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Besuch beim Bergdoktor ist rezeptfrei

Seit zehn Jahren wird die TV-Serie am Wilden Kaiser gedreht. An den Schauplätzen ist nur ein schwarzer Ledersessel tabu.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Der Ellmauer Tourismusdirektor Peter Moser am Schreibtisch des Bergdoktors. Die Möbel gehörten einst dem Bürgermeister, jetzt darf hier nur Schauspieler Hans Sigl Platz nehmen.Fotos: Stöcker-Gietl
  • Im Bergdoktor-Grußbuch verewigten sich auch Regensburger Fans.
  • Autorin Isolde Stöcker-Gietl auf der berühmten Gruberhof-Terrasse.

Behutsam legt Peter Moser seine Hände auf den schwarzen Ledersessel. Stuhl und dunkler Holzschreibtisch haben schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Früher stand beides im Gemeindehaus von Ellmau. Hier regierte der Bürgermeister. Jetzt gehört der Schreibtisch einem Quotenbringer der Fernsehunterhaltung. Deshalb wehrt Moser den Wunsch, für ein Foto zu posieren, auch vehement ab. „Nein, das geht nicht, hier darf nur der Bergdoktor sitzen.“

Seit zehn Jahren praktiziert der Bergdoktor – gespielt von Hans Sigl – in der Region am Wilden Kaiser in Tirol. Peter Moser ist der Mann, der diesen Coup eingefädelt hat. Der Tourismusdirektor von Ellmau hatte 2007 Wind davon bekommen, dass das ZDF eine Neuauflage der Serie plant. Schon früher hatte er für Fernsehformate schöne Plätze rund um den Wilden Kaiser gesucht, nun musste eine geeignete Praxis für den Bergdoktor her. Eine, die so besonders war, dass die Produktionsfirma sie nicht ablehnen konnte. Peter Moser rief also den ehemaligen Bürgermeister Hans Leitner an, der im Ellmauer Ortsteil Faistenbichl einen alten Bauernhof besaß – sehr exponiert an einer kurvigen Straße gelegen und mit einem herrlichen Blick auf Ellmau und die Berge. Das Anwesen Hinterschnabl, das bereits 1694 in der Ortschronik erwähnt wurde, stand seit Jahren leer und sollte eigentlich abgerissen werden. Das Filmteam war begeistert. „Und der Leitner Hans hat gesagt, wenn es nicht zusammenfällt, dann könnt’s es haben“, erzählt Peter Moser. Es war der Tag, an dem die Erfolgsgeschichte des Bergdoktors am Wilden Kaiser begann.

Frühstück am Nachmittag

Ein paar Kilometer weiter sitzen Margit Ferdigg und An-drea Wollschlager auf einer Holzbank vor dem Köpfinghof. Zu ihren Füßen liegt die bekannteste Holzterrasse im deutschen Fernsehen. Der Blick aus 1000 Metern Höhe ins Tal, auf den Wilden Kaiser, den Pölven und die Hohe Salve ist sensationell. Wenn der Bergdoktor hier morgens mit seiner Mutter Lisbeth, seiner Tochter Lilli und seinem Bruder Hans frühstückt und die Sonne den Platz in ein goldenes Licht taucht, dann würde man gerne dabeisitzen. Allerdings, so verrät Andrea Wollschlager, müsste man sich dafür am Nachmittag Zeit nehmen. „Denn die Frühstücksszenen werden wegen des Lichtes immer am Ende eines Tages gedreht.“ Margit Ferdigg und Andrea Wollschlager haben selbst nie hier oben gewohnt. Ihre Eltern kauften den Hof bei Söll in den 1970er- Jahren und führten lediglich die dazugehörige Landwirtschaft fort. Bis heute stehen im Stall 15 Mutterkühe, die täglich zweimal versorgt werden müssen. In den Sommermonaten sind sie auf der Weide, was von Vorteil ist, wenn in Kürze wieder die Dreharbeiten für die elfte Staffel beginnen. „Wenn die Kühe muhen, dann stört das am Set.“ Nicht abschieben lässt sich dagegen Kater Maxi. „Er hat schon einige Szenen gesprengt“, erzählt Martina Ferdigg. Schauspielerin Monika Baumgartner, die die Bergdoktor-Mutter spielt, hüpft er gerne mal auf den Schoß, um gekrault zu werden.

So wie sich Maxi dem Filmteam annäherte, so haben sich die Hofbesitzer langsam an die Bergdoktor-Fans angenähert. Bis vor drei Jahren war der Köpfinghof nicht öffentlich zugänglich. Da er abgeschieden liegt und nur über eine Privatstraße erreicht werden kann, kamen zwar immer wieder mal Wanderer vorbei, doch sie konnten nur aus der Entfernung einen Blick auf den Drehort werfen. Mit dem wachsenden Serienerfolg – inzwischen schauen rund sieben Millionen Menschen allein in Deutschland zu – wurde die Nachfrage so stark, dass Margit Ferdigg und Andrea Wollschlager das Geschäft selbst in die Hand nahmen.

Was man wissen muss

  • Anreise-Tipp:

    Mit dem Auto über die A9, die A8 und die A93 bis Kufstein und weiter in die Region Wilder Kaiser. Fahrzeit von Regensburg aus ca. 2,5 Stunden. Das Ziel ist auch gut mit dem Bayernticket der Bahn zu erreichen. Vom Bahnhof Kufstein gibt es einen Shuttle-Service zu den Hotels. Anmeldung erforderlich.

  • Restaurant-Tipp:

    Der Hintersteiner See ist mit seinem glasklaren Wasser häufiger Drehort für die TV-Serie. Bei einer Wanderung sollte man im Biobauernhof Pension Maier einkehren. Dort werden Tiroler Spezialitäten aus eigener Herstellung serviert. Außerdem backt die Bäuerin täglich Kuchen und Torten. Weitere Informationen auf www.pension-maier.at

  • Hotel-Tipp:

    Das Vier-Sterne-Hotel Kaiser in Tirol liegt in Scheffau, nur wenige Schritte vom Kirchplatz entfernt. Von den Zimmern aus hat man einen herrlichen Blick auf den Wilden Kaiser. Die Anlage wird derzeit vergrößert. Für ein DZ mit All-inclusive-Leistung bezahlt man ab 190 Euro/Nacht. Ein Kind bis 12 im Zimmer der Eltern ist frei. Weitere Informationen auf www.hotelkaiser.at

  • Tour-Tipp:

    Die Bergdoktor-Runde führt zu Fuß zu den Hauptdrehorten der Serie. Besucht wird der Dorfplatz in Going, der Gasthof Föhrenhof, wo Wirtshausszenen gedreht werden. Letzte Station ist die Bergdoktor-Praxis mit herrlichem Blick auf den Wilden Kaiser.

  • Pauschal-Tipp:

    Im September und Oktober steht je eine Woche ganz im Zeichen der Serie „Der Bergdoktor“. Urlauber können ihr Programm individuell zusammenstellen. Höhepunkt ist der Fantag mit Hauptdarsteller Hans Sigl.

  • Info-Tipp:

    Tourismusverband Wilder Kaiser, 6352 Ellmau, Tel. 0043/ 50509-310, Internet: www.wilderkaiser.info .

Heiratsanträge auf der Terrasse

Montags bis freitags führen sie durch die Räume mit dem uralten Holzgebälk. Hier sieht es das ganze Jahr über so aus, als würde der Bergdoktor gleich durch die Tür stürmen. In der Küche stehen Nudeln in Gläsern, die wurden seit zehn Jahren nicht ausgetauscht, verrät Andrea Wollschlager. Auch sonst darf nichts verändert werden. In den Schlafräumen im Obergeschoss stehen die Betten der Gruberfamilie. In Lillis Zimmer müssten mal die Märchenbücher ersetzt werden, sagt Andrea Wollschlager. Auf dem Dachboden vergnügte sich der Bergdoktor mit Anne im Schein unzähliger Kerzen. Die Schwestern haben in dem alten Bauernhaus inzwischen so manche Tränenausbrüche erlebt – so ergriffen waren manche Besucher. Auf der berühmten Holzterrasse fanden Heiratsanträge statt. Dass der Bergdoktor und sein Bruder nur Pech mit Frauen haben, scheinen die Heiratswilligen wohl ausgeblendet zu haben.

Vor der spätbarocken Dorfkirche in Going wird häufiger gedreht.
Vor der spätbarocken Dorfkirche in Going wird häufiger gedreht.

Manchmal klingelt es schon am frühen Morgen bei Pfarrer Josef Haas an der Tür. Sein Pfarramt liegt am Dorfplatz in Going. Das wissen allerdings die wenigsten Touristen. Sie sehen das Schild der Sonnenapotheke und verlangen nach Kopfschmerztabletten und Brandsalbe. Dann muss Pfarrer Haas die Verwechslung aufklären, denn das Pfarrhaus ist Teil der Bergdoktor-Kulisse. Auch beim Gschwendtner Hans nebenan geht’s wieder los. Das sogenannte Dorfkramerhaus mit dem üppigen Blumenschmuck am Balkon, ist in der Serie der Gasthof „Wilder Kaiser“. Das Schild hängt schon, in Kürze werden neben dem schmalen Grünstreifen Tische und Stühle aufgestellt und Susanne Dreiseitl, gespielt von Natalie O’Hara, serviert Schlutzenkrapfen und einen Gspritzten. In der spätbarocken Pfarrkirche haben schon Skifahrerin Maria Riesch und Model Monica Ivancan geheiratet. „Beim Bergdoktor gab es noch nie eine Hochzeit“, sagt Marion Hölzl vom örtlichen Tourismusbüro. Dafür wurden zwei Beerdigungen gedreht. Dafür ließ die Produktionsgesellschaft Gräber auf dem Friedhof neben der Kirche anmieten. Sie werden allerdings nur für die Dreharbeiten hergerichtet. „Ganz viele Touristen fragen, wo der Distelmeier liegt“, erzählt Marion Hölzl. Artur Distelmeier war in der Serie der verfeindete Nachbarbauer der Bergdoktorfamilie Gruber. Er starb dramatisch, als sein Hof in Flammen aufging. Nun ruht er – allerdings nur zeitweise – auf dem Friedhof in Going.

Die Menschen in der Region um den Wilden Kaiser haben sich daran gewöhnt, dass während der Dreharbeiten manches anders ist. Dass sie nicht immer auf das Gemeindeamt können, weil gerade im Dorfkramerhaus gegenüber ein Kamerateam zu Gange ist. Oder dass die Standlbetreiber den Weihnachtsmarkt auf dem Goinger Dorfplatz im Januar noch mal aufbauen mussten, weil er für Szenen der Winterfolge gebraucht wurde. Manche wunderten sich allerdings, dass die Totenglocke läutete, obwohl in Going niemand gestorben war. Es klärte sich rasch auf. Es war das letzte Geleit für den Distelmeier, der ja inzwischen auch irgendwie ins Dorf gehört. „Wir fühlen uns mit dem Bergdoktor sehr wohl“, sagt Marion Hölzl. „Hoffentlich geht das noch lange so weiter.“

Das hofft auch Tourismusdirektor Peter Moser, der inzwischen den Fanartikel-Stand vor der Bergdoktor-Praxis aufgebaut hat. DVDs, Tassen, Strohhüte, Regenschirme, Bücher und natürlich Autogramme der Schauspieler gibt es hier. Jeden Dienstag und Freitag kann die Praxis von innen besichtigt werden. Doch irgendetwas passt nicht. Auf dem Türschild steht „Dr. Roman Melchinger“, der in der Serie von Siegfried Rauch verkörpert wird. Moser klärt auf: „Weil schon einige das Schild von Dr. Martin Gruber als Andenken mit nach Hause genommen haben, wird es nur in den Drehzeiten aufgehängt.“ Der Bergdoktor ist eben heiß begehrt. Und deshalb würde sich Peter Moser wünschen, dass die Serie auch noch in zehn Jahren ausgestrahlt wird. „Auf keinen Fall darf der Bergdoktor heiraten. Sonst ist alles aus.“

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