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Wenn die Luft zum Atmen fehlt

Michael Bauer ist einer der „Problemfälle“ im Regensburger Asthmazentrum. Eine innovative Therapie half ihm zurück ins Leben.
Von Julia Weidner

Michael Bauer fährt regelmäßig von Passau nach Regensburg in die Uniklinik, weil er sich dort im Asthmazentrum am besten aufgehoben fühlt. Fotos: Weidner

Regensburg.Mitten in der Nacht wacht Michael Bauer auf. Er röchelt, schnappt nach Luft – wird panisch. Schnell greift er nach seinem Notfallspray. Es ist immer in Reichweite. Er schießt sich sein Spray in den Mund. Nach 30 Sekunden lässt der Anfall langsam nach.

Michael Bauer (Name von d. Red. geändert) hat Asthma. Er ist einer von fünf bis sechs Millionen Menschen in Deutschland, die daran leiden. „Asthma ist eine Volkskrankheit“, sagt Professor Dr. Christian Schulz. Er ist leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II und betreut Michael Bauer seit 2010. Schulz schätzt die Zahl der „Problemfälle“, wie er sie nennt, auf zehn Prozent. „Nicht alle Asthmatiker sind so schwer krank wie Michael, nicht immer ist die Behandlung so aufwendig und intensiv.“

Cortison hilft nur kurz

„Cortison ist zwar ein tolles Medikament, aber auch pures Gift für den Körper.“

Michael Bauer

Die Erkrankung kam bei Michael Bauer mit 23 Jahren über Nacht. Er hatte eine Grippe verschleppt, eines Tages wachte er auf und bekam keine Luft mehr. Sein Hausarzt stellte sofort die richtige Diagnose: Asthma. Behandelt wurde Bauer zuerst mit Cortison. Doch schnell wurde ihm klar: „Cortison ist zwar ein tolles Medikament, aber auch pures Gift für den Körper.“ Mit jedem weiteren, stärkeren Anfall stieg seine Dosis. Und damit machten sich auch immer mehr die Nebenwirkungen des Medikaments bemerkbar: Gewichtszunahme, Zucker, Osteoporose.

Dann hatte Bauer seinen ersten Termin bei Professor Dr. Christian Schulz. Zuvor war Bauer bei einem Lungenarzt in seiner Heimat in Passau. „Der war mit meinem Fall überfordert“, sagt der 35-Jährige. Seit 2010 wird Michael Bauer im Asthmazentrum am Uniklinikum in Regensburg behandelt. Dort entwickeln die Ärzte für Patienten wie Bauer, bei denen die Erkrankung über gelegentliche Hustenanfälle hinausgeht, individuelle Therapieoptionen. Das können unter anderem auch Therapien mit Antikörpern sein. Ziel ist, dass das Asthma unter Kontrolle gebracht wird und der Patient nach einiger Zeit wieder in der Heimat betreut werden kann. Solche Zentren sind in Deutschland rar gesät. Auch Michael Bauer fährt für jeden Termin 110 Kilometer von Vilshofen nach Regensburg. Jetzt sagt er, dass sich dieser Weg lohnt: „Ich habe hier das Gefühl, dass mir jede Therapiemöglichkeit, die es gibt, angeboten wird.“

Therapieoptionen

  • Im Asthmazentrum

    in Regensburg versuchen die Ärzte, für jeden Patienten eine individuelle Therapie zu entwickeln. Sind bei Patienten mit schwerem Asthma alle pharmakologischen Therapieoptionen ausgereizt, kommt zum Beispiel die innovative Biologica-Therapie zum Einsatz, bei der die Asthmapatienten mit Antikörpern behandelt werden.

  • Benralizumab

    ist einer dieser Asthma-Antikörper. Er wurde im Januar 2018 in der EU zugelassen. Seit drei Monaten bekommt auch Michael Bauer alle vier Wochen eine Spritze mit dem Antikörper in der Uniklinik Regensburg.

Doch zuerst konnte auch die Behandlung am Uniklinikum nicht verhindern, dass die Asthmaanfälle immer schlimmer wurden. „An manchen Tagen konnte ich mich kaum bewegen“, erzählt Bauer. Während dieser Zeit zog er sich immer mehr zurück. Vor seiner Erkrankung spielte er im Verein Fußball. „Meine Teamkollegen haben mich ein Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen“, sagt er. Denn an Sport war lange Zeit kaum zu denken. Für Michael Bauer, der immer sehr aktiv war, ein weiterer Rückschlag. Auch im Urlaub schränkte ihn seine Krankheit ein. Bevor er eine Reise plante, überlegte er: „In welchem Land möchte ich nicht in einem Krankenhaus behandelt werden?“ Lange habe er seine Krankheit nicht akzeptiert und sich ständig übernommen. „Dann hat mir das Asthma wieder eine runtergehauen.“ Mit der Zeit wurde er schlauer, nahm sich Zeit zum Regenerieren.


Asthmaanfall bringt ihn ins Krankenhaus

Mit 31 Jahren verschlechterte sich sein Zustand immer weiter. Drei bis vier Mal pro Woche überraschten ihn seine Asthmaanfälle mit unglaublicher Härte. „Jedes Mal fühlte es sich so an, als würde ich ersticken“, erzählt er. Einmal reichte die Dosis seines Notfallsprays nicht aus und er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. „Damals habe ich gedacht: Ich kann nicht mehr.“

Seit drei Monaten wird Michael Bauer mit dem Antikörper Benralizumab behandelt. Foto: Weidner

Jetzt, fast vier Jahre später, ist von dieser Ratlosigkeit nichts mehr zu spüren. Er spielt wieder Fußball, unternimmt viel, lässt sich nicht mehr einschränken von seiner Krankheit. Im Jahr 2014 konnte bei ihm die bronchiale Thermoplastie angewendet werden. Bei diesem innovativen Verfahren wird an die Wände der Atemwege Wärme abgegeben, durch die sich die Muskeln in den Bronchien zurückbilden. Dadurch können die Patienten wieder befreit atmen. „Wir haben die bronchiale Thermoplastie im Jahr 2014 bei uns am Asthmazentrum eingeführt, um Patienten zu helfen, bei denen alle anderen Therapien kaum angeschlagen haben“, erklärt Professor Schulz. Michael Bauer war so ein Fall.

Endlich schlägt eine Therapie an

„Ich habe meine ganze Hoffnung in diese Therapie gesetzt.“

Michael Bauer

„Dieses Verfahren hat meine Uhren um Jahre zurückgestellt“, sagt der 35-Jährige. Zusammen mit einem anderen Patienten war er der erste, der auf diese Weise im Uniklinikum in Regensburg behandelt wurde. Genau zum richtigen Zeitpunkt: „Ich habe meine ganze Hoffnung in diese Therapie gesetzt.“ Seine lange Krankheitsgeschichte habe ihn langsam zermürbt. Und auch dann ging es nicht schlagartig bergauf: „Die ersten drei Monate nach der Therapie ging es mir extrem schlecht“, erzählt er. Der Arzt hatte das vorausgesagt, wurden seine Atemwege bei der Behandlung doch sehr gereizt.

Dann – von einer Nacht auf die andere – änderte sich das Leben von Michael Bauer. So überraschend, wie das Asthma gekommen war, so überrascht war er, als er zwölf Wochen nach der Thermoplastie aufwachte und auf einmal wieder durchatmen konnte. „Meine Lunge war zum ersten Mal nach zwölf Jahren am Morgen frei.“

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