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Schweiz

Am Aletsch strahlen die Berge von innen

Der größte Gletscher im Alpenraum ist eine Schatzkammer. Dort kann man außergewöhnliche Kristalle finden.
Von C. C. Schmid

  • Von Eis umgeben: In Höhlen wie dieser am Aletsch-Gletscher findet Werner Schmidt seine Kristalle. Fotos: Schmidt/Luethi/Kummer
  • Einer von Schmidts Schätzen: Rauchquarz
  • Touristen auf einer Eishöhlen-Gletschertour

In Klüften und Spalten liegen sie seit Millionen von Jahren verborgen: Bergkristalle, die auf den Menschen seit jeher eine wundersame Faszination ausüben. Die sogenannten „Strahler“, wie man die Kristallsucher vor allem in der Schweiz nennt, nehmen oft große Gefahren auf sich, um die außergewöhnlichen Mineralien aufzuspüren. In Mörel, am Fuße des Unesco-Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch in der Schweizer Aletsch Arena, lebt mit Werner Schmidt einer von wenigen Berufsstrahlern. Und er kann nicht nur anschaulich erklären, was an der Kristallsuche so besonders ist, in seinem Strahlermuseum hat er auch einen 800 Kilo schweren Jahrhundertfund vorzuweisen.

Wenn Schmidt in schwindelerregenden Höhen unterwegs ist, ist er ganz auf sich gestellt. Nur die Natur und er, keine Menschenseele weit und breit, kein Internet, keine Zeitung, kein Handyempfang, selten einmal eine Hütte zum Ausruhen. Manchmal ganze zwei Wochen lang. Einziger Ansprechpartner: der Berg. Und mit dem kommuniziert er intensiv.

Der 54-Jährige beachtet jedes Detail auf der Suche nach bestimmten Anzeichen wie Gesteinsformationen, Spuren in der Struktur des Felses, Farbveränderungen, Spuren von austretendem Wasser oder veränderter Vegetation. Was ihm diese Anzeichen sagen sollen? Ob sich in der Nähe eine Kluft befinden könnte, in der es glitzert und glänzt – eine Fundstelle für Bergkristalle, jene prismenartigen Formationen aus reinem Quarz, deren Alter man auf bis zu 20 Millionen Jahre schätzt.

Märchenhafte Realität

Was in vielen Köpfen Bilder aus Märchen oder aus Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“ hervorruft, ist für Werner Schmidt alltägliche Realität. „Es bleibt für mich allerdings immer etwas Besonderes – die Nähe zur Natur, das Auf-sich-gestellt-sein, die Faszination der Kristalle und die sorgsame Spurensuche, bei der man beinahe eins wird mit dem Berg.“ Schon als Kind war er leidenschaftlich gern weit oben unterwegs, und als Elfjähriger hat er seinen ersten Kristall gefunden. Dieser allererste Fund ist heute in seinem Strahlermuseum in Mörel zu sehen, neben etwa 700 weiteren Exponaten, von A wie Amethyst bis Z wie Zeolithmineralien.

Das pittoreske Dörfchen Mörel liegt am Fuße des weltbekannten Aletsch-Gletschers. Von dort unten lässt sich nur erahnen, welche Kostbarkeiten das Unesco-Weltnaturerbe bereithält – nicht nur für Strahler. Besucher der Aletsch Arena erwartet eine Ehrfurcht einflößende Aussicht auf über 40 (!) Viertausender, unter anderem das Weiss- und das Matterhorn, ein einzigartiges Naturreservat mit bis zu tausend Jahre alten Arven und nicht zuletzt der größte und imposanteste Gletscher im gesamten Alpenraum, der 23 Kilometer lange Aletsch-Gletscher. Aufgrund seiner Ausmaße wirkt der massive Eisstrom, als könne ihm nichts und niemand etwas anhaben, doch die Erderwärmung macht ihm bereits zu schaffen: Der Gletscher schmilzt.

Was für das Pro Natura Zentrum Aletsch oben auf der Riederalp mehr als nur ein Alarmsignal ist, gereicht den Strahlern zu einem gewissen Vorteil: „Durch den schmelzenden Gletscher lassen sich mehr Kristalle aufspüren, unter anderem auch, weil dadurch an manchen Stellen neue Gesteinspartien freigelegt werden“, so Martin Andres, Hobby-Strahler und Vize-Präsident der Mineralienfreunde Oberwallis. Auch Laien können Kristalle finden, sollten sich aber unbedingt gemeinsam mit einem Spezialisten auf den Berg begeben – und fit für eine lange Tour sein. „Wenn es in der Sonne glitzert und glänzt, kann es sich bereits um einen Kristall handeln“, so Andres. „Meistens sucht man aber eher nach Kluftanzeichen wie zum Beispiel Quarzbändern oder Rissen im Fels.“

Der Ehrenkodex der Strahler

„Man muss sich geologisch sehr gut auskennen, den Berg lesen können – und natürlich ein guter Kletterer sein“, so Andres. „Ist eine Kluft gefunden, die auf einen Fund hinweist, muss der Kristall mit viel Fingerspitzengefühl und dem richtigen Werkzeug befreit werden.“ Zum Schutz des Berges – und auch aus Respekt gegenüber Kollegen – gibt es daher den Ehrenkodex der Schweizerischen Vereinigung der Strahler, Mineralien- und Fossiliensammler (SVSMF), dem auch Andres’ Verein folgt. Der Kodex regelt die Strahlerei und verpflichtet die Kristallsucher zu einem korrekten Verhalten in der Natur. In Werner Schmidts Museum kann man mehr darüber erfahren, Steine begutachten und auch erwerben – oder nebenan bei seiner Lebensgefährtin Dolores einen Schmuckkurs besuchen und den gefundenen Schatz verarbeiten.

Noch mehr über die Geschichte der Strahler erfährt man bald in der ehemaligen Militärfestung in Naters, keine zehn Minuten von der Aletsch Arena entfernt – dort entsteht derzeit das Schweizer Strahlermuseum. Dort will man das kulturelle Erbe bewahren und Besuchern zugänglich machen. Und zeigen, was die Kristallsucher so begeistert: die Entstehung und das unglaubliche Alter der märchenhaften Fundstücke, die Vielfalt dieser Naturschönheiten und das Strahlen als uraltes Berg-Handwerk.

Für manch einen ist der Bergkristall ein wahrer Wunderstein. Die alten Römer glaubten, dass ihm die Götter innewohnten, bei manchen indigenen Völkern Amerikas soll er vor allem Bösen schützen und in der buddhistischen Lehre hilft er dem Meditierenden dabei, Klarheit und Erleuchtung zu erlangen. In spirituellen Kreisen gilt der Bergkristall aus reinem Quarz außerdem als Heilstein, der Kopfschmerzen und Entzündungen lindern sowie für Harmonie und neue Vitalität sorgen soll. Für den Pflanzenwuchs scheinen die Attribute des Quarzes ebenfalls zu gelten: In der biodynamischen Landwirtschaft wird ein Präparat aus Kuhhorn und feingemahlenem Bergkristall für die harmonische Entwicklung der Pflanze eingesetzt. Und selbst im ganz unesoterischen Lifestyle-Segment ist der geheimnisvolle Quarzstein inzwischen angekommen: Der „Swiss Crystal Gin“ läuft nach dem Brennprozess über einen Bergkristall, was ihm laut Firmenangaben eine gewisse mineralische Frische verleiht.

Für Schmidt liegt nebst den wunderschönen Kristallen und Mineralien im Suchen und Klettern in den Bergen der Reiz. „Dort oben kommt man der Natur viel näher – und am Ende auch sich selbst. Alltagsprobleme und Konsum spielen plötzlich keine Rolle mehr“, so Schmidt. Oft werde er gefragt, ob man nicht ein bisschen komisch würde, wenn man dauernd allein in den Bergen unterwegs sei. Tatsächlich sei aber eher das Gegenteil der Fall. „Wenn ich nach ein paar Tagen ins Tal zurückkomme, frage ich mich vielmehr, ob man nicht da unten komisch wird. Alles muss so schnell gehen, man hat viel zu viel Stress und beklagt sich über eigentlich unwichtige Dinge“, sagt er.

Was man wissen muss

  • Reise-Info:

    Die Aletsch Arena im Schweizer Kanton Wallis ist Teil des Unesco-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch und gilt als besonders schützenswert. Zur Aletsch Arena gehören Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp (2000 m ü. M.) sowie Betten und Ried-Mörel, alle auf halber Höhe, und die Talorte Mörel, Lax und Fiesch und Fieschertal. Weitere Informationen auf www.aletscharena.ch/anreise .

  • Anreise-Tipp:

    Mit dem Fernbus fährt man ab 14 Euro von München nach Zürich, von dort mit dem Zug über Brig nach Mörel, Betten (Talstation) oder Fiesch. Vom Zielbahnhof geht es via Seilbahn in die autofreie Aletsch Arena mit den Bergdörfern Riederalp, Bettmeralp, Fiescheralp. Wer mit dem Auto anreist findet in den Talorten ausreichend Parkplätze vor, Parkgebühr im Sommer ab 5,50 Euro/Tag.

  • Termin-Tipp:

    Die 50. Mineralienbörse Fiesch findet am Sonntag, 9. Juli, von 8.30 bis 17 Uhr statt. Weitere Informationen auf www.aletscharena.ch/mineralienboerse .

  • Sightseeing-Tipp:

    In Werner Schmidts Strahlermuseum in Mörel sieht man mehr als 700 Exponate mit einer großen Bandbreite an Alpinmineralien. Eintritt 5 CHF. Weitere Informationen auf www.strahlermuseum.com .

  • Info-Tipp:

    Aletsch Arena AG, Tel. (00 41) 27-928 58 58, Internet: www.aletscharena.ch

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