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Psychotherapie

„Sucht Gesunde und steckt euch an!“

„Wir sollten herausfinden, von wem wir sprechen, wenn wir ‚ich’ sagen“, empfahl Dr. Wolf Büntig knapp 300 faszinierten Zuhörern in Regensburg.
Von Heinz Klein, MZ

Regensburg. „2009 hatten wir erstmals mehr Kranke durch Depression als durch Grippe. Depression ist also normal geworden“, bedauert Dr. Wolf Büntig. Unter „normaler Depression“ versteht der Arzt und Psychotherapeut das „Wegdrücken“ von Gefühlen, die Affektkontrolle, die wir alle gelernt haben, das ewige sich Zurückhalten und Zusammenreißen. „Lass dich nicht gehen, lach nicht, frag nicht!“ Welches Kind hätte das nicht schon vielfach gehört? Wolf Büntig hält das für ziemlich ungesund und empfiehlt deshalb das Gegenteil. „Lassen Sie sich gehen“ heißt seine Botschaft, die er auf Einladung des Regensburger Instituts für Klassische Homöopathie vortrug. Und sie wurde gehört, denn die Menschen standen vor dem Leeren Beutel Schlange, um den bekanntesten Vertreter der humanistischen Psychologie zu erleben.

Aus Originalen werden Kopie

„Sei kein Mensch, sondern werde normal“, überspitzte Büntig und definiert das Ziel von Erziehung: Später mal etwas darzustellen, also Darsteller zu werden. „Wir identifizieren uns mit unseren Rollen“, bedauerte der 72-Jährige vor und beklagte die Entfremdung der Menschen von ihrer Natur. „Dabei werden die Menschen mit einem irren Potenzial zum Menschsein geboren. Das ist in unserer Hirnstruktur abgelegt. Doch was nicht durch Erleben bestätigt wird, das verkümmert“, warnte Wolf Büntig und zitierte einen Pfarrer, der klagte: „Die Menschen werden als Originale geboren, doch die meisten sterben als Kopien“. „Normopathie“ nennt der Psychotherapeut diesen krankhaften Drang zum Normalsein. Sterben hat Büntig schon viele Menschen gesehen, und er weiß auch, warum die meisten Menschen im Sterben schön werden: „Sie haben dann nicht mehr die Kraft, ihre Natur unten zu halten. Erst dann kommt das Wahre ihrer Natur zum Tragen und macht sie so schön.“

„Krebs ist, wie ich lebe“

Wolf Büntig arbeitet seit 30 Jahren mit Krebskranken und er hat auch viele Menschen nicht sterben sehen: Austherapierte, die längst tot sein müssten. Von einer Krebskranken, berichtete er. Sie kam zu ihm, um die zwei Jahre, die ihr die Ärzte noch gegeben hatten, dafür zu nutzen, zu entdecken, wer sie eigentlich sei, wofür sie eigentlich da sei. Sie wollte nicht sterben, weil sie noch gar nicht gelebt hatte und sie erkannte schließlich: „Krebs ist, wie ich lebe!“ Sie änderte ihr Leben und lebte weiter.

Nach einigen Jahrzehnten des Normal- und Erfolgreichseins habe man es schließlich so weit gebracht, sich eine Krise leisten zu können. „Das ist dann die Midlife-Crisis“, erzählte Büntig: „Der Deckel der normalen Depression hält dem Entfaltungsdruck nicht mehr stand. Die Raupe will aus dem Kokon und als Schmetterling davon fliegen.“ Gelinge es uns, den Deckel drauf zu halten, würden wir krank. Doch statt dann zu fragen: Was will da raus? Wozu ist die Krankheit gut? beseitige die Medizin das Symptom. „Schade ums Symptom“, sagt Büntig.

Ungehorsam gegen innere Polizei

Was ist heilsam? Auf diese Frage hatte Wolf Büntig klare Antworten. „Das Neinsagen lernen ist enorm wichtig“, empfahl der Arzt und riet weiter: „Mischen Sie sich unter Gesunde, denn Gesundheit ist ansteckend.“ Im Schutze gesunder Menschen lasse sich ziviler Ungehorsam lernen, den man gegen die innere Polizei anwenden könne.

„Lass dich gehen – und zwar auf das zu, was nährt und nützt und weg von dem, was zehrt und schadet“, lautete eine weitere Empfehlung des Psychotherapeuten. Wir sollten uns gehen lassen, denn wir hätten die Fähigkeit, uns vom Fleck fortzubewegen. Das unterscheide uns vom „Gemüsestatus“. Die Rose dagegen sei angewachsen und müsse deshalb schön sein, um anzuziehen. Wir Menschen müssten das nicht, denn wir können uns bewegen.

„Der Königsweg zur Gesundheit ist, wieder fühlen zu lernen, in uns hinein horchen – hören, was uns bewegt. Wieder sprechen, sich ausdrücken, nicht wegdrücken. Uns wieder erlauben, zu weinen, Mitgefühl zu zeigen.“ Wer traurig ist, könne die Traurigkeit später auch wieder zurücklassen. Noch ein Ratschlag: Sich erlauben, zu lachen, denn damit wächst die Fähigkeit zum Glück. Und staunen: „Staunen ist eine schwere Übung“, sagte Büntig. Sie lehrt uns die Ehrfurcht. Das Zulassen von Lust („ich meine nicht Sex, denn Sex ist ein Suchtmittel“).

„Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Wer hätte diesen vorwurfsvollen Satz nicht schon in Kindertagen gehört. Eine Antwort auf diese Frage zu finden, das sei die allergrößte Aufgabe. Wolf Büntig legt sie seinen Zuhörern ganz besonders ans Herz: Herauszufinden, von wem wir sprechen, wenn wir „ich“ sagen.

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