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Gesundheit

Kampf gegen Diabetes ist mühsam

350 Millionen Diabetiker gibt es weltweit. Experten befürchten, dass sich die Zahl innerhalb von 20 Jahren verdoppeln könnte.
Von Gisela Gross, dpa

Zu viel fettes Essen, zu wenig Bewegung: Dieser Lebensstil begünstigt die Entstehung von Diabetes.
Zu viel fettes Essen, zu wenig Bewegung: Dieser Lebensstil begünstigt die Entstehung von Diabetes. Foto: Gero Breloer/dpa

Berlin.Beim Bäcker sind es Törtchen, Plunderteilchen, Kuchen. Im Supermarkt die Regalreihen voller Schokoriegel, Fertigprodukte und Chipstüten. Verlockungen lauern an jeder Ecke. „Früher haben die Menschen das Essen gejagt. Heute jagt das Essen die Menschen“, sagt Silvia Schönfuss, Ernährungsberaterin an der Diabetes-Ambulanz der Berliner Charité.

Die Arbeit dürfte hier auch in Zukunft nicht ausgehen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird sich die Zahl der aktuell 350 Millionen Diabetiker weltweit in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Der Kampf gegen Diabetes stand in diesem Jahr im Mittelpunkt des Weltgesundheitstages am 7. April. In Deutschland erkranken laut Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) jedes Jahr 300 000 Menschen, allerdings ist die Dunkelziffer groß. Bis zu zwei Millionen Menschen wissen nach aktuellen DDG-Schätzungen noch nichts von ihrer Erkrankung.

Die Verbreitung des bewegungsarmen, aber kalorienreichen westlichen Lebensstils gilt als Mitursache, dass selbst in Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Kinder übergewichtig und fettleibig sind. Zu dicke Kinder mit erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes seien auch in Deutschland ein Problem, sagt der Mediziner Thomas Bobbert, der die endokrinologische Tagesklinik der Charité leitet.

Kritik von Verbraucherschützern

„Die Lebensmittelindustrie trägt eine gehörige Mitschuld am weltweiten Anstieg von Diabetes Typ 2“, sagt Verbraucherschützer Oliver Huizinga von Foodwatch. Mit kindgerechter Werbung für Junkfood, Süßigkeiten und Softdrinks müsse Schluss sein. Und auch die Politik trage wie bei Zigaretten Verantwortung, sagt DDG-Vizepräsident Dirk Müller-Wieland. Er begrüßt die Mitte März von der britischen Regierung angekündigte Einführung einer Zuckersteuer für Softdrink-Unternehmen – in mehreren Ländern, auch in der EU, gibt es solche Modelle schon.

Doch sind es allein die Kaufentscheidungen, die zuckerkrank machen? Was ist gut, was böse? Diese Frage stelle sich heutzutage nicht mehr, betont Schönfuss. „Wir verbieten nichts. Was verboten ist, gewinnt an Reiz und wird heimlich gegessen.“ Sie betont: Die Dosis macht das Gift.

Diabetes

  • Typ 1:

    Die Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 ist vergleichsweise selten – in Deutschland sind 300 000 Fälle bekannt. Sie tritt oft bereits in jungen Jahren auf. Die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse werden vom eigenen Immunsystem zerstört, der Körper kann das Hormon ein Leben lang nicht produzieren. Insulin ist wichtig, damit Zucker aus dem Blut in Körperzellen gelangt.

  • Typ 2:

    Diabetes Typ 2 verursacht laut Weltgesundheitsorganisation 90 Prozent der Fälle weltweit. Die Stoffwechselstörung breitet sich immer stärker aus. Früher wurde dieser Typ oft „Altersdiabetes“ genannt, zunehmend sind aber auch junge Menschen betroffen. Bei ihnen wirkt das Hormon Insulin nicht mehr richtig. Als Ursachen gelten unter anderem die Ernährung, Fettleibigkeit und mangelnde Bewegung.

Auch Mediziner Bobbert will bei fettleibigen Kindern nicht pauschal falsches Verhalten anprangern: „Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, die sollen einfach mal nur FDH (Friss-die-Hälfte) machen.“ Ungünstige Ernährung und mangelnde Bewegung sei „mit Sicherheit ein großes Problem“, aber auch die Veranlagung spiele eine wesentliche Rolle. Waren die Eltern Typ-2-Diabetiker, sei das eines Tages auch beim Kind sehr wahrscheinlich. Ob früher oder später im Leben, das lasse sich aber beeinflussen. Mit Diabetes ist ein Stigma verbunden, beobachten Experten: Betroffene bekämen Kommentare wie „Haste dir angefressen“ zu hören und trauten sich zum Beispiel nicht, in der Öffentlichkeit Insulin zu spritzen.

Eine Diabetikerin spritzt sich mit einem Insulin-Pen Insulin.
Eine Diabetikerin spritzt sich mit einem Insulin-Pen Insulin. Foto: Gero Breloer/dpa

Auch Typ-1-Diabetikern werde oft eine Mitschuld an der Krankheit unterstellt. Dabei kann die Bauchspeicheldrüse bei dieser Form das Hormon Insulin ein Leben lang nicht produzieren. Diabetes Typ 2 wird nach Angaben der DDG im Schnitt zehn Jahre nach Ausbruch bemerkt – der Blutzucker steigt schleichend. Wenn Diabetes diagnostiziert wird, dann wegen typischer Begleit- und Folgeprobleme. Dazu zählen Herzerkrankungen, chronische Wunden, Nierenversagen, Sehbeschwerden. Solche Konsequenzen drohen auch der Vielzahl der nicht optimal eingestellten Patienten, deren Blutzucker nicht unter Kontrolle ist.

50 000 Mal pro Jahr wird Betroffenen nach Zahlen der DDG in Deutschland ein Fuß amputiert, 2000 Diabetiker erblinden, 2300 müssen zur Dialyse. Tödlich verlaufen die chronische Krankheit und ihre Folgen vor allem in ärmeren Ländern. Doch auch in Deutschland gehen Todesfälle auf Diabetes zurück: 23 000 waren es allein 2014, vor allem bei Patienten über 70.

Hilfe für Betroffene in Regensburg

„Diabetes ist eine ernste Bedrohung für die öffentliche Gesundheit“, sagt auch Dr. Corinna Attenberger, Leiterin Adipositasmedizin und Adipositaschirurgie am Caritas Krankenhaus St. Josef in Regensburg. Die Krankheit lasse sich aber behandeln, betont sie. Für übergewichtige Patienten könne etwa die Adipositas-Chirurgie eine Option sein: „Die Wirksamkeit der Adipositas-Chirurgie in der Behandlung von Diabetes ist in vielen Übersichtsartikeln und Metaanalysen zweifelsfrei bestätigt worden.“

Über Möglichkeiten der adipositas-chirurgischen Therapie sowie ernährungsmedizinische Ansätze im Kampf gegen Übergewicht informiert das Adipositaszentrum bei einer Veranstaltungsreihe, die am Montag, 25. April, um 19 Uhr im Konferenzsaal des Verwaltungsgebäudes im Caritas Krankenhaus St. Josef startet. Weitere Infoabende sind am 30. Mai, 27. Juni, 29. August, 26. September, 28. November und 12. Dezember geplant.

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