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Ecuador

Der Äquator lässt Entdecker träumen

Kein Land hat eine größere biologische Vielfalt: Auf den Spuren berühmter Forscher werden noch heute neue Arten aufgespürt.
Von Win Schumacher

  • Seit 1968 sind 97 Prozent der Galapagosinseln Nationalpark. Dort lebt auch die Galapagos-Riesenschildkröte. Fotos: Schumacher
  • Ein nicht alltäglicher Anblick: eine Meerechse
  • Die Mashpi Lodge liegt mitten im Chocó-Bergnebelwalds.
  • Gustavo Jiménez-Uzcátegui zeigt einige der wertvollsten Sammelstücke der Darwin Foundation.

 .Die Schlange im Licht der Stirnlampe erstarrt. Eben noch wähnte sie sich unsichtbar in der Finsternis, lautlos auf ihrem Beutezug durchs Geäst gleitend, kaum erkennbar selbst für übergroße Froschaugen. Aber Carlos Morochz hat sie längst entdeckt. Unerschrocken greift der junge Biologe ins Gebüsch. Das fingerdicke Tier windet sich um seine Hand. „Eine Baumschlange. Sie tut dem Menschen nichts“, sagt Morochz, „Gefährlich ist diese Art nur für Kleintiere und Insekten.“

Die Nacht von Mashpi ist voller unbekannter Kreaturen und Stimmen. Aus dem Unterholz und aus den Baumkronen tönt das Quaken und Pfeifen der Frösche, manchmal sanft und kaum hörbar wie Vogelgeflüster, manchmal schrill wie ein neu erfundener Smartphone-Klingelton. Morochz ist auf der Suche nach einem besonderen Frosch. Erst vor wenigen Monaten wurde er zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben: Der Mashpi-Bachfrosch ist sozusagen sein eigener Frosch. Dem Biologen fiel schon vor Jahren auf, dass sich der Winzling deutlich von einer ähnlichen Froschart unterscheidet, die in höheren Gebirgslagen lebt. Nach umfangreicher Dokumentation wurde der Mashpi-Bachfrosch schließlich offiziell als eigene Art anerkannt.

„Es ist schon etwas ganz Besonderes, eine eigene Art zu entdecken“, sagt er, „andererseits aber keine Überraschung: Die Region gehört zu den von der Wissenschaft am wenigsten erforschten.“ Das Mashpi-Schutzgebiet ist Teil des Chocó- Bergnebelwaldes, der sich westlich der Anden von Panama bis in den Norden Ecuadors zieht. Kaum eine andere Region der Erde hat eine größere biologische Vielfalt.

„Jede Art hat ihre eigene Nische im Nebelwald“, erklärt Morochz, „und von einigen wissen wir bis heute kaum etwas.“ Seit sechs Jahren forscht der 29-jährige Ecuadorianer im Wald von Mashpi und hat hier sein El Dorado gefunden. „Als ich das Gebiet zum ersten Mal betrat, hat es mir die Sprache verschlagen.“ 106 verschiedene Amphibien und Reptilien leben hier auf wenigen Quadratkilometern, 400 der mehr als 1600 Vogelarten Ecuadors wurden bereits im Schutzgebiet gezählt, darunter allein 35 Kolibriarten.

Humboldt war 1802 der Vorreiter

Doch der einzigartige Biodiversitäts-Hotspot ist bedroht. „Nur etwa acht Prozent des Bergnebelwalds in Ecuador stehen noch“, sagt Morochz. „Viele Arten sind wahrscheinlich für immer verschwunden, bevor sie überhaupt erst entdeckt wurden. Und es wird weiter Urwald gefällt.“

Der Strahl von Morochz’ Stirnlampe wandert weiter durch das Pflanzengewirr. Drei Arten von Baumfröschen hat Carlos innerhalb von wenigen Minuten im untersten Stockwerk des Bergnebelwalds aufgespürt. Daneben entdeckt er einen Zwergleguan, Vogelspinnen, riesige Tausendfüßler und faustgroße Grillen. Aber Hyloscirtus Mashpi will sich nicht blicken lassen.

„Ein bisschen Geduld. Wir werden ihn schon finden“, sagt Morochz und ahmt mit einem spitzen dreiteiligen Pfiff den Lockruf der neuen Art nach. Und tatsächlich: Er erhält Antwort. Auf einer zusammengerollten Blattspitze wartet der ungeküsste Prinz der Baumfrösche und sieht den Biologen aus bernsteinfarbenen Glubschaugen an. Diesem kleinen Gesellen sind bisher erst wenige Menschen begegnet.

Wegen seiner Vielfalt an unterschiedlichen Lebensräumen auf engstem Raum gilt Ecuador weltweit als das Land mit der größten Biodiversität pro Quadratkilometer. Wer die einzigartigen Naturlandschaften des Andenstaats erkundet, wähnt sich an einigen Orten noch heute wie Alexander von Humboldt, der 1802 die Bergwälder und Vulkanlandschaften Ecuadors durchstreifte und unzählige Tier- und Pflanzenarten zum ersten Mal erfasste. Die Aufzeichnungen zu seiner Expedition beeinflussten Generationen von Forschern und lässt Wissenschaftler noch heute träumen.

Die Schätze im Depot der Forscher

1835 sollte Charles Darwins Forschungsreise an Bord der „Beagle“ die Expedition des Deutschen noch an Berühmtheit übertreffen. Drei Jahre nachdem Ecuador Besitz von den Galapagosinseln ergriffen hatte, besuchte der britische Naturwissenschaftler die entlegene Inselgruppe und machte die bahnbrechenden Entdeckungen für sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“.

Doch nicht alles ist so unberührt, wie es scheint. Zwar sind seit 1968 97 Prozent der Galapagosinseln Nationalpark, dennoch sind die Inseln nur auf den ersten Blick ein vom Menschen unangetastetes Paradies. „Die Zahl der besiedelten Fläche hört sich sehr gering an“, sagt Heinke Jäger, „trotzdem darf man den menschlichen Einfluss nicht unterschätzen.“ Die deutsche Renaturierungsökologin erforscht an der Charles-Darwin-Forschungsstation in Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung den Einfluss von eingeschleppten Arten auf das sensible Ökosystem.

Im Depot der Forschungsstation stapelt sich die Artenvielfalt der Galapagos in unzähligen Kisten und Schubladen: Vogeleier, Fellpräparate und riesige Krabben. Gustavo Jiménez-Uzcátegui zeigt seinen Gästen einige der wertvollsten Sammelstücke der Darwin Foundation. Wer den Alltag eines Galapagos-Forschers heute erleben will, folgt Jiménez-Uzcátegui nach Isabela, wo er die Vogelpopulationen beobachtet und kartiert. Über der gebirgigen Insel kreisen rotbäuchige Fregattvögel. Blaufußtölpel und die flugunfähigen Stummelkormorane brüten entlang der Küsten. Truppen von Pinguinen schießen durch das Wasser auf der Suche nach Nahrung. Eine einsame Riesenschildkröte sieht zu, wie ein Landleguan von einem Kaktus nascht. „Mehr als 180 Jahre nach dem Besuch Darwins gibt es hier für Forscher noch immer viel zu entdecken“, sagt Jiménez-Uzcátegui. „Manchmal sogar eine neue Unterart.“

Was man wissen muss

  • Anreise-Tipp:

    Deutschlands Ferienflieger Nummer eins, die Condor, verbindet in Kooperation mit der panamesischen Fluggesellschaft Copa mehrmals pro Woche Frankfurt mit Quito (via Panama). Oneway bezahlt man ab ca. 440 Euro. Weitere Informationen auf www.condor.com .

  • Restaurant-Tipp:

    In der Altstadt von Quito speist man in der Casa Gangotena fürstlich. Weitere Informationen auf www.casagangotena.com .

  • Hotel-Tipp:

    In der historischen Hacienda La Cienega in der Provinz Cotopaxi kann man in dem Zimmer übernachten, in dem schon Humboldt nächtigte. Weiter Informationen auf www.haciendalacienega.com .

  • Pauschal-Tipp:

    Der Berliner Veranstalter Windrose stellt Touren durch Ecuador auf den Spuren von Humboldt und Darwin zusammen. Eine zehntägige Rundreise inkl. Galapagosinseln kostet ab 6190 Euro. Auch der Münchner Studienreisen-Spezialist Studiosus hat Ecuador im Programm. Der 18-tägige Trip „Ecuador-Galapagos auf Darwins und Humboldts Spuren“ kostet inkl. Flug, Übernachtungen und der bekannten Studiosus-Leistungen ab 5490 Euro. Weitere Informationen auf www.windrose.de und auf www.studiosus.com/Ecuador/7160 .

  • Tour-Tipp:

    Die Charles Darwin-Forschungsstation in Puerto Ayora auf Santa Cruz steht auch Touristen offen. Weitere Informationen auf www.darwinfoundation.org .

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