeger/dpa

Banczyk beobachtet im Alltag der Kelheimer Beamten auch, dass rein verbalen Anweisungen „heute kaum noch jemand nachkommt“. Immer öfter müssten die Polizisten diese mit „mit körperlichem Nachdruck“ unterstreichen. Auch in Kelheim werden Polizisten, die bei Schlägereien zu Hilfe eilen, bespuckt, getreten oder bekommen zum Dank die Zelle voll uriniert. Auch dass ein Landkreisbürger, der sich im Rausch nicht mehr auskannte, nach einem Landjugendfest einer Ärztin das Nasenbein brach, stimmt Banczyk nachdenklich.

„Das Miteinander geht den Bach hinunter und wer Uniform trägt, gilt vielen als Freiwild.“

Erich Banczyk, Kelheims Polizeichef blickt in seinem Bereich zwar auf relativ ruhige Faschingszüge. Doch dass der Umgang der Menschen in der Region auf bedenkliche Weise entgleist, nimmt auch er wahr.

Einerseits sei die Erwartungshaltung der Bevölkerung da: „Polizei, pass’ auf, dass nichts passiert, sorg’ für unsere Sicherheit.“ Und wenn die Beamten ihren Job machen, werden sie derart behandelt. Es müsste endlich ein Ruck durch die Gesellschaft gehen, wenn das so weitergehe, wisse er nicht, wo das hinführe, sagt Banczyk.

Ohne eigene Sicherheitsdienste geht bei vielen Veranstaltungen heutzutage ohnehin nichts mehr.

So schön war Mainburgs Faschingszug am Anfang gewesen.

Lesen Sie auch, wie in Essing nach dem Faschingszug aufgeräumt wurde.

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