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Was hilft dem Zappelphilipp?

Ist ein Kind nur etwas hibbelig – oder leidet es an ADHS? Diese Frage zu entscheiden, ist selbst für Experten nicht einfach.
Von Anja Garms

Die Frage, wann an ADHS erkrankte Kinder mit Medikamenten behandelt werden sollen, wird immer wieder diskutiert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Die Frage, wann an ADHS erkrankte Kinder mit Medikamenten behandelt werden sollen, wird immer wieder diskutiert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Berlin. „Ob der Philipp heute still, wohl bei Tische sitzen will?“, fragt sich der Vater vom Zappel-Philipp zu Beginn des Gedichts von Heinrich Hoffmann. Er wird enttäuscht werden: Philipp zappelt und kippelt mit dem Stuhl bis er fällt, reißt das Tischtuch mit sich, das Abendessen ist dahin. „Suppenschüssel ist entzwei, und die Eltern stehen dabei. Beide sind gar zornig sehr, haben nichts zu essen mehr.“

Heute wird das Gedicht oft als Beschreibung eines Kindes mit ADHS gelesen, einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder eben dem Zappelphilipp-Syndrom. Das Zappeln, die Unruhe, das Nicht-Stillsitzen-Können sind allerdings nur einige Anzeichen von vielen, die die neuropsychologische Störung kennzeichnen. ADHS-Betroffene sind oft unaufmerksam, können sich schlecht konzentrieren und ihre Gefühle nur schwer kontrollieren.

 Ein zehnjähriger Junge hält beim Erledigen seiner Hausaufgaben seinen Kopf. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland stellen die Ärzte Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) fest. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Ein zehnjähriger Junge hält beim Erledigen seiner Hausaufgaben seinen Kopf. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland stellen die Ärzte Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) fest. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die genauen Ursachen sind unklar, Fachleute vermuten sowohl genetische als auch Umwelteinflüsse. Die Störung zieht häufig Schwierigkeiten in der Schule, in der Familie und im sonstigen sozialen Umfeld nach sich. Auch Erwachsene können noch unter ADHS leiden.

Wie stark welche Symptome bei einzelnen Patienten auftreten, ist sehr unterschiedlich. Auch deshalb sind Diagnose und Behandlung von ADHS kompliziert. Nun haben Fachleute eine neue Leitlinie vorgestellt, die Ärzten aktualisierte Empfehlungen für die Betreuung von ADHS-Patienten an die Hand gibt. Eine der wesentlichen Neuerungen: Künftig sollen auch für Kinder mit einer mittelschweren ADHS früh im Therapieverlauf Medikamente wie Ritalin erwogen werden. Ritalin soll die ADHS-Symptome lindern. Bisher wurde eine unmittelbare Behandlung mit Medikamenten vorrangig für Kinder mit einer starken Ausprägung der psychischen Störung empfohlen.

Neuer Ansatz bei der Therapie

„Die Auswertung der aktuellen Datenlage hat gezeigt, dass die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie auf die Kernsymptome der ADHS nicht sicher belegt ist, in der Praxis die Symptomatik häufig nicht ausreichend gebessert wird“, erläutert Tobias Banaschewski vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Der Stellvertretende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) hat die Erstellung der Leitlinie, an der Vertreter von mehr als 30 Fachgesellschaften und -verbänden beteiligt waren, koordiniert.

Mit der Neufassung hat sich die Expertenkommission ein Stück weit dem angepasst, was in der Behandlung ohnehin schon üblich ist, nämlich auch mittelschwer ausgeprägte ADHS-Störungen mit Medikamenten zu behandeln. „Weil wir festgestellt haben, dass die gängige Praxis mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand übereinstimmt“, wie Banaschewski betont. Für ADHS-Patienten und ihre Familien wird sich mit der neuen Leitlinie vermutlich also wenig ändern.

Oft gibt es zu schnell Medikamente

„Keine Medikation ohne begleitende Psychotherapie.“

Ralph Schliewenz, Diplom-Psychologe

Die explizite Ausweitung der medikamentösen ADHS-Behandlung dürfte dennoch manchen Kritiker auf den Plan rufen. Einige Fachleute fürchten, dass die Medikamente zu häufig verordnet werden. Zumindest bei einem Teil der Kinder seien Überforderung und Stress oder andere Erkrankungen für bestehende Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich. Zum Teil seien sie im Rahmen der kindlichen Entwicklung auch normal. So hatten etwa Studien gezeigt, dass früh eingeschulte Kinder häufiger eine ADHS-Diagnose bekommen – ihr Verhalten werde mit dem der älteren, reiferen Kinder verglichen und eher als auffällig empfunden, vermuten die Wissenschaftler.

Schaut man auf die Zahlen, hat zumindest in den vergangenen zehn Jahren die Verschreibung von ADHS-Medikamenten in Deutschland nicht generell zugenommen. Seit 2012 sind die verordneten Tagesdosen für Methylphenidat – dem Wirkstoff von Ritalin und das mit Abstand am häufigsten verschriebene Präparat – rückläufig, wie Daten zu den von niedergelassenen Ärzten verordneten und über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechneten Arzneimittel zeigen. Beim erst 2013 zugelassenen Wirkstoff Lisdexamfetamin, der wesentlich seltener verordnet wird, ist hingegen eine Zunahme festzustellen. Obwohl es laut dem Gemeinsamen Bundesausschuss, der unter anderem den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung bestimmt, keinen Hinweis auf einen zusätzlichen Nutzen des deutlich teureren Wirkstoffs gibt.

Generelle Ablehnung falsch

„Medikamente wirken immer nur so lange, wie man sie nimmt. Sie allein können die mit ADHS einhergehenden Probleme nicht beseitigen.“

Ralph Schliewenz, Diplom-Psychologe

Viele behandelnden Ärzte und Therapeuten halten eine generelle Ablehnung einer medikamentösen Behandlung für falsch. „Ich würde es quasi als Kunstfehler ansehen, ADHS-Patienten Medikamente vorzuenthalten“, sagt etwa Ralph Schliewenz, Diplom-Psychologe aus Soest und Mitglied im Vorstand der Sektion Klinische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).

Allerdings: „Keine Medikation ohne begleitende Psychotherapie“, betont Schliewenz. „Medikamente wirken immer nur so lange, wie man sie nimmt. Sie allein können die mit ADHS einhergehenden Probleme nicht beseitigen. Eine Verhaltenstherapie hilft dabei.“

Auch am Universitätsklinikum Tübingen werden ADHS-Patienten mit einem umfassenden Behandlungsplan therapiert. „Eine reine Medikamententherapie gibt es bei uns nicht“, sagt Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Diese Praxis bildet auch die neue Leitlinie ab. Eine Verhaltenstherapie werde weiterhin begleitend bei allen Schweregraden der ADHS empfohlen, sagt Banaschewski. Auch der Psychoedukation, die Betroffenen und Eltern Strategien für den Umgang mit ADHS vermitteln soll, werde nach wie vor ein hoher Stellenwert eingeräumt, sie soll Bestandteil jedes Behandlungsplans sein.

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