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Zinsen spalten Europa

Der historisch tiefe Leitzins erzürnt deutsche Sparer. In den südeuropäischen Ländern freuen sich die Wirtschaften über das billige Geld.
Von Martin Anton, MZ

Sparen bringt derzeit keine Rendite. Foto: dpa

Frankfurt.Anfang des Jahres sprach der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Georg Fahrenschon, bei einer Veranstaltung der CSU in Abensberg. Der MZ gegenüber klagte der ehemalige bayerische Finanzminister über die niedrigen Einlagezinsen. „So werden Vermögen aufgefressen“, resümierte der oberste deutsche Sparkassler und forderte: „Die Zinsen müssen jetzt Schritt für Schritt erhöht werden.“

Das war im Februar und der von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgesetzte Leitzins lag mit 0,75 Prozent so niedrig wie noch nie. Nach weiteren Korrekturen im Mai und zuletzt im Dezember liegt der Leitzins inzwischen bei 0,25 Prozent und Herrn Fahrenschons regelmäßige Appelle verhallen zwischen den Bankentürmen von Frankfurt.

Das Geld unter der Matratze

In der Tat bringt das Sparen derzeit keine Renditen. Oder, wie ein Analyst es ausdrückte: „Es ist egal, ob ich mein Geld zur Bank trage oder zu Hause lasse.“ Soll heißen: Die Wahrscheinlichkeit, dass zu den Geldscheinen unter der Matratze wie magisch regelmäßig einer dazukommt, ist genauso hoch, wie eine Vermehrung des Geldes durch Zinsen auf dem Bankkonto.

Doch während Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Versicherungen in Deutschland den Kopf schütteln, freuen sich die Wirtschaften in den südeuropäischen Ländern über das billige Geld. Weitere Gewinner der Niedrigstzinsen sind die Börsen. Aus Angst vor der kalten Enteignung legen Anleger ihr Geld in Aktien an. Die Leitindizes in den USA und Deutschland stellen Rekord nach Rekord auf, der Dax soll in absehbarer Zeit die 10 000-Punkte-Marke erreichen.

Wem Aktiengeschäfte nach wie vor als Zockerei gelten, der kauft sich Immobilien. In Regensburg stiegen die Kaufpreise laut eines Immobilienreports in den vergangenen fünf Jahren um 63,4 Prozent – Spitzenwert in Deutschland.

EZB prüft Negativzins

Und es ist kein Ende in Sicht: Nach Willen der Notenbankchefs sollen die Zinsen noch eine ganze Weile niedrig bleiben. Mehr noch, die EZB prüft inzwischen sogar die Einführung eines Negativzins. Bei solch einer Maßnahme müssten die Banken für ihre Einlagen bei der Notenbank eine Gebühr zahlen. Das soll dazu führen, dass die Banken sich untereinander wieder mehr Geld leihen und somit auch die Kreditvergabe in Südeuropa wieder in Schwung kommt.

Christian Gelleri fühlt sich durch diese Diskussion bestätigt. Der Wirtschaftspädagoge gründete vor zehn Jahren mit dem „Chiemgauer“ eine Regionalwährung mit einer sogenannten Rückhaltegebühr. Dadurch, dass das Geld mit der Zeit an Wert verliert, soll ein schnellerer Geldumlauf gewährleistet werden. Etwa dreimal schneller wechsele der Chiemgauer im Durchschnitt den Besitzer als es beim Euro der Fall ist. „Hortung führt zu Krisen“, ist sich Gelleri sicher. Tatsächlich wird die Konsumfreude der Deutschen im vergangenen Jahr unter anderem mit den niedrigen Zinsen begründet.

Kaum Auswirkungen hatte der Zinssatz der EZB auf die zum Teil hohen Dispozinsen in Deutschland. Immerhin, nach der letzten Zinssenkung kündigten einige Banken an, die Überziehungszinsen senken zu wollen.

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