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Familien haben oft einen schweren Stand

Im Kasernenviertel, in Burgweinting und in Königswiesen ist das soziale Gefälle besonders groß. Migranten sind von Armut durchwegs stärker betroffen.
von Daniel Steffen, MZ

  • In Vierteln mit einer hohen Konzentration an sozial benachteiligten Menschen ist nicht nur die Armutsgefährdung, sondern auch die Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, besonders hoch. Foto: dpa

Regensburg.Weihnachten ist gerade erst vorbei. Millionen von Kindern konnten sich über üppige Geschenke freuen, die unter dem Weihnachtsbaum lagen: Für die einen durfte es die Playstation sein, für andere ein Mountainbike oder sogar ein neuer Computer. Rekordverdächtige 270 Euro haben die Deutschen in diesem Jahr im Schnitt für Weihnachtsgeschenke ausgegeben. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Immer mehr Menschen – auch in Regensburg – würden sich freuen, so einen Betrag wenigstens für Essen, Trinken und weitere Waren des täglichen Bedarfs übrig zu haben. Für einen ganzen Monat, wohlgemerkt.

Denn wo einerseits von Vollbeschäftigung und üppigen Einkommen die Rede ist, erschließt sich andererseits dem Auge ein gegenteiliges Bild: In immer mehr Familien in Regensburg ist die Kasse so knapp, dass weder an teure Geschenke zu denken ist – noch daran, sich mal einen wohl tuenden Urlaub zu gönnen. Das Leben der Menschen, die in Armut leben müssen, spielt sich nicht etwa in bunt leuchtenden Einkaufszentren ab, sondern in sozialen Einrichtungen, die ihnen den letzten Halt geben. Insbesondere die Regensburger Tafel suchen immer mehr Familien mit Kindern sowie alleinerziehende Eltern auf. Beim „Strohhalm“, der Begegnungsstätte für Obdachlose & Hilfsbedürftige, lassen sich laut Mitarbeiterin Hannelore Eberwein „nur selten“ Familien beim Essen blicken – offenbar aus Scham darüber, die Hilfsbedürftigkeit in Gemeinschaft mit Menschen, die sozial noch schlechter dran sind, nach außen zu zeigen.

Wenn Familien zur „Tafel“ gehen, dann müssen sie vergleichsweise eine niedrigere Hemmschwelle überwinden: Von Salaten, frischem Obst und Gemüse über Back- und Wurstwaren bis hin zu Cornflakes und Müslis gibt es dort eine breite Auswahl an Lebensmitteln. Die steht allerdings nur denen zu, die vor Ort ihre Bedürftigkeit nachweisen können – Asylbewerber eingeschlossen.

Kritik am geschenkten Essen

„In den Essenspaketen, die wir bekommen, ist ja immer das gleiche“, seufzt Tariel Khabelshvili, der vor gut 16 Monaten aus Russland zugewandert kam. „An Obst gibt es fast nur Bananen, nur selten Äpfel oder Orangen. Viele Bananen sind überreif und schmecken nicht mehr gut. Und die Nudeln – die sind kaum genießbar.“ Ganz anders das Essens-Angebot der Tafel: Das sei dagegen fast ein Traum, meint Khabelshvili: Frische Weintrauben, Orangen, Mandarinen – seine vier Kinder hätten die helle Freude daran.

Augenfällig ist die hohe Anzahl allein erziehender Eltern, die die Tafel aufsucht. Auch die 46-jährige Maria P. aus Königswiesen schaut jeden Montag in der Liebigstraße vorbei. Ob selbst der Discounter für sie zu teuer ist, will die MZ wissen. „Die Lebensmittel dort kann ich mir gerade so leisten“, sagt sie. „Die Rechnung geht aber nur dann auf, wenn in der Wohnung nichts kaputt geht.“ Genau dies sei ihr kürzlich passiert – die Waschmaschine tat es nicht mehr, eine teure Reparaturrechnung flatterte ins Haus. Mit ihren beiden Kindern lebt Maria P. in einer Dreizimmerwohnung in Königswiesen. Von den 1280 Euro, die sie monatlich samt Hartz IV und Kindergeld bekommt, gehen allein schon 631 Euro für die Miete weg. Und die habe sich, wie sie der MZ sagte, „in den letzten zwei Jahren, dreimal erhöht“. Um je 15 Euro sei der Betrag zwar moderat gestiegen, zu schaffen mache er trotzdem. Arbeiten würde die gelernte Arzthelferin gern wieder, doch sei der Spagat zwischen Beruf und Familie kaum zu schaffen: „Immer mehr Arbeitgeber fordern, dass man in Wechselschichten arbeitet“, klagt sie.

Wie aus dem Regensburger „Bericht zur sozialen Lage“ hervorgeht, sind gerade im Kasernenviertel, in der Konradsiedlung, in Burgweinting und Königswiesen-Süd viele Menschen von sozialer Schieflage betroffen. Die Arbeitslosenquote liegt dort weit über dem Schnitt der Stadt, teilweise über zehn Prozent. Entsprechend gibt es in diesen Stadtteilen auch die meisten öffentlich geförderten Wohnungen, die hauptsächlich im Eigentum der Stadtbau sind. Weniger optisch erkenntlich, aber auch relativ stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist das Zentrum von Kumpfmühl.

Migranten haben es schwerer

Fakt ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allen Stadtteilen durchweg mehr von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind; vor allem jungen Familien mit Kindern geht es schlecht. „Das kann ich so bestätigen“, sagt Tafel-Mitarbeiter Will Huber. „Gut 80 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind Migranten.“ Viele der Frauen, die auf die Essenausgabe warten, unterhalten sich derweil auf Russisch oder Türkisch. „Noch haben wir hier genug für alle“ sagt seine Kollegin. „Vor fünf Jahren kamen vielleicht 65 bis 70 Menschen zu uns, jetzt sind am Freitag bis zu 200 hier.“

Das statistische Bundesamt bestätigt, dass immer mehr Menschen in Deutschland auf fremde Hilfe angewiesen sind: Wie die Statistik besagt, waren 2011 rund 13 Millionen Menschen (und somit jeder sechste Bundesbürger) von Armut bedroht – Tendenz steigend. Eine Familie mit zwei Kindern gilt dann als , wenn ihr im Monat weniger als 2058 Euro zur Verfügung stehen.

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