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Tradition

70 Männer – schweigend und in Schwarz

Eine bierernste Angelegenheit zum Beginn der Fastenzeit ist der Fischzug in Schmidmühlen, den es schon rund 100 Jahre gibt.
Von Paul Böhm

In Schmidmühlen zelebriert man am Aschermittwoch den Fischzug, der gut 100 Jahre auf dem Buckel hat. 70 Männer waren in diesem Jahr schon von Anfang an dabei. Foto: Böhm
In Schmidmühlen zelebriert man am Aschermittwoch den Fischzug, der gut 100 Jahre auf dem Buckel hat. 70 Männer waren in diesem Jahr schon von Anfang an dabei. Foto: Böhm

Schmidmühlen.Dass er ein Alleinstellungsmerkmal ist, hat der Kultur des Fischzuges immer gut getan. Die Schmidmühlener schätzen ihren Fischzug und sie stehen zu ihrem Fischzug. Am Aschermittwoch trifft „Mann“ sich um „Oans“ alljährlich, um diesem althergebrachten Heischebrauch zu frönen. Immer mehr Männer mit Frack und Zylinder kommen zum Ochsenwirt, um sich das „Billett“, also den Fisch als Zeichen der Fastenzeit, von Zeremonienmeister Thomas Wagner auf den Rücken des Frackes malen zu lassen. Meist sind noch die Konturen vergangener Jahre da, denn: Einmal Fischzug ist immer Fischzug. Zumindest in Schmidmühlen ist das so.

Diese Gemeinschaft funktioniert

Josef Vogl (links) und Matthias Huger waren heuer die Laternenträger beim Fischzug in Schmidmühlen. Foto: Böhm
Josef Vogl (links) und Matthias Huger waren heuer die Laternenträger beim Fischzug in Schmidmühlen. Foto: Böhm

Eine Aufnahme des Fischzuges als immaterielles Weltkulturerbe ist den Schmidmühlener im Jahr 2014 versagt geblieben, aber das ist für sie ohne große Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Brauchtums. Seine Teilnehmer sind in keinem Verein zusammengefasst, aber dennoch funktioniert diese Gemeinschaft besser als mancher Verein mit Satzung und ehernem Regelwerk.

Wann der Fischzug in Schmidmühlen ins Leben gerufen worden ist, kann nicht genau festgeschrieben werden. Selbst der schon verstorbene, aus Schmidmühlen stammende Bezirksheimatpfleger Dr. Adolf Eichenseer ist nicht fündig geworden. Im Volksmund heißt es sogar, der Fischzug gehe auf das 17. Jahrhundert zurück, was aber durch nichts belegt werden kann. Auch für das 18. und 19. Jahrhundert gibt es dazu keine Archivalien.

Fischzug schon vor dem Ersten Weltkrieg

Ein leichte Arbeit ist für Zeremonienmeister Thomas Wagner das Aufmalen des Fisches, das „Billettl“, wie es im Fischzugjargon heißt. Foto: Böhm
Ein leichte Arbeit ist für Zeremonienmeister Thomas Wagner das Aufmalen des Fisches, das „Billettl“, wie es im Fischzugjargon heißt. Foto: Böhm

Doch einiges spricht dafür, dass der Brauch Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Nach mündlichen Überlieferungen kann man davon ausgehen, dass bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Fischzug begonnen worden ist.

Sicher ist jedoch, dass der Fischzug eng mit der „Biergeschichte“ und dem Brauwesen verbunden ist. Hineindenken muss man sich auch in die damalige „schlechte Zeit“ und die Arbeitslosigkeit, wenn man zum ersten Mal auf den Fischzug trifft. „Sponsoren gab es damals schon und das ist bis heute so geblieben“, erzählen die Fischzugteilnehmer.

Interesse am Brauch wächst stetig

Für Bürgermeister Peter Braun (links) ist es eine Ehrensache, am Fischzug teilzunehmen; hier im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zunftvereins der Mauerer und Zimmerer, Günther Bauer. Foto: Böhm
Für Bürgermeister Peter Braun (links) ist es eine Ehrensache, am Fischzug teilzunehmen; hier im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zunftvereins der Mauerer und Zimmerer, Günther Bauer. Foto: Böhm

Ins Licht der fassbaren Geschichte tritt der Fischzug erst etwa um das Jahr 1925: Der am 1. März 1901 gegründete Burschenverein nahm sich seiner Wiederbelebung an und übte ihn aus.

Wie sehr die Schmidmühlener jedoch an dessen Durchführung hingen, zeigt, dass sie ihn unmittelbar nach Kriegsende ihn wieder aufleben ließen. Die damalige US-amerikanische Militärregierung hat dies zur großen Freude der Schmidmühlener auch genehmigte. Seit 1946 bis heute wird nun der Fischzug in Schmidmühlen jeden Aschermittwoch in ungebrochener Tradition aufgezogen und findet jährlich ein wachsendes Interesse, nicht nur bei den aktiv Beteiligten.

Es handelt sich um einen lange überlieferten Heischebrauch erwachsener Männer, die als Anerkennung ihrer Leistung und Mitwirkung beim Faschingszug am Faschingsdienstag von jedem Wirt eine gewisse Menge an Freibier erhielten. Zurückgeführt wird dieser Brauch nach der Meinung des Volkes auf die Gewohnheit der Burschen und Männer am Aschermittwoch, das von der Faschingszeit übriggebliebene, jedoch wegen begrenzter Lagermöglichkeiten gefährdete Bier „aufzutrinken“; die Wirte haben es kostenlos oder billiger ausgeschenkt.

Wissenswertes rund um den Fischzug

  • Essen

    Als Wegzehrung gibt es den ganzen Tag nur Fisch (Kronsardinen) und ein Stück Brot, „alles für ein Fuchzgerl“. Brot- und Fischmeister Michael Eckmeder und Markus Hummel haben so einen halben Zentner Brot und über 500 essigsaure Fische dabei.

  • Bier

    Jedem Wirtshaus, das es nicht mehr gibt, wird mit einem „Schlenkerer“ Referenz erwiesen. In den Wirtshäusern leben die Fischzugteilnehmer vom Freibier und da kommen insgesamt oft mehrere hundert Maßen zusammen, die spendiert werden.

  • Spitze des Zugs

    Josef Vogl und Matthias Huger (von links) waren heuer die Laternenträger beim Fischzug in Schmidmühlen; sie gehen immer an der Spitze. Dass die alte Laterne bei jeder Einkehr einen Ehrenplatz auf dem Tisch bekommt, ist Ehrensache.

  • Geschichte

    1902 gab es noch 35 eingetragene Kommunbraurechtler, die regelmäßig Bier brauten. Damals zählte man im Markt 19 Gasthöfe und Bierschänken, die teilweise mit eigenen Braurechten ausgestattet waren und sind oder zum Kreis der Braugenossenschaft gehörten. (abp)

Die Regeln sind sehr streng

Ein Stück Brot und ein Fisch sind die einzige Wegzehrung beim Fischzug – „alles für ein Fuchzgerl“. Foto: Böhm
Ein Stück Brot und ein Fisch sind die einzige Wegzehrung beim Fischzug – „alles für ein Fuchzgerl“. Foto: Böhm

70 Männer waren am Aschermittwoch von Anfang an dabei, diesem Brauch zu huldigen, auch wenn sich die Zeiten längst geändert haben. Streng ist heute noch das Ritual: Nur Männer dürfen mitgehen, Frack und Zylinder sind Pflicht. Es herrscht absolute Ruhe, wenn die Fischzugteilnehmer aus der Tür treten. Es darf weder gesprochen, gepfiffen und gesungen werden, selbst Grimassen werden schon als grenzwertig angesehen. Neu dazugekommen ist das Handyverbot im Zug.

Natürlich gibt es immer wieder Zuschauer, die durch einen Zuruf eine Reaktion herausfordern wollen. „Solche Verfehlungen werden mit fünf Euro Strafe belegt“, erzählen Zeremonienmeister Thomas Wagner und sein Steuerminister Klaus Schwarz. Kommt dies mehrmals von der gleichen Person vor, bekommt er die „Rote Karte“ und muss den Zug verlassen. „Da ist man hart. Punkt!“ Und: Gegangen wird immer auf der linken Straßenseite im Gänsemarsch.

Am späten Abend gegen halb Elf wird dann am Hammerplatz der auf einer Kraxen mitgetragene Geldbeutel mit einer herzzerreißenden Litanei im Kirwabaumloch versenkt. Danach wartet man noch bis nach Mitternacht, um nach einer deftigen Brotzeit oder einem Teller saure Lunge den Heimweg anzutreten.

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