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Vom Rätsel über unser Immunsystem

Das menschliche Immunsystem ist höchst komplex. Seit über 100 Jahren steht es im Fokus der Mediziner.
Von Tanja Rexhepaj

Unser Immunsystem kann auch manchmal streiken. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa-tmn

Weiden.Es war um den Jahreswechsel herum, als alles begann: Ende Dezember 2012 war es mit Stephanie Schüler so weit, dass sie sich selbst nicht mehr erkannte. Die damals 29-Jährige aus Parkstein bei Weiden war zu dieser Zeit als Ausbilderin für Operationstechnische Assistenten am Uniklinikum Erlangen tätig. Nebenbei machte sie ein Studium zur Pflegepädagogin. Eine enorme Belastung, doch eigentlich kam Stephanie Schüler damit klar. Bis dann starke Kopfschmerzen und ständige Übelkeit aufkamen. Zu diesen Symptomen kamen weitere hinzu: Die junge Frau wurde aggressiv, hatte immer größere Gedächtnislücken, war antriebslos und wutentbrannt auf alles und jeden zugleich. Sie konnte sich auf nichts mehr konzentrieren, hatte Wahnvorstellungen, ein normaler Alltag war unmöglich geworden. Schließlich landete Stephanie Schüler im Krankenhaus und anschließend in der Neuropsychiatrie.

Immunsystem war schuld

Was damals niemand ahnte: Hinter ihrer Erkrankung steckte ihr Immunsystem. Wie sich erst ein halbes Jahr später endgültig herausstellte, leidet Stephanie Schüler an einer autoimmunen Hirnerkrankung. Dabei attackieren Antikörper des Immunsystems die eigenen Hirnzellen, weil sie sie für Krankheitserreger halten. Eine überlebenswichtige Funktion des menschlichen Körpers, nämlich die Abwehr von Fremd- und Schadstoffen, richtete sich bei Stephanie Schüler gegen gesunde Zellen, was zu deren Zerstörung führte.

In der Medizin ist schon länger bekannt, dass das Immunsystem nicht nur bei Infektionskrankheiten eine wichtige Rolle spielt, sondern auch bei Autoimmun- oder Krebserkrankungen. Sogar Krankheiten wie Fettleibigkeit oder Erkrankungen im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems werden inzwischen im Zusammenhang mit dem Immunsystem erforscht; in der Hoffnung, durch die Regulierung des Immunsystems eines betroffenen Patienten auch eine Besserung oder sogar Heilung herbeiführen zu können. „Ein besseres Verständnis von der Regulation des Immunsystems ist von fundamentaler Bedeutung, da diese Mechanismen bei einer Vielzahl von medizinischen Herausforderungen eine zentrale Rolle spielen, beispielsweise bei Immuntherapien gegen Krebs, Autoimmunerkrankungen und Transplantatabstoßung, aber auch bei nicht-klassisch immunassoziierten Erkrankungen“, sagt Prof. Dr. Markus Feuerer, Inhaber des Lehrstuhls für Immunologie am Regensburger Centrum für Interventionelle Immunologie (RCI) und der Universität Regensburg.

Interview

„Es ist eines der komplexesten Systeme“

Zum Thema Immunsystem sprach Sonntagszeitungsautorin Tanja Rexhepaj mit Prof. Dr. Markus Feuerer, Lehrstuhl für Immunologie, RCI, Universität Regensbu...

Grundstein für heutige Impfungen im 19. Jahrhundert gelegt

Die systematische Erforschung unseres Immunsystems hatte in Deutschland und weltweit ihren Ausgangspunkt in Berlin. An der dortigen Charité machten Ende des 19. Jahrhunderts die Mediziner Robert Koch, Paul Ehrlich und Emil von Behring herausragende Entdeckungen: Sie legten den Grundstein für die heutigen Impfungen und schafften den Durchbruch in der Tuberkulose-Bekämpfung, der Immunisierung gegen Diphterie und Tetanus. Nicht durch Zufall erprobten sie ihre Mittel an Kühen, Ziegen, Schafen und Pferden: Bauern in England hatten bereits Ende des 18. Jahrhunderts ihre Kühe genutzt, um sich gegen Pocken zu immunisieren. Dem britischen Landarzt Edward Jenner war nämlich aufgefallen, dass Stallmägde, die zuvor die vergleichsweise harmlosen Kuhpocken durchgemacht hatten, gegen das eigentliche Pockenvirus gefeit schienen. Daraufhin entwickelte Jenner aus dem Schorf von Kuhpockenkranken eine Art Impfstoff, der sich als äußerst wirksam erwies.

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Auch heute noch ist die Charité in Berlin eine weltweit renommierte Adresse auf dem Gebiet der Immunologie. Das hat Stephanie Schüler das Leben gerettet. Wochen- und monatelang war sie in der Neuropsychiatrie und in diversen Rehaklinken mit unterschiedlichsten Antiepileptika und Psychopharmaka behandelt worden. Alles ohne Erfolg. Zwar wusste man inzwischen, dass sie an einer Hirnentzündung litt, doch war die Ursache unklar. Dass in ihrem Blut ein seltener Antikörper nachgewiesen werden konnte, auf den sich niemand einen Reim machen konnte, machte keinen stutzig – außer Stephanie Schüler selbst.

Wie funktioniert unser Abwehrsystem?

  • Die weißen Blutkörperchen,

    auch Leukozyten genannt, bestreiten einen Großteil unserer Immunabwehr. Leukozyten haben einen Zellkern und können sich selbstständig im Körper fortbewegen. Die Leukozyten können nochmal in drei große Gruppen unterteilt werden: die Granulozyten (Anteil circa 50 – 70 Prozent), die Lymphozyten (Anteil circa 20 – 40 Prozent) und die Monozyten (Anteil circa 1 – 6 Prozent).

  • Darunter nehmen

    die Lymphozyten eine herausragende Stellung ein. Sie sind nämlich die Grundlage für das erworbene Immunsystem und das immunologische Gedächtnis. Jeder Mensch hat ungefähr eine Billion Lymphozyten im Körper, die ständig auf der Suche nach Krankheitserregern sind. Lymphozyten haben auf ihrer Zelloberfläche Rezeptoren, mit denen sie Krankheitserreger erkennen können. Jede Lymphozyten-Zelle hat jedoch nur einen Rezeptor für ein ganz bestimmtes Antigen. Tritt dieses gespeicherte Antigen nochmals in den Körper ein, erkennt dieser es und stellt die mit den passenden Rezeptoren ausgestatteten Lymphozyten millionenfach her. Zu den Lymphozyten gehören die T-Helfer-Zellen, die T-Killer-Zellen und die sogenannten B-Zellen.

  • Monozyten

    sind die Vorläuferzellen der sogenannten Makrophagen. Makrophagen töten Erreger, indem sie diese fressen.

  • Eine wichtige Untergruppe

    der Granulozyten sind die Neutrophile. Sie verschlucken Erreger, vor allem Bakterien, im Ganzen. In ihrem Inneren töten sie die Bakterien ab, indem sie diese in kleine Stücke zerlegen und verdauen.

  • Alle Leukozyten,

    also alle diese Immunzellen, haben ihren Ursprung in den Knochen, genauer gesagt im Knochenmark. Die meisten Arten von Leukozyten werden dort fertig hergestellt. Nur bei den T-Zellen ist es anders. Nach den ersten Entwicklungsschritten im Knochenmark entwickeln sie sich in einem in der Nähe des Herzens liegenden speziellen Organ, dem Thymus, zu reifen T-Zellen.

  • Die neu entstandenen

    Immunzellen strömen aus dem Knochenmark und dem Thymus über die Blutgefäße in den Körper. Dann wandern die Zellen zu den Lymphknoten und der Milz – also jenen Orten, an denen die Immunantwort gestartet wird – um ihre Arbeit zu verrichten.

  • Frei nach:

    „Das faszinierende Immunsystem“. Erstellt von der Japanischen Gesellschaft für Immunology (JSI) und ins Deutsche übertragen in einem Kooperationsprojekt zwischen Immunologen an der Universität Erlangen und Oberstufenschülern am Marie-Therese-Gymnasium Erlangen und veröffentlicht mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI). Das Buch kann kostenlos auf www.das-immunsystem.de heruntergeladen werden.

Obwohl sie in einem seelisch und geistig völlig desolaten Zustand war, schaffte sie es, im Internet dazu zu recherchieren. Dabei stieß sie auf den Berliner Experten PD Dr. Harald Prüß an der Charité. Aus der Psychiatrie Bogenhausen schrieb sie ihn an – und schon nach wenigen E-Mails und einem Telefonat stellte der sozusagen eine Ferndiagnose, die sich dann vor Ort in Berlin bestätigte: Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Institute wie das RCI sind für die Forschung ungemein wichtig

Seither muss Stephanie Schüler zweimal im Jahr nach Berlin zur Behandlung. Dort muss sie sich einer kompletten Blutwäsche unterziehen, bekommt eine hochdosierte Chemotherapie und Immunsuppressiva. Das alles schlaucht sie zunehmend, lässt sie jedoch seit mittlerweile viereinhalb Jahren wieder ein geregeltes Leben führen: Sie geht Vollzeit arbeiten, hat einen neuen Lebenspartner gefunden und den Sport für sich entdeckt: Schwimmen, Radfahren und Laufen – als Triathletin will sie auf ihre Krankheit aufmerksam machen.

Für die Forschung sind viele Bereiche noch rätselhaft. Foto: Angelika Warmuth/dpa

„Durch eine simple Blutuntersuchung und die Untersuchung von Hirnwasser ist die Krankheit relativ einfach zu diagnostizieren“, sagt Stephanie Schüler. Damit die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wird, hat sie im vergangenen Jahr eine Radtour gestartet und unter dem Motto „Mein Weg zurück nach vorn“ eine Homepage eingerichtet, auf der sie ihren Weg beschreibt (www.mein-weg-2017.de).

Dass vom Funktionieren unseres höchstkomplexen menschlichen Immunsystems unsere Gesundheit und damit unser Leben abhängt, wird an Stephanie Schülers Fall deutlich. Umso wichtiger ist es, dass an Einrichtungen wie dem RCI das Wissen darüber zusammengeführt und an neuen Immuntherapien geforscht wird. Dass interdisziplinäre Zusammenarbeit vonnöten ist, um richtige Diagnosen zu stellen, sollte heutzutage eigentlich Konsens sein.

„Durch eine simple Blutuntersuchung und die Untersuchung von Hirnwasser ist die Krankheit relativ einfach zu diagnostizieren“

Stephanie Schüler

Und auch der Blick über die Humanmedizin hinaus lohnt sich: Bei der Erforschung der Todesursache von Eisbär Knut tappten die Mediziner lange Zeit im Dunkeln. Bis PD Dr. Harald Prüß von der Charité zufällig den Autopsiebericht las: Auf seinen Rat hin untersuchten sie die Proben von Eisbär Knut erneut und stellten fest, dass er die gleiche autoimmune Hirnerkrankung hatte wie Stephanie Schüler. Dem Eisbären hilft das nicht mehr; doch es ist ein weiterer Baustein in der Entschlüsselung dieser seltenen Erkrankung und hat die Öffentlichkeit auf diesem Gebiet auch wieder ein wenig sensibilisiert.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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