mz_logo

Region Amberg
Freitag, 25. Mai 2018 19° 8

Aufgeheizte Ziegelsteine erwärmten Kinderbetten

Trotz harter Kriegsjahre: Mariele Fromm und Anneliese Leitl erinnern sich gerne an ihre Kindheits-Weihnachten

  • Schon damals Pfundsmädchen: Erika, Anneliese und Mariele (von links)
  • Anneliese und Mariele (rechts) heute Fotos: aon

Von Mariele Rückert-Schön

AMBERG. „Als wir Kinder waren, da lag der Schnee noch Meter hoch. Durch den mussten wir Kinder zu Fuß in die Schule gehen. Das, was wir jetzt haben, ist doch kein Winter mehr“. Mariele Fromm und Anneliese Leitl erinnern sich gerne an ihre Kindheit. Die beiden Geschwister sind in Kümmersbruck, im Frühlingsgarten, aufgewachsen. 1929 ist Mariele geboren, ein Jahr später Anneliese. Bis 1937 folgten noch Erika und das Hannerl. Zu dieser Zeit war der Frühlingsgarten weit über Kümmersbruck hinaus als Ausflugsziel für Familien bekannt.

Eine Gaststätte, ein Saal, Kegelbahn, ein großer Garten und eine Hühnerfarm gehörten dazu. Es gab viel Arbeit für die großen Mädchen, die selbstverständlich in Küche, im Haus oder bei den Tieren mit helfen mussten. Im Winter hatten die Beiden nicht ganz so viel zu tun. Und so erinnern sich Mariele und Anneliese noch gut an die Tage, an denen auch sie Winterspaß hatten.

„Es muss im Winter 1938 gewesen sein. An diesen Winter erinnern wir uns genau, weil Papa noch zu Hause war. Von Dezember bis Februar war es sehr kalt. In diesem Winter durften wir auch einige Male mit auf den Haidweiher zum Schlittschuhlaufen. Das war herrlich. Meist gehörte uns der ganze Haidweiher alleine, denn Schlittschuhe hatten damals nicht so viele Kinder. ,Stöcklreißer‘ haben wir zu ihnen gesagt, weil man damit die Stiefel kaputt gemacht hat“, erzählt Anneliese.

Der Vater von Mariele und Anneliese hatte einige Eishauer in seine Dienste genommen, gemeinsam schlugen sie Eis für die umliegenden Brauereien aus dem Haidweiher. Mindestens 40 Zentimeter dick sollen die Eisbrocken gewesen sein, die die Eishauer dafür mit ihren Pferdefuhrwerken weg brachten. Kein Wunder, dass bei dieser Kälte die damals neun- und achtjährigen Mädchen oft ganz schön gefroren haben.

„Wir hatten keine so warme Kleidung. Wir hatten auch keine Hosen, wir hatten nur Röcke an“, erinnert sich Anneliese. Doch da widerspricht ihr die Schwester: „Ich hatte schon eine Hose, eine Trainingshose“. Wie Mariele zu dieser Hose gekommen ist, weiß sie heute nicht mehr. Denn neue Kleidung gab es damals nur zu Weihnachten.

Der Weihnachtstag war für die Rothascher-Kinder der besondere Tag im Jahr, auch wenn vor der Feier noch viel Arbeit zu erledigen war. 1938 gab’s eine weiße Weihnacht. Mariele erinnert sich: „Es hatte geschneit. Immer wieder schauten wir durch die Fenster auf den Schnee. Raus durften wir nicht, wir mussten ja im Haus arbeiten. Abends sind wir dann endlich ins Wohnzimmer gegangen. Dort war es warm, den Ofen hatten wir Mädchen zuvor angeheizt. Es war ein Sägespäneofen.“

„Nein, ein Kohleofen“, protestiert Anneliese, ein Sägespäneofen sei im Gastzimmer gestanden. Jedenfalls war es der einzige Ofen im gesamten oberen Stockwerk, das wissen Beide noch genau. Und sie erinnern sich, dass der Ofen nur dann eingeschürt wurde, wenn ein Kind geboren wurde oder wenn Weihnachten war. Am Heiligen Abend gab es Plätzchen, die obligatorische Mettenwurst und natürlich auch einen Christbaum. Mariele erzählt: „Den Christbaum haben wir erst am Heiligen Abend ins Wohnzimmer getragen. Zuvor haben wir ihn vom Saal in die Kegelbahn, dann wieder in die Gastzimmer getragen: Immer da, wo eine Weihnachtsfeier mit Gästen war“. Weihnachten 1938 war der Vater noch zu Hause. Michael Rothascher, an den sich noch heute viele Kümmersbrucker als den „Miko“ erinnern, spielte Zither und schrieb selbst eigene Stücke. Für die Rothascher-Familie war es nur selbstverständlich, dass auch an Weihnachten gesungen und musiziert wurde. Bis es dann Zeit war, ins kuschelig warme Bett zu kriechen.

Der Ofen im Wohnzimmer hatte auch das Zimmer der Kinder gewärmt. An gewöhnlichen Tagen hatten die Kinder nur angewärmte Ziegelsteine in den Betten. „Da hast lange gebraucht, bis‘d warm geworden bist“, denkt Anneliese noch schaudernd an die kalte Zeit.

Oft und viel gefroren haben die Kinder auf ihrem Schulweg, und manchmal kamen sie auch völlig durchnässt im Klassenzimmer an. Der Frühlingsgarten war das letzte Anwesen in der Kümmersbrucker Straße. Wohl hatte der Onkel vom benachbarten Bauernhof schon in aller Frühe mit seinem Fuhrwerk und den selbst gebauten Schneepflug aus Holz den Schnee von der Straße geräumt, doch auf dem Fußweg blieb der Schnee liegen. „Schlimm war es durchs Klieber-gassl. Da wurde nicht geräumt, der Schnee lief in die Stiefel hinein“, erzählt Anneliese. „Aber die Penkhoferer und die Köferinger, die Lengenfelder, die Mooser und die Gärmersdorfer Kinder, die haben was mitgemacht. Da ist kein Kind gefahren worden, da hat deswegen kein Bauer einen Schlitten eingespannt“. Mariele erinnert sich, dass die Schüler aus den Dörfern oft völlig durchnässt in die Schule gekommen sind. Die Lehrerin hatte ihnen dann erlaubt, ihre Socken und Strümpfe auszuziehen und am einzigen Ofen im Klassenzimmer zu trocknen.

1944 war der letzte Kriegswinter. Ob in diesem Winter sehr viel Schnee gefallen ist, wissen die beiden Schwestern heute nicht mehr. „Jedenfalls waren das früher andere Winter wie jetzt. Da hat es geschneit, manchmal schon in November, dann ist der Schnee liegen geblieben bis Ende Februar oder Anfang März.“ Denken die beiden Frauen an einige Kriegswinter, kommt ihnen die Erinnerung an Körbe voller kaputter Soldatensocken in den Sinn.

„In der Schule mussten wir statt Handarbeit Socken stopfen. Ganze Körbe mit kaputten Socken, und Stirnbänder, die mussten wir stricken“. Mariele erinnert sich, dass zu Hause weiter gestrickt werden musste. Aus alten Tüchern der Mutter wurden Pullover gestrickt. Hungern mussten die Rothascher-Kinder während der Kriegsjahre nicht. Mariele und Anneliese schreiben das heute dem Verhandlungsgeschick der Mutter zu, die Eier aus ihrer Geflügelzucht gegen notwendige Dinge für die Familie eingetauscht hatte. Auf die traditionelle Mettenwurst an Weihnachten 1944 verzichtete Jeder.

In diesem letzten Kriegswinter dachte ohnehin Keiner an Weihnachtsgeschenke. „Wir sahen von Weitem das Leuchten und hörten das Gerumpel, und wir wussten, dass Nürnberg bombardiert wurde. Bei uns sind die ersten Bomben am 9. April 1945 auf das Heeresnebenzeugamt gefallen. Das ist heute die Leopoldkaserne. Damals war es das Lager der Wehrmacht. Da war alles drin, was das Militär gebraucht hat. Die Ausläufer der Bomben schlugen in der Schlachthausstraße ein, bei einem zweiten Schub wurde auch der Bauernhof des Onkels getroffen.“

1945 war das Jahr, an dem Mariele und auch Anneliese zum ersten Mal den Frühlingsgarten verließen. Mariele arbeitete auf einem Bauernhof in Erding bei Simbach am Inn und Anneliese trat eine Stellung in einem Gutshof in Eglsee an.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht