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Verbrechen

Messerattacke: Augenzeugen schockiert

Am Tag nach der Tat sind noch viele Fragen offen. Wir haben mit einem Bauarbeiter, der erste Hilfe leistete, gesprochen.
Von Heike Haala, MZ

Bauarbeiter Klaus Schwarz hörte die Schmerzensschreie des Opfers, holte einen Verbandskasten aus einem Baucontainer und assistierte einem zufällig vorbeigekommenen Arzt, bis die Sanitäter eintrafen. Foto: Haala
Bauarbeiter Klaus Schwarz hörte die Schmerzensschreie des Opfers, holte einen Verbandskasten aus einem Baucontainer und assistierte einem zufällig vorbeigekommenen Arzt, bis die Sanitäter eintrafen. Foto: Haala

Regensburg.Am Tag nach der Messerattacke auf dem St.-Kassians-Platz in der Regensburger Innenstadt, bei der ein 28-Jähriger schwer am Rücken verletzt wurde, stellen sich viele Fragen: Warum hat der Tatverdächtige 23-jährige Syrer den Mann niedergestochen? Wieso hatte er ein Messer dabei? Wieso traf es gerade den 28-Jährigen, der nach der Tat für einige Stunden in Lebensgefahr schwebte und von den Ärzten gerettet wurde?

Die Kriminalpolizei sucht nach Antworten auf diese Fragen. Armin Bock, Pressesprecher am Polizeipräsidium Oberpfalz, berichtet im Gespräch mit unserem Medienhaus von intensiven Vernehmungen. Da zum Tatzeitpunkt viele Menschen im Bereich des St.-Kassians-Platzes unterwegs waren, gibt es auch viele Zeugen, die jetzt vernommen werden müssen. Ein Verhör kann sich bis zu vier Stunden hinziehen.

Intensive Vernehmungen

Hier geschah der Angriff. Bild: MZ_Infografik
Hier geschah der Angriff. Bild: MZ_Infografik

„Während dieser Gespräche haben sich Indizien für eine psychische Erkrankung des Tatverdächtigen ergeben“, sagt sein Pressesprecher-Kollege Marco Müller. Sowohl die Aussagen des Tatverdächtigen selbst als auch die der Zeugen deuten auf so eine Erkrankung hin. Ebenso ergeben sich aus der Vorgeschichte des Mannes entsprechende Hinweise. Müller konnte aus ermittlungstaktischen Gründen aber nicht sagen, welche Hinweise das genau sind. Die psychische Erkrankung könnte der Grund für die Tat sein. Derzeit ist der Tatverdächtige in der Forensik untergebracht. Dort soll er wegen des Verdachts auf versuchten Mord bleiben.

Weiterhin unklar ist, warum der Mann ein Messer dabei hatte. Wo der tatverdächtige Asylbewerber lebt, konnte die Polizei mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen. Das Opfer stamme aus der nördlichen Oberpfalz. Es gibt bis jetzt keine Hinweise darauf, dass sich der Tatverdächtige und das Opfer gekannt haben. Ob der 28-Jährige ein Zufallsopfer war, das willkürlich ausgewählt wurde, ist noch offen.

Weiterhin sollen die Ermittlungen klären, ob der Tatverdächtige einen extremistischen oder einen islamistischen Hintergrund hat und ob der mutmaßliche Täter Kontakt zu eventuellen Anstiftern oder Gehilfen hatte. Dabei wird auch abgeklärt, ob es sich um einen der Messerangriffe handelt, zu denen der so genannte „Islamische Staat“ seit einiger Zeit etwa über soziale Medien aufruft. Im Moment gibt es aber noch keine Hinweise darauf.

Die Polizei sperrte den Kassiansplatz am Mittwoch ab. Foto: Steffen
Die Polizei sperrte den Kassiansplatz am Mittwoch ab. Foto: Steffen

Augen- und Ohrenzeugen, die die Tat am St.-Kassians-Platz mitbekommen haben, steht der Schreck am Donnerstag noch ins Gesicht geschrieben. Zum Beispiel dem Bauarbeiter Klaus Schwarz von der Firma Guggenberger. Er war gerade bei den Containern am St.-Kassians-Platz, um seinen Bus vollzutanken, als er die Schmerzensrufe des Opfers hörte. Der 28-Jährige habe geschrien: „Der hat mir was reingehauen.“ Dann sei der Täter davongelaufen. Schwarz rannte sofort in den Baucontainer und holte einen Verbandskasten. Als er wieder nach draußen kam, war schon ein Arzt zur Stelle, der zufällig auf dem St.-Kassians-Platz unterwegs war. Der Bauarbeiter assistierte ihm, bis die Rettungskräfte nach kurzer Zeit eintrafen. „In so einer Situation werden Minuten aber ganz schön lang“, sagt er.

Die Polizei sperrte den Kassiansplatz am Mittwoch ab. Foto: Steffen
Die Polizei sperrte den Kassiansplatz am Mittwoch ab. Foto: Steffen

Schwarz riss den Verbandskasten auf und reichte dem Arzt auf Anweisung eine Schere, damit der dem Opfer den blutverschmierten Pullover aufschneiden konnte, Mullbinden, um die Blutung zu stillen und redete dem Opfer dabei gut zu. Der Mann habe immer wieder verzweifelt gefragt, warum es gerade ihn getroffen hat. Er habe doch nur mit seiner Frau zum Shoppen gehen wollen. Schwarz hüllte das Opfer in eine Rettungsdecke und sagte immer wieder: „Der Sanka kommt gleich, alles wird gut.“ Als Schwarz am Mittwoch von der Arbeit nach Hause kam, musste er erst einmal mit seiner Frau reden, um das Erlebte zu verarbeiten. Als einen Helden sieht er sich nicht. Für den Bauarbeiter ist es selbstverständlich, in so einer Situation zu helfen. „Darum geht es doch“, sagt er.

Haritun Sarik lobt die Zivilcourage der Passanten. Foto: Haala
Haritun Sarik lobt die Zivilcourage der Passanten. Foto: Haala

Feinkosthändler Haritun Sarik bediente gerade eine Kundin, als er die Schreie in der Viereimergasse hörte. Er blickte nach draußen und sah, wie ein paar junge, kräftige Männer den Tatverdächtigen vor dem Sportgeschäft „Adrenalin Corner“ am Boden festhielten. Zuvor hatte ihm einer von ihnen ein Bein gestellt. An den Blick des Tatverdächtigen kann er sich noch gut erinnern: „Er war blass und hatte weit aufgerissene Augen“, sagt Sarik. Außerdem wehrte er sich gegen die Männer, die ihn in Schach hielten. Sarik lobt die Zivilcourage dieser Männer und der Ersthelfer.

Auch Buchhändler Ulrich Dombrowsky beschäftigt die Tat am Donnerstag noch. Sein Mitarbeiter fand am Morgen Kreideschmierereien der rechten Vereinigung „Der III. Weg“ auf dem Pflaster vor dem Geschäft. Neben einer Internetadresse stand dort „multikulti tötet“, daneben waren die Umrisse eines Menschen zu sehen. „Der III. Weg“ steht unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes und hat sich laut aktuellem Bericht des Landesamts einem „stark neonazistisch geprägten Rechtsextremismus“ verschrieben. Die Feuerwehr beseitigte die Schmiererei.

Dombrowsky bezieht Position

Buchhändler Ulrich Dombrowsky Foto: Haala
Buchhändler Ulrich Dombrowsky Foto: Haala

Für Dombrowsky ist der Zusammenhang zwischen dem Gekritzel und der Tat bzw. der syrischen Herkunft des mutmaßlichen Täters klar. Der Buchhändler, an dessen Ladentür ein Anti-Nazi-Sticker und ein Plakat mit einer Lesungsankündigung des syrischen Autoren Rafik Shami kleben, emfpindet die Kreideschmierereien als Unding. „Der Fall ist noch nicht gelöst. Sollte es sich bei dem Verdächtigen um den Täter handeln, muss er zur Verantwortung gezogen werden. Aber niemand begeht ein Verbrechen deswegen, weil er aus Syrien kommt“, sagt Dombrowsky.

Bock lobt ausdrücklich die Reaktion der couragierten Zeugen, die den Tatverdächtigen festhielten. Sie sei gar nicht hoch genug einzuschätzen. So konnte er schnell festgenommen werden. Bock will sich gar nicht ausmalen, welche Verunsicherung jetzt in der Bevölkerung herrschen würde, wenn der mutmaßliche Täter nicht hätte gefasst werden können und sich auf der Flucht befände.

Polizeisprecher Marco Müller im Interview:

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