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WAA-Protest: Madonna fürs Museum

Ein Gnadenbild ziert das Schild, mit dem Manfred Moser einst an Demonstrationen teilnahm. Nun stiftete er es als Zeitdokument.
Von Thomas Kreissl, MZ

Andreas Scherrer (rechts) vom Team des künftigen Bayerischen Museums für Geschichte und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs mit dem Protest-Schild der Familie und dem Woche-Artikel über eine Anti-WAA-Demonstration vom September 1982
Andreas Scherrer (rechts) vom Team des künftigen Bayerischen Museums für Geschichte und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs mit dem Protest-Schild der Familie und dem Woche-Artikel über eine Anti-WAA-Demonstration vom September 1982 Foto: altrofoto.de

Regensburg.Ein tief religiöser Mensch ist Manfred Moser eigentlich nicht. Und doch haben Madonnenbildnisse für den 78-jährigen Pensionisten eine besondere Bedeutung. Im Wohnzimmer seines Eigenheims in Königswiesen hängen gleich mehrere Gemälde und ein Relief. Wenn im Jahr 2018 das neue Museum der Bayerischen Geschichte am Regensburger Donaumarkt seine Pforten öffnet, dann wird eine seiner Madonnen möglicherweise auch dort einen Platz finden. Mit Volksfrömmigkeit hat das aber nichts zu tun. Vielmehr ist das Schild mit dem Madonnenbild ein Zeichen des Widerstands gegen die in den 80er-Jahren geplante Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf.

Weil Manfred Moser nicht mehr sehr gut zu Fuß ist, hat seine Frau Hildegard das Schild samt Stange und einem Original-Artikel der Regensburger Woche den Mitarbeitern des Museums der Bayerischen Geschichte übergeben. Das Bild auf der Holzplatte zeigt ein Werk von Albrecht Altdorfer. Es ist seine Nachbildung des Gnadenbilds der „Schönen Maria“ in der Alten Kapelle in Regensburg. Moser hat den Druck in einen goldenen Rahmen eingefügt, es mit einer Perlenkette mit goldenem Kreuz sowie mit bunten Steinen, einer grünen Girlande und Blumen verziert. Auf der Stange, die mit dem Schild verschraubt werden kann, sind zudem Plaketten mit religiösen Motiven befestigt.

Museumsteam ist begeistert

Das Foto von Horst Hanske zeigt Manfred Moser 1982 mit dem Schild.
Das Foto von Horst Hanske zeigt Manfred Moser 1982 mit dem Schild.

Natascha Zödi-Schmidt und Andreas Scherrer vom Museumsteam sind begeistert von dem Erinnerungsstück, das die Familie seit nahezu 30 Jahren in ein altes Leinentuch eingeschlagen aufbewahrt hat. „Das Schild hat gute Chancen, ausgestellt zu werden“, glaubt Andreas Scherer. Es sei ein Symbol für den Widerstand quer durch alle religiösen und gesellschaftlichen Schichten in der Oberpfalz.

Dabei lehnte Manfred Moser die WAA nicht aus religiösen Gründen ab. Es waren vielmehr die möglichen Gefahren einer solchen Anlage, die ihm Angst machten. Deshalb vergrub sich Moser in der Regensburger Universitätsbibliothek und las sich alles Wissen an, dessen er über die Geologie bei Wackersdorf habhaft werden konnte. Dabei stieß er auf einen hydrologischen Beitrag, in dem nachzulesen war, dass dort die größten Grundwasservorkommen in der Oberpfalz lagerten. Das bestätigte ihn in seiner Ablehnung des WAA-Projekts.

Ihren Protest vertraten Manfred Moser und seine Frau Hildegard von Anfang an auch überzeugt nach außen. Beide beteiligten sich an Demonstrationen und an vielen Aktionen am Bauzaun. Weil die beiden zwei Kinder hatten, war es aber vor allem Manfred Moser, der zeitweise beinahe jedes Wochenende loszog, um seinen Protest zu zeigen. Das Madonnen-Plakat hatte Moser aber nur bei Großdemonstrationen in Schwandorf und Regensburg mit dabei. Für das religiöse Motiv entschied er sich, weil er durch seine zeitweise Erziehung bei den Karmeliten geprägt wurde und ein Faible für religiös inspirierte Kunst hat.

Sammlungsaktion

  • Kontakt

    Wer meint, mögliche Ausstellungsstücke für das Museum der Bayerischen Geschichte zu besitzen, kann sich per E-Mail unter der Adresse museum@hdbg.bayern.de melden.

  • Ausstellung

    Die Vorschau-Ausstellung des künftigen Museums im Besucherzentrum Welterbe läuft noch bis zum 21. Juni. Geöffnet ist sie täglich von 10 bis 19 Uhr.

  • Sammlungsaktion

    Eine weitere Sammlungsaktion gibt es am Freitag von 10 bis 19 Uhr im Salzstadel. Während der Öffnungszeiten stehen Mitarbeiter des Museumsteams zur Verfügung, um die mitgebrachten Ausstellungsstücke in Augenschein zu nehmen. Sie werden von den Mitarbeitern geprüft, inwieweit sie eine Chance haben, ausgestellt zu werden.

Ein Thema für die Presse war das Protest-Plakat schon vor mehr als 30 Jahren. Das zeigt der Artikel vom September 1982. Woche-Reporter Günter Schießl und Fotograf Horst Hanske hatten das Schild und Manfred Moser unter den 10 000 Teilnehmer einer Anti-WAA-Demonstration in Regensburg entdeckt. „Sogar das Gnadenbild der „Schönen Maria von Regensburg führten Gläubige mit“, berichtete der Woche-Reporter damals in seinem ganzseitigen Bericht über die Demo. Das Aufmacherbild von Horst Hanske zeigt Manfred Moser mit seinem Schild inmitten der Demonstranten. „Hilf – es ist Zeit“ steht darauf zu lesen.

Zum Bauzaun in Wackersdorf trug er es aber nur einmal. „Dafür war es zu schwer“, erzählt Moser. Außerdem hatte er Angst, dass das Schild zu Bruch geht. Denn bei den Protestaktionen ging es oft nicht zimperlich zu. Und Manfred Moser war da zumindest zeitweise mittendrin – auch in einer Gruppe, die aggressiver Widerstand leistete. Er erinnert sich noch gut daran, selbst Krähenfüße gebastelt zu haben, um damit die Autoreifen von Einsatzfahrzeugen zu beschädigen. Auch eine Eisensäge hatte er einmal dabei, um auszuprobieren, ob die Zaungitter wirklich so leicht zu knacken waren, wie er es beobachtet hatte.

Am Bauzaun verhaftet

Hildegard und Manfred Moser haben das Schild gestiftet.
Hildegard und Manfred Moser haben das Schild gestiftet. Foto: Kreissl

Sein Pech: An diesem Tag erwischte ihn die Polizei, entdeckte die Säge und Krähenfüße im Rucksack. Die Polizisten verfrachteten ihn nach Amberg und verhörten ihn. Noch heute ist sich Moser sicher, damals auch einem Geheimdienstbeamten gegenübergesessen zu sein. In Polizeigewahrsam plagten ihn Zweifel: „War es das wert?“, fragte er sich. Denn der WAA-Gegner hatte viel zu verlieren. Immerhin war der zweifache Familienvater Beamter und hatte plötzlich ein Disziplinarverfahren am Hals. Berufliche Folgen blieben zwar letztlich aus, zu einer Geldstrafe von 2500 Mark wurde er aber verdonnert. Um sie bezahlen zu können, verkaufte er die einzige Goldmünze seiner Frau.

„Es war schon eine turbulente Zeit“, erinnert sich Hildegard Moser an die Jahre des WAA-Widerstands. Der tiefe Riss, der damals durch die Bevölkerung ging, war überall zu spüren. Und Manfred Moser weiß noch, dass er nach seiner Verhaftung regelrecht unter Verfolgungswahn gelitten hat. Schnell vorbei war das alles aber, als 1988 das Aus für die WAA kam. Demonstriert hat das Ehepaar seitdem nicht mehr. Doch in der Rückschau ist bei Hildegard Moser und ihrem Mann noch heute ein starkes Gefühl präsent: „Genugtuung, fast ein bisschen Stolz, dass wir mit dabei waren, als es galt, die WAA zu verhindern!“

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