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Viele Experimente und wenig Erfolg

Was bleibt im kollektiven TV-Gedächtnis vom Jahr 2013 hängen? Die „Tatort“-Krimis, das Fernseh-Duell vor der Wahl – oder doch Waldemar Hartmann?

Verblassender Glanz: „Wetten, dass...?“ ist mit Moderator Markus Lanz 2013 unter die Sieben-Millionen-Marke gerutscht. Foto: dpa

Berlin.Welche Nation hat den Fußball-WM-Titel noch nie bei einem Turnier im eigenen Land gewonnen? Wenn es nach dem Sportexperten Waldemar Hartmann geht: Deutschland. Nein, da irrte „Waldi“ als Telefonjoker bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“-Prominentenspecial im November. Es war Brasilien. Damit sorgte der 65-Jährige für den Fernseh-Fauxpas des Jahres. Knapp sechs Millionen Zuschauer wurden Zeugen des Aufregers.

Dies waren nur wenige Sekunden aus dem TV-Jahr 2013 – Insgesamt hat sich das gute, alte lineare Fernsehen noch einmal richtig Mühe gegeben, sich gegen die immer bedrohlicher werdende Konkurrenz im Netz aufzubäumen. Die Marktführer ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und ProSieben und auch die Anbieter aus der zweiten Reihe haben Experimente auf den Bildschirm gebracht, dabei einiges erreicht, aber in den meisten Fällen die bittere Erkenntnis gewonnen, dass Neuerungen dem konservativen Geschmackssinn des TV-Publikums nicht zupass sind.

Die großen Namen bekamen auch mal wieder den Gegenwind zu spüren, der immer bei Veränderungen weht. Markus Lanz, seit Oktober 2012 Thomas Gottschalks „Wetten, dass..?“-Erbe, musste trotz aller Bemühungen mitansehen, wie der ZDF-Showklassiker unter die Sieben-Millionen-Zuschauer-Marke sackte. Stefan Raabs Politgefecht „Absolute Mehrheit“ sank in der Gunst des Publikums. Eine kleine Sexwelle im MDR, SWR und auf Sixx erinnerte ein wenig an Oswalt Kolles 70er Jahre. Und Thomas Gottschalk witterte bei RTL nach längerer Talfahrt an der Seite von Günther Jauch wieder Morgenluft.

Münster-“Tatort“ knackt Quotenrekord

Nach Sendern betrachtet hat die ARD ihre Stärken ausgebaut. Die „Tatort“-Reihe gewann weiter an Beachtung, unter anderem dank der Münster-Ausgabe mit ihrem neuen Quotenrekord und dank Til Schweiger als neuer Hamburger Ermittler. Im Schatten dieses Glanzes sind die Diskussionen um den ständig schwierigen Vorabend geringer geworden, auch wenn sich die Situation mit den Krimiproduktionen in der Reihe „Heiter bis tödlich“ nicht besonders gebessert hat. Schwierig ist auch der Show-Abend am Donnerstag, Matthias Opdenhövel liegt unter den Erwartungen, auch Kai Pflaumes Mehrteiler „Die Deutschen Meister 2013“.

Das ZDF, das nach Marktanteilen wohl als Sieger durchs Ziel laufen wird, sorgte 2013 für die spektakulären Mehrteiler: „Das Adlon: Eine Familiensaga“ traf offenbar genau das Zeitgefühl des TV-Publikums, der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ brachte Quote und Diskussionsstoff. Aber einige Programme bescherten dem Zweiten kein Glück: Der Talk „Inka“ wurde nach gut zwei Monaten im Herbst aus dem Programm gekippt, die Papstserie „Borgia“ wurde ins Spätprogramm verbannt und die Dokureihe „ZDF-Zeit“ kommt trotz ganz unterschiedlicher Themen nicht in Tritt.

Der private Marktführer RTL sorgte für die Paukenschläge: Das Spektakel „Die 2“ mit Gottschalk und Günther Jauch brachte RTL zumindest wieder ins Gespräch und auch Quote, der Show-Wettkampf zwischen Oliver Pocher und Ex-Tennis-Star Boris Becker gehörte zum Gossip, die Quote fiel aber eher mau aus, dafür verlief der Staffelstart für „Das Supertalent“ besser als befürchtet. Ein Selbstläufer ist die Dschungelshow „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ auch ohne Dirk Bach. Dieses Jahr war kurz Helmut Berger zu Gast. Dagegen muss die Show „Wild Girls – Auf Highheels durch Afrika“ als Flop verbucht werden. Die Serien „Christine- Perfekt war gestern“ und „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ sind Geschichte – auch das unglückliche Remake von „Dallas“.

Beim Konkurrenten Sat.1, der sich anschickte, die RTL-Vormacht zu brechen, sammelten sich noch mehr Rückschläge an: Ob das Spektakel „Promi Big Brother“ (mit Kurzbesuch von David Hasselhoff) gerade angesichts hoher Investitionen und vielerlei Kritik bei mäßiger Resonanz eine Neuauflage erfährt, ist höchst fraglich. Die Reihe der Misserfolge ist lang. Zu ihnen gehörte die Nachmittags-Dokusoap „Patchwork Family“, die Modelshow „Million Dollar Shootingstar“ mit Bar Refaeli, die Dokusoap „Stalker“ am Abend, auch der Katarina-Witt-Film „Der Feind in meinem Leben“ und die Ausstrahlung des Deutschen Fernsehpreises am 4. Oktober, als die Quote unter die Eine-Million-Grenze sackte. Dafür lief die Castingshow „The Voice“ wieder gut an. Die Guttenberg-Politsatire „Der Minister“ hatte genau 4,44 Millionen Zuschauer – angesichts des Tamtams im Vorfeld Durchschnitt.

17 Millionen sahen Merkel gegen Steinbrück

Auch dem Schwestersender ProSieben gelang längst nicht alles: Die „Reality Queens auf Safari“ dürfen getrost als Pleite verbucht werden, genauso „The Beauty and the Nerd“, Claudia Schiffers Reihe „Fashion Hero“ und die Show „Catch the Millionaire“. Die Vox-Show „Grill den Henssler“, die x-te Auflage eines Koch-Events, zeigt, dass das Genre müde geworden ist, RTL II handelte mit der Einführung der Scripted-Soap „Köln 50667“ als Ergänzung zu „Berlin – Tag & Nacht“ genau richtig, Ross Antony als Retter maroder Kindergärten war dagegen ein Fehlgriff. Und dass bei der Quote auch mal 0,00 Millionen Zuschauer rauskommen können, zeigte die ARD, als sie einen vielfach eingeforderten „Brennpunkt“ zur Handyüberwachung von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht ins Programm nahm.

Die großen TV-Sender alten Zuschnitts müssen aufpassen, dass Video- on-Demand-Anbieter ihnen nicht den Schneid abkaufen oder kleinere Sender wie Welt der Wunder TV, Joiz oder ProSieben Maxx (alles Neugründungen in diesem Jahr) nicht die Marktanteile wegfischen. Dass großes Fernsehen doch noch funktioniert, bewies das TV-Duell mit den Kanzlerkandidaten am 1. September: Mehr als 17 Millionen schalteten insgesamt ein – da hält selbst die Fußball-Nationalmannschaft nicht mit.

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