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Familie

„Guck mal, da kommt der Opa“

Väter jenseits der 50 oder 60 sind keine Seltenheit mehr. Wie geht man damit um, wenn einen alle für den Opa halten?
Von Teresa Nauber, dpa

Reiner Kuhn ist über 60 und Vater von vier Töchtern. Die Kleinste ist inzwischen sechs Jahre alt und hat kein Problem damit, dass ihr Papa kein junger Mann mehr ist. Fotos: Uwe Zucchi/tmn/dpa
Reiner Kuhn ist über 60 und Vater von vier Töchtern. Die Kleinste ist inzwischen sechs Jahre alt und hat kein Problem damit, dass ihr Papa kein junger Mann mehr ist. Fotos: Uwe Zucchi/tmn/dpa

Wiesbaden.Als Tochter Nummer vier geboren wurde, machte sich Reiner Kuhn schon Sorgen: Würden seine Nerven das mitmachen? Ein Baby, das kaum schläft und viel schreit – in seinem Alter? Kuhn war 55, als die heute Sechsjährige zur Welt kam. Ein alter Vater, ohne Frage, aber in zunehmend guter Gesellschaft. Zwar bekommt das Gros der Männer immer noch zwischen Mitte 20 und Mitte 40 Kinder, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Doch die Zahl der Männer, die jenseits der 50 Vater werden, steigt.

Kuhns Sorgen bestätigten sich nicht. Die Entbehrungen der ersten Monate fielen ihm nicht schwerer als bei seinen anderen Töchtern. Die erste wurde geboren, als er Anfang 30 war, bei den anderen beiden war er Mitte 40. „Alle 10 Jahre krabbelte ein Baby durch mein Haus, und für mich gibt es nichts Schöneres“, sagt er. Vatersein, das ist für Kuhn ein großes Geschenk. Deswegen hat er auch den Anspruch, für die Kleinste genauso da zu sein wie für die anderen drei. Ruhestand, Reisen, sein Ding machen – das kommt für ihn vorerst nicht infrage. „Natürlich schränkt mich das ein Stück weit ein, aber die Präsenz meiner Töchter macht das absolut wett.“

Jeder kann ein guter Vater sein

Ist es egoistisch, auch in höherem Alter noch Kinder in die Welt zu setzen? Vater zu werden, wenn andere Opa werden? „Es kommt darauf an“, sagt Familientherapeut Björn Enno Hermans, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie. Grundsätzlich kann jeder ein guter Vater sein, unabhängig vom Alter. „Häufig bringen ältere Väter viel Lebenserfahrung mit und sind gelassener im Umgang mit ihren Kindern.“ Aber: Es sei wichtig, nicht die Rolle eines Großvaters einzunehmen. „Der Vater sollte nicht derjenige sein, bei dem mehr durchgeht oder bei dem das Kind mehr verwöhnt wird.“ Die väterliche Autorität sei wichtig für die Entwicklung des Kindes.

„Häufig bringen ältere Väter viel Lebenserfahrung mit und sind gelassener im Umgang mit ihren Kindern.“

Familientherapeut Björn Enno Hermans

Auf der anderen Seite sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Dana Mundt von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung hat die Erfahrung gemacht, dass ältere Väter manchmal zu viel von einem Kleinkind erwarten. „Kinder sollte man behandeln wie Kinder“, sagt sie. Sie zu fördern, braucht manchmal viel Geduld. Ob man die aufbringt, hänge aber nicht nur vom Alter, sondern auch vom Typ ab.

Gelassener und ruhiger

Reiner Kuhn hat nicht das Gefühl, dass er seiner kleinen Tochter mehr oder weniger durchgehen lässt als der ältesten. Natürlich sei er erfahrener, vielleicht auch etwas ruhiger. Er sei aber immer schon ein sehr gelassener Vater gewesen. „Ich versuche, meine Kinder nicht einzuschränken, sondern ihnen Rückhalt zu geben, damit sie sich frei entfalten können.“ Sorgen bereitet ihm etwas ganz anderes: „Man rechnet schon nach, wenn man mit Mitte 50 noch mal Vater wird.“ Ist die Kleine jugendlich, wird er bereits 70 sein. „Wie fit bin ich dann noch?“

Hermans zufolge muss die Tatsache, dass der Vater vielleicht nicht mehr auf Bäume klettern kann, nicht zwingend ein Nachteil sein. Entscheidend ist, dass man es im Blick hat und im Zweifelsfall kompensiert. „Fußballspielen kann ja vielleicht auch ein Onkel oder Freund der Familie mit den Kleinen.“ Eins müsse man sich ihm zufolge allerdings klarmachen: Die Zeit, die ein älterer Vater mit dem Kind hat, sei zumindest statistisch gesehen begrenzt. Möglicherweise muss das Kind früher mit dem Verlust des Vaters umgehen als andere.

Diese Prominenten sind ebenfalls spät Vater geworden:

Prominente ältere Väter

  • Jan Hofer:

    Mit 64 Jahren wurde der “Tagesschau“-Chefsprecher noch einmal Vater. 2015 kam der kleine Henry zur Welt. Insgesamt hat Hofer vier Kinder.

  • Clint Eastwood:

    Die Hollywood-Legende hat insgesamt sieben Kinder. Eastwood war bereits 66 Jahre alt, als seine jüngste Tochter zur Welt kam.

  • Jean Pütz:

    Der Moderator wurde mit 74 Jahren noch einmal Papa. Insgesamt hat er zwei Kinder. Der Altersunterschied zwischen beiden beträgt 40 Jahre.

  • Mick Jagger:

    Der britische Altrocker ist mit 73 Jahren zum achten Mal Vater geworden. Sein jüngstes Kind ist zweieinhalb Jahre jünger als die 2014 geborene Urenkelin.

Ob Bogenschießen oder im Garten herumtollen: Mit seiner Jüngsten möchte Reiner Kuhn genauso aktiv sein wie mit seinen älteren Töchtern. Foto: Uwe Zucchi/dpa-tmn
Ob Bogenschießen oder im Garten herumtollen: Mit seiner Jüngsten möchte Reiner Kuhn genauso aktiv sein wie mit seinen älteren Töchtern. Foto: Uwe Zucchi/dpa-tmn

Die Kinder selbst denken über solche Dinge natürlich nicht nach – zumindest, solange sie klein sind. Ihnen wird die ungewöhnliche Konstellation häufig erst bewusst, wenn komische Kommentare aus dem Umfeld kommen. Bis dahin, das ist auch die Erfahrung von Erziehungsberaterin Mundt, ist der ältere Vater für das Kind ganz normal. Reiner Kuhns Tochter war kürzlich zum ersten Mal damit konfrontiert, als ihr auf dem Spielplatz jemand zurief: „Guck mal, da kommt dein Opa.“ Die Sechsjährige sei ganz cool geblieben und habe einfach geantwortet: „Nein, das ist mein Papa.“ Fertig. Genau die richtige Reaktion, sagt Mundt. In solchen Situationen heißt es, „cool“ bleiben“. Auf keinen Fall sollte der Vater das persönlich nehmen. „Kinder sagen, was ihnen gerade in den Kopf kommt.“ Tätowierte Väter bekämen auf dem Spielplatz auch oft zu hören, sie hätten sich bemalt.

Reiner Kuhn hat seit 30 Jahren einen Buggy in der Garage stehen. Manche Freunde können das nicht nachvollziehen. Er hingegen kann es sich gar nicht anders vorstellen.

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