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Computer

Wenn das Internet zur Sucht wird

Ego-Shooter, Netzwerk-Plattformen und Co – Für Jugendliche kann der Zeitvertreib im Netz schnell zur Abhängigkeit werden.

In sozialen Netzwerken tummeln sich Millionen. Für die meisten ist es nur ein netter Zeitvertreib - das Internet kann aber auch zur Sucht werden.

Rosenheim. Plötzlich schnappt die Internet-Falle zu: Rollenspiele, Ego-Shooter der Netzwerk-Plattformen lassen Stunden vor dem Bildschirm verfliegen – Job, Familie und Freunde bleiben links liegen. Gerade für Jugendliche kann der unterhaltsame Zeitvertreib im Netz schnell zur Abhängigkeit werden. Wann und wie man sich rechtzeitig ausloggt, vermittelt das Rosenheimer Zentrum für Prävention und Suchthilfe. Diesen Sommer startete dort unter dem Motto „logout“ ein Kurs, in dem Jugendliche in einem frühen Stadium exzessiver PC-Nutzung den Weg zurück ins wahre Leben finden sollen – noch bevor sie zu Computerspiel- und Internetsüchtigen werden.

„Das ist bundesweit ein bislang einzigartiges Angebot“, bewertet Jannis Wlachojiannis, Beirat des Vorstands im Fachverband Medienabhängigkeit, die Initiative. „Wir wollen den Teilnehmern helfen, ein verträgliches Maß an Spiel- und Internetzeit zu finden“, erklärt Kursleiter Benjamin Grünbichler.

Bei einigen Jugendlichen gelinge das sofort mit dem Kompaktkurs von drei mehrstündigen Einheiten, für andere hingegen liegen der Flucht ins Netz schwerwiegende, oft familiäre Probleme zugrunde. Dann gehe es vielmehr darum, diese anzupacken, sagt Grübichler. „Wenn wir solche Dinge feststellen, können wir direkt eine maßgeschneiderte therapeutische Behandlung folgen lassen.“ Diese Verbindung von Frühintervention und therapeutischer Behandlung macht „logout“ Wlachojiannis zufolge deutschlandweit zum Vorreiter.

Am ersten Modellkurs nahmen sechs junge Menschen im Alter von 15 bis 21 Jahren teil, die meisten von ihnen auf Druck der Eltern. „Wenn ich nicht mitgemacht hätte, wäre ich meinen Computer los gewesen“, erzählt der 17-jährige Felix (alle Namen der Kursteilnehmer geändert), der in einem Online-Rollenspiel zu den erfolgreichsten Spielern zählte.

Der zwei Jahre ältere Mike hingegen meldete sich selbst an – aus Angst, völlig die Kontrolle über seine Leidenschaft für Onlinespiele zu verlieren. „Ich bin gerade in meine erste eigene Wohnung gezogen – und allein habe ich das Zocken einfach nicht im Griff“, sagt der Werkzeugmechaniker. In „Spitzenzeiten“ fesseln ihn virtuelle Schießereien bis zu 36 Stunden lang hinter dem Bildschirm.

Bei „logout“ lernen die Jugendlichen in Gruppengesprächen, ihr eigenes Verhalten einzuschätzen, zum Teil werden die Eltern in diese Phase eingebunden. Dann folgen sportliche, erlebnispädagogische Aktivitäten - für Felix der beste Part. „Wir waren Klettern. Da kommt man richtig an seine Grenzen und muss sich gegenseitig völlig vertrauen – das war echt der Hammer.“

Im dritten Teil durfte wieder gespielt werden – allerdings offline. „Als Alternative zum Internet gibt es viele strategische Brettspiele, die einen richtig fordern, ohne dass man allein hinterm Bildschirm versumpft“, erklärt Grünbichler.

Den eigenen Körper jenseits der Finger auf der Tastatur zu erfahren und wieder Kontakt zu anderen Leuten aufzunehmen, hält er für die wichtigsten Schritte. Dazu würde er das bisherige Angebot gerne ausbauen, bislang scheitert das aber an der Finanzierung. Internetsucht sei kein anerkanntes Krankheitsbild, erklärt er. Deshalb werde das Aussteigerprogramm nicht von den Krankenkassen, sondern von Spenden getragen.

Mike hat der Kompaktkurs das erhoffte „logout“ noch nicht gebracht. „Ich muss erstmal mit professioneller Hilfe Dinge geregelt kriegen, vor denen ich ins Internet flüchte.“ Ob er das schaffen wird, weiß er noch nicht. Bei anderen trägt der Kurs sofort Früchte. Felix hat Online-Spielen abgeschworen und nutzt jede neu gewonnene freie Minute, um sich einer ganz realen Herausforderung zu stellen: dem Motorradführerschein.

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