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Wer wenig Geld hat, ist nicht immer arm

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch sagt, dass prekäre Lebenslagen junge Regensburger ins Abseits befördern. Das Einkommen der Eltern sei zweitrangig.
von Daniel Steffen, MZ

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch an seinem Arbeitsplatz. Foto: Steffen

Regensburg.„Es ist gar nicht so sehr die Armut, sondern die prekäre Lebenslage, die sich auf Familien besonders negativ auswirkt“, sagt Diplom-Psychologe Dr. Hermann Scheurer-Englisch, Leiter der Familienberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge. Eine prekäre Lebenslage liege dann vor, wenn mehrere ungünstige Faktoren wie schwaches Einkommen, niedriges Bildungsniveau und familiärer Stress aufeinander treffen. In solchen Fällen hätten es die Kinder in ihrer Entwicklung schwierig, begründet der Erziehungsexperte.

Er prangert an, dass die Bildungschancen in Deutschland immer noch sehr ungleich sind und sieht einen dementsprechenden großen Bedarf, daran etwas zu ändern. Dass heute 1,44 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen könne, spreche für sich. Mit so einer geringen Qualifikation sei der weitere Lebensweg geradezu vorgezeichnet: „Die Wahrscheinlichkeit, keinen Job zu bekommen, vervielfacht sich dadurch.“ Und selbst wenn diejenigen Menschen eine Beschäftigung haben, seien die Verdienstmöglichkeiten oft doch sehr eingeschränkt.

In seinen Augen ist und bleibt Bildung „der Schüssel gegen Armut“. Scheuerer-Englisch ist davon überzeugt, dass die Einkommensverhältnisse nicht unbedingt die Hauptrolle spielen, wenn der Haussegen schief hängt. Denn auch mit beschränkten finanziellen Mitteln seien Eltern oft in der Lage, den Kinder Impulse für ihren Lebensentwurf zu geben. Auch wer Hartz IV empfängt, der könne kulturelle Anstöße geben, die Kinder an Literatur, Musik oder an das Vereinsleben heranführen. Vieles hänge dabei vom Bildungsstand und der persönlichen Situation der Eltern ab. Wer mit seinem eigenen Leben nicht fertig werde, der tue sich in der Regel auch schwer, andere auf den richtigen Weg zu bringen.

„Migranten haben es schwerer“

Menschen mit Migrationshintergrund haben nach Auffassung von Scheurer-Englisch ein schweres Los, in Deutschland Fuß zu fassen. Zum Teil würden Bildungsabschlüsse nicht anerkannt, oftmals würden Bewerber auch aufgrund ihres höheren Alters abgelehnt: Der Ingenieur, der in Deutschland die Zeitung austeilt, um seine Brötchen zu verdienen, sei bei Weitem kein Einzelfall.

Trotz aller sozialen Nachteile seien Migrantenfamilien häufig motiviert, ihre Kinder die beste Bildung zu ermöglichen, lobt Scheuerer-Englisch. Er plädiert für einen weiteren konsequenten Ausbau des Ganztagsangebots an den Schulen. Aufgrund von Wissens- und Sprachdefiziten könnten Eltern ihren Kinder häufig nicht bei den Hausaufgaben helfen, bei einem betreuten Nachmittagsangebot aber hätten Schüler die Möglichkeit, Lern- und Hausaufgabenhilfen in Anspruch zu nehmen. „Das Unterstützungsangebot muss aber noch weiter ausgebaut werden.“

Neben der Bildung sei auch ein gutes Familienklima ein wichtiger Pfeiler, um Armut der Kinder vorzubeugen. Wenn die Atmosphäre in der Familie stimme und auf eine Vertrauensbasis zwischen Eltern und Kinder aufgebaut werden kann, dann sei das für die weitere Entwicklung der Kinder nur gut.

Verschiedene Formen von Armut

Nach der Definition der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit ist unter Jugendarmut sowohl eine materielle Unterversorgung als auch ein Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe zu verstehen. Ausdrücklich mit eingeschlossen seien emotionale, soziale und kulturelle Armut.

Eine ähnliche Einschätzung nahmen Kinder und Jugendliche selbst vor: Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts von 2008 sind diejenigen Gleichaltrigen „arm dran“, die in der Familien häufig Ärger haben, denen es an Kontakten zu Gleichaltrigen mangelt, die in der Schule Probleme haben, bei denen selbst die Eltern nicht helfen können, sowie Kinder, denen es an Freizeitaktivitäten mangelt. Die Studie zeigte ebenso auf, dass Kinder, die aus schwächeren finanziellen Verhältnissen stammen, durchaus viele Freunde um sich herum haben und in der Schule eine positive Entwicklung nehmen können.

„Deutlich wird, dass für Kinder in prekären Lebenslagen zusätzliche, über finanzielle Transfers hinausgehende Formen der Unterstützung und Förderung nötig sind“, ziehen Pädagogik-Professorin Sabine Walper von der LMU München und Birgit Riedel, wissenschaftliche Referentin des Deutschen Jugendinstituts, ihren Schluss aus der Studie. Zwar werde von Eltern alles dafür getan, materielle Probleme von den Kindern fernzuhalten, doch könnten damit mangelnde Bildungsressourcen nicht kompensiert werden. Wichtig sei vielmehr ein ausreichender Rückhalt in der Familie sowie die „Unterstützung beim Erlernen von positiven Handlungsstrategien“.

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