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Reise
Sonntag, 22. Juli 2018 24° 5

Nordamerika

Volksfeste in wilden Ruinen

Im Wilden Westen schossen viele Städte aus dem Boden und verschwanden bald wieder. Heute locken Geisterstädte Touristen an.
Von Christian Röwekamp, dpa

Ein großes Freilichtmuseum: Im Bannack State Park können Besucher in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts eintauchen. Fotos: Christian Röwekamp/dpa
Ein großes Freilichtmuseum: Im Bannack State Park können Besucher in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts eintauchen. Fotos: Christian Röwekamp/dpa

Zum Showdown kommt es auf der Wiese hinter dem alten Saloon. Vier Kontrahenten haben sich aufgestellt, alle sind bereit, ihr Äußerstes zu geben. Angefeuert mit lautem Gebrüll von Eltern und Freunden, legen die Mädchen und Jungen los, gut 50 Meter geht es hin und zurück. Sackhüpfen ist der wohl härteste Wettbewerb beim „Garnet Interpretive Day“, einer Art Tag der offenen Tür in dieser Geisterstadt in den Bergen Montanas im Westen der USA.

Einmal im Jahr erwacht das gut eine Autostunde östlich von Missoula gelegene Garnet wieder vollständig zum Leben: Eine Band spielt auf, Besucher können Gold schürfen und sich zeigen lassen, wie einst Wolle gesponnen und Teppiche gewebt wurden. Einige Frauen tragen schwere, bodenlange Kleider mit Petticoats. Was um das Jahr 1900 herum Alltag war, kommt für ein paar Stunden als Familienfest zurück. Schon am Tag darauf sind Garnets Häuser wieder weitgehend verwaist – als stilles Freilichtmuseum einer wilden, aber eben vergangenen Pionierzeit.

Garnet wird als „Montanas besterhaltene Geisterstadt“ vermarktet. Was diesen Superlativ begründet, ist schwer zu sagen, denn es gibt in dem Bundesstaat noch andere, ebenfalls gut erhaltene Überbleibsel der Jahre von etwa 1860 bis 1920. Zum Beispiel Virginia City, das mit seinen Holzhäusern und Postkutschentouren viele Reisende anzieht.

Dort allerdings leben noch einige Menschen dauerhaft, was bei anderen Geisterstädten in Montana nicht der Fall ist. Drei dieser wirklich von allen Seelen verlassenen Orte liegen im Südwesten und Westen des Rocky-Mountain-Staates: Bannack ist wie Garnet ein schön gepflegtes Museum, in Granite lässt sich der Verfall besonders gut unter die Lupe nehmen.

Was von Mae Werning blieb

Nahe Garnet war bereits in den 1860er Jahren Gold gefunden worden, doch seine größte Zeit erlebte das Städtchen hoch in den Bergen erst von 1895 bis 1917, als dort viel Gold aus der Erde geholt wurde. Eine Wildweststadt voller Revolverhelden, Bordelle und Spielhallen war Garnet aber nicht. Stattdessen prägten Familien das Ortsbild, es gab eine Schule und einen Süßigkeitenladen. Viele der Holzhäuser von damals stehen noch immer, wie Kelley’s Saloon und auch das einstmals luxuriöse „J.K. Wells Hotel“ von 1897.

Garnets Glück war nur von kurzer Dauer. Das Gold wurde schwerer zu finden, 1912 zerstörte ein Feuer einen Teil des Ortes. In den 1930er Jahren erlebte Garnet ein kurzes Comeback, als der Goldpreis stieg. Doch mit dem letzten Ladenbesitzer Frank Davey sei dann 1947 „der ganze Ort gestorben“, sagt Maria Craig vom Bureau of Land Management in Missoula, das Garnet verwaltet und jedes Jahr an einem Samstag in der zweiten Junihälfte den „Garnet Interpretive Day“ mitgestaltet.

Touristen in Shorts, Darstellerinnen in langen Kleidern: Am „Garnet Interpretive Day“ begegnen sich die Zeit um 1900 und das 21. Jahrhundert. Foto: Christian Röwekamp/dpa
Touristen in Shorts, Darstellerinnen in langen Kleidern: Am „Garnet Interpretive Day“ begegnen sich die Zeit um 1900 und das 21. Jahrhundert. Foto: Christian Röwekamp/dpa

Nach Garnet zweigt vom Highway 200 eine breite, nicht allzu steile und elf Meilen (17,7 Kilometer) lange Straße ab, die auf ihren ersten drei Meilen sogar asphaltiert ist. „Im Winter kommt man hier nur mit Langlaufskiern oder mit dem Schneemobil hoch“, sagt Craig. Von Mai bis Oktober jedoch sind es jedes Jahr etwa 20 000 Besucher, die der Ort anlockt. Viele von ihnen kommen am „Garnet Interpretive Day“.

Nach Granite vorzustoßen, einer Geisterstadt rund 50 Meilen südlich von Garnet, ist da schon deutlich beschwerlicher. Der Weg ist nicht gut ausgeschildert. Das Nachfragen in einem Laden im nahe gelegenen Philipsburg führt Reisende auf eine enge, kurvenreiche, steile und staubige Schotterpiste. Auf knapp fünf Kilometern sind 380 Höhenmeter zu überwinden, ein Schild warnt: „Befahren auf eigene Gefahr“.

Am Ende der Straße steht man plötzlich an einem Ort voller Geschichte und schaut bald auf die Ruinen eines alten Gewerkschaftsgebäudes. Die Granite Mountain Mine lief hier von 1875 bis 1893 und dann noch einmal für kurze Zeit 1911 und 1912. Geschürft wurde aber nicht Gold, sondern Silber. Der Staat Montana, der in Granite einen State Park eingerichtet hat, schwärmt noch heute von der einst „reichsten Silbermine der Erde“. Etwa 3000 Arbeiter lebten zeitweise in Granite.

In der Union Hall von 1890, einem früher dreigeschossigen Gebäude, gab es eine Bücherei, einen Tanzsaal und Theateraufführungen mit bis zu 500 Zuschauern. Restaurants säumten die Straßen. Der Ort hatte einen Zeitungsverlag, eine Chinatown und einen Rotlichtbezirk. Wenig davon ist noch übrig. Denn mit dem Ende des Silberbooms ab 1893 kam auch das Ende von Granite – und schon nach kurzer Zeit begann die Natur, sich den Ort zurückzuerobern. Die letzte Bewohnerin hieß Mae Werning und starb 1969 im Alter von 75 Jahren. Ihre Hütte steht noch: schiefe Wände, keine Fensterscheiben, rostiges Dach, Gestrüpp wuchert über das Holz. Andere Gebäude sind komplett zusammengebrochen. Wer gerne einem langsamen Verfall zusieht, ist in Granite richtig.

Geisterstädte in Montana

  • Anreise:

    Nach Montana gibt es keine Nonstopflüge von Deutschland aus. Nach Missoula geht es zum Beispiel mit Umsteigen in Denver, Salt Lake City, Minneapolis oder Seattle. Eine Mietwagenfahrt zum Beispiel von Seattle nach Garnet (840 Kilometer) dauert acht Stunden, von Salt Lake City nach Bannack (600 Kilometer) sind es fünfeinhalb Stunden. Deutsche Urlauber brauchen kein Visum, müssen sich aber unter https://esta.cbp.dhs.gov eine elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) besorgen.

  • Reisezeit:

    Kalte Winter und warme Sommer: Im Juli und August nähern sich die Tageshöchstwerte oft der 30-Grad-Marke. Die beste Reisezeit ist von Juni bis September.

  • Informationen:

    Rocky Mountain International, c/o Lieb Management, Bavariaring 38, 80336 München (Tel.: 089/689 06 38 41, Internet: www.realamerica.de , www.visitmt.com und www.southwestmt.com).

Anders ist das in Bannack. Diese Geisterstadt liegt 2,5 Autostunden weiter südlich, und hier reicht die geteerte Straße, die durch eine hügelige Landschaft führt, sogar fast bis ans Museumsdorf heran. Auch in Bannack hat Montana einen State Park etabliert, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass Besucher freien Eintritt bekommen, wenn das Nummernschild an ihrem Wagen eine Montana-Lizenz ist. Alle andere Reisenden zahlen sechs Dollar pro Auto mit Insassen.

Bannack war 1864/65 für kurze Zeit Montanas erste Hauptstadt und blieb danach als Bergarbeitersiedlung bestehen. Auch hier wurde Gold gesucht, auch hier mit nachlassendem Erfolg. Die letzten Bewohner zogen erst um 1980 weg, hatten ihre Hütten zuletzt aber nur noch als Sommerhäuser genutzt. Der State Park mit etwa 60 historischen Gebäuden zieht inzwischen etwa 36 000 Besucher jährlich an.

Harte Zeiten waren das

An der Main Street steht ein 1875 als Gerichtshaus aus Ziegelsteinen errichtetes Gebäude, das später zum Hotel umgebaut wurde und noch bis 1940 als solches betrieben wurde. Der Putz bröckelt, verrostete Nägel ragen aus der Holzdecke heraus, aber man kann gefahrlos in den ersten Stock steigen und sich in den früheren Gästezimmern umschauen. Wie in vielen Häusern entlang der Straße gilt auch hier: Die Holzböden sind intakt, der größte Teil der Einrichtung ist weg, die Tapeten hängen von den Wänden herunter. Aber ein Eindruck der alten Zeit bleibt.

Im alten Schulhaus von Bannack sind die Holzbänke noch so aufgereiht wie vor 100 Jahren. Foto: Christian Röwekamp/dpa
Im alten Schulhaus von Bannack sind die Holzbänke noch so aufgereiht wie vor 100 Jahren. Foto: Christian Röwekamp/dpa

Im Schulhaus stehen noch die Holzbänke und an der Wand die Regeln für Lehrerinnen im Jahr 1915: Sie durften in Bannack weder heiraten noch Kutschfahrten mit Männern unternehmen, die nicht ihre Väter oder Brüder waren. Ihre Kleider durften maximal ein paar Zentimeter über den Knöcheln enden. Harte Zeiten waren das damals. Auch in Bannack werden sie jedes Jahr wiederbelebt: bei den Bannack Days am dritten Juli-Wochenende. Dann werden die alten Kleider wieder getragen – und durch die Geisterstadt von heute weht wieder der Geist von einst.

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