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Tradition

Der Brauch der Allerseelenschiffchen

Mit dem Einsetzen der Allerseelenschiffchen und einem Gottesdienst gedachte Schmidmühlen am Samstag der Toten.
Von Josef Popp

Malena (4) und Elena (8) zeigen stolz ihre selbst gebastelten Allerseelenschiffchen. Insgesamt schwammen 80 Schiffchen in der Lauterach. Foto: Josef Popp
Malena (4) und Elena (8) zeigen stolz ihre selbst gebastelten Allerseelenschiffchen. Insgesamt schwammen 80 Schiffchen in der Lauterach. Foto: Josef Popp

Schmidmühlen.Der November gilt landläufig als der Totenmonat. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag mahnen die Lebenden und holen die Verstorbenen ins Gedächtnis zurück. Neben der theologischen Dimension hat sich über die Jahre auch viel weltliches Brauchtum in diesem Monat, besonders für die ersten beiden Tage Allerheiligen und Allerseelen, herausgebildet.

Allerseelen – in ganz Bayern gedenken die Christen am 2. November ihrer Verstorbenen. In Schmidmühlen gibt es dazu seit vielen Jahren einen Brauch, das Allerseelenschiffchen. Mit dem Allerseelengottesdienst und dem Einsetzen der Schiffchen bilden der christliche Glaube und der weltliche Brauch auch in diesem Jahr wieder eine wunderbare Einheit. Bereits bei seiner Begrüßung verstand es Pfarrer Werner Sulzer, den Kindern und Jugendlichen in der Kirche den Brauch in ihrer eigenen Sprache näherzubringen.

Allerseelenschiffe

  • 1935:

    In dieses Jahr lässt sich in etwa die Entstehung des ursprünglichen Brauchs zurückverfolgen.

  • 1943:

    Mitte des Zweiten Weltkriegs wurde der Brauch verboten. Man hatte Angst vor Fliegerangriffen.

  • 2002:

    Vor 17 Jahren wurde der Brauch wiederbelebt. Die Organisation übernahm damals schon der Kulturverein. (ajp)

Er ließ den Blick zurückschweifen in die Mitte der 1930er-Jahre, in denen Kinder den Brauch erfanden. So war es wohl Zufall, sagte Pfarrer Sulzer, vielleicht wollten die Kinder damals nicht nach Hause gehen, „a bisserl noch umherstrawanzen“, als einer über ein großes Rindenstück stolperte und dann auf die Idee kam, sein Wachsstöckerl auf die Rinde zu setzen und es auf der Lauterach schwimmen zu lassen. Im darauffolgenden Jahr waren es vielleicht mehrere Kinder, denen dies gefiel und die zum Entschluss kamen: Allerseelenschiffchen – echt cool.

Rindenschiffchen mit Kerze

Jungfeuerwehrmann Louis, Thomas Birner und Florian Schmidt beim Einsetzen der Schiffchen  Foto: Josef Popp
Jungfeuerwehrmann Louis, Thomas Birner und Florian Schmidt beim Einsetzen der Schiffchen Foto: Josef Popp

Auch Ortsheimatpfleger und Ehrenbürger Michael Koller erinnert sich: „Früher wurde in der Allerseelenwoche jeden Tag in der Friedhofkirche ein Rosenkranz gebetet. Bei diesen Rosenkränzen brannten auch immer kleine Kerzen und Wachstöckerln. Nach dem Rosenkranz nahmen die Kinder – vor allem waren es Buben – die brennenden Kerzen mit aus der Kirche und setzten sie auf kleine Rindenschiffchen oder Holzbretter und ließen sie auf der Lauterach bis zum Hammer schwimmen. Dies geschah vereinzelt nach jedem Rosenkranz. Am Allerseelentag wurden dann nach dem Rosenkranz von allen Kindern die Allerseelenschiffchen mit Kerzen auf ihre Reise geschickt.“

Florian Schmidt schickte mehr als 80 Allerseelenschiffchen auf die Reise.  Foto: Josef Popp
Florian Schmidt schickte mehr als 80 Allerseelenschiffchen auf die Reise. Foto: Josef Popp

Sicher waren sich die Kinder damals nicht der religiösen Dimension bewusst, der Symbolik von Wasser und Licht, die mit dem Weihwasser und der brennenden Osterkerze deutlich wird. Das Wasser und das Licht stellte Pfarrer Werner in seiner Predigt in den Mittelpunkt. Insbesondere für die Kinder stellte er einen Zusammenhang her zwischen dem eigenen Leben und dem Allerseelenschiffchen. „Das Schiffchen seid ihr, der Mast ist Jesus, der Orientierung gibt, Halt und der Antrieb ist, und die Kerze auf dem Schiffchen ist eine kleine Osterkerze, die zeigt, dass man in ein strahlendes Licht eingeht.“ Nach wie vor ist für den Kulturverein die Fortführung des Brauches „Allerseelenschiffchen“ nur mit einem Gottesdienst denkbar. Der Brauch soll auch weiterhin auf einfache Weise praktiziert werden: keine Show, kein Rummel, kein Kommerz.

Die Vereine arbeiten Hand in Hand

Patrick Hauser fischt die Allerseelenschiffchen aus der Vils. Frieda Weigert steht bereit, wenn Hilfe gebraucht wird.  Foto: Josef Popp
Patrick Hauser fischt die Allerseelenschiffchen aus der Vils. Frieda Weigert steht bereit, wenn Hilfe gebraucht wird. Foto: Josef Popp

Sicher sind sich die Organisatoren allemal: Mit dem ruhigen Dahingleiten der leuchtenden Schiffchen auf der Lauterach gleiten viele Gedanken zu den Verstorbenen. Der Heimat- und Kulturverein und die FFW Schmidmühlen – sie war mit vielen Aktiven unter der Leitung von Kommandant Jürgen Ehrnsberger vor Ort – halten gemeinsam den Brauch am Leben. Beide Vereine arbeiteten wieder Hand in Hand. Über 80 Allerseelenschiffchen gaben heuer für eine halbe Stunde der Lauterach bunte flackernde Farbtupfer zum Gedenken an die Verstorbenen.

Das Gedenken an die Toten hat in der christlichen Kirche eine lange und wichtige Tradition. So gibt es jährliche Gedenktage an die Verstorbenen schon seit dem Mittelalter. Noch Papst Johannes XXIII hat von Ostern als dem „Fest aller Toten“ gesprochen. Die Christen in aller Welt gedenken seit dem 9. Jahrhundert ihrer Verstorbenen am 2. November, dem Tag nach Allerheiligen.

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