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Der lange Weg nach Ensdorf

Nach einer langen Pause trafen sich die Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos wieder. Eine Zeitzeugin erzählte vom Krieg.
Von Hans Babl

  • Zeitzeugin Johanna Breitkopf (r.), hier mit Organisatorin Margit Reif (l.), hatte Bilder ihrer langen und beschwerlichen Flucht von Schlesien nach Ensdorf mitgebracht. Foto: EdgarZeitlhöfler/EdgarZeitlhöfler
  • Zum Friedensgebet zum Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren fand sich eine große Schar vor der Grotte im Klostergarten ein. Foto: Margit Reif/Margit Reif

Ensdorf.Seit zwei Jahren laden die Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos (SMDB) im Kloster Ensdorf unter Leitung von Johanna Breitkopf und Margit Reif jeden 24. des Monats zum Friedensgebet ein – normalerweise im Psallierchor der Pfarrkirche St. Jakobus. Coronabedingt musste die Veranstaltung mehrmals ausfallen. Nun aber konnte man sich endlich wieder treffen – diesmal bei der Grotte im Klostergarten.

Gebetet wird immer um Frieden in den Herzen und untereinander, in der Welt, in Kriegsgebieten und Konfliktzonen. Dieses Mal aber besonders anlässlich des 75. Jahrestages des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Organisatorin Margit Reif sagte: „Seitdem herrscht zwar in Deutschland Frieden. Aber auf unserem Planeten herrscht kein Frieden. Viele Millionen Menschen sind auf der Flucht.“ Viele Menschen verließen ihr Zuhause, weil sie Angst hätten, im eigenen Land ihre Freiheit oder ihr Leben zu verlieren. Die meisten Flüchtlinge würden verfolgt, weil sie anders glaubten, fühlten oder dachten, als die Machthaber ihres Staates es von ihnen verlangten.

100 Menschen fanden Zuflucht

Aus Dankbarkeit für den guten Ausgang ihrer Flucht vor 75 Jahren erinnerte die damals sechsjährige Johanna Breitkopf als Zeitzeugin an den langen und beschwerlichen Weg aus ihrer Heimat Schlesien bis nach Ensdorf. Das kleine Dorf habe damals 1945 rund 100 Menschen einen Neuanfang geboten. In der ersten Not hätten viele von ihnen Unterkunft und Essen im Kloster der Salesianer gefunden. Die jüngere Generation könne sich kaum vorstellen, welche Entbehrungen die Flüchtlinge auf sich nehmen mussten.

„1945 ging der Krieg endlich zu Ende. Mitte Januar waren die Russen bereits in Schlesien. Die Ereignisse warfen düstere Schatten voraus“, sagte Johanna Breitkopf. Am frühen Morgen des 16. März sei offiziell verkündet worden, dass alle Bürger das Dorf bis spätestens 20 Uhr per Wagen oder zu Fuß zu verlassen und sich auf die Flucht zu begeben hätten. Die Russen seien kurz vor dem Ort gestanden. Granateneinschläge russischer Tiefflieger hätten die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Viele Verwundete und Tote seien in die Kreisstadt gebracht worden.

Salesianische Mitarbeiter Don Bosco

  • Leitbild:

    Die SMDB bringen sich in einer Haltung des Dienens sowohl in der Pfarrei als auch in der Diözese ein. Sie leben ihre Berufung als Getaufte durch die Annahme Don Boscos, die die Liebe Gottes zum Ausdruck bringt. Sie sorgen sich besonders um junge Menschen und Familien.

  • Ziel:

    Die SMDB fördern das Entstehen von Einrichtungen, mit denen sie in Verbindung stehen.

Im Laufe des Tages hätten deutsche Soldaten dafür gesorgt, dass möglichst viele Einwohner rechtzeitig abfahren konnten. Bei Einbruch der Dunkelheit seien die Pferdefuhrwerke, Ochsenkarren und Kuhwagen gekommen. „Es waren viele Fußgänger, und voll bepackte Fahrräder und Kinderwagen wurden geschoben“, erinnerte sich Johanna Breitkopf. Vor allem waren seien es Frauen gewesen, die Unmenschliches geleistet hätten. Schon während der ersten Nachtfahrten hätten viele Fußgänger und Kuhwagen im Sudetenland zurückbleiben müssen. „Was mit ihnen geschah, konnten wir erst später erfahren“, so die Zeitzeugin.

Der Treck, bei dem Johanna Breitkopf dabei war, habe sich aus rund 75 Fuhrwerken und etwa 650 bis 700 Personen zusammengesetzt. Es seien jeweils zehn Wagen hintereinander und immer nachts gefahren. „Zwischenzeitlich verlief der Treck recht geordnet. Von den uns immer wieder begegneten Soldaten konnten wir das Wichtigste über das Nachrücken der Russen erfahren. Wir wurden ständig zum Weiterfahren aufgefordert und hatten kein festes Ziel“, schildert Breitkopf die Flucht. Der letzte längere Aufenthalt sei kurz nach dem 8. Mai, an Pfingsten für eine Woche in Krumau an der Moldau, gewesen. Ab Passau sei es dann auf der Ostmarkstraße Richtung Cham, Burglengenfeld und ins Vilstal gegangen.

Hier habe der Treck vorerst gehalten, von den Amerikanern gestoppt. Andere Wagen seien jedoch noch weiter gefahren, nach Wolfsbach, Theuern, Kümmersbruck, Amberg, Ammersricht, Hahnbach, Mimbach, Gebenbach; die letzten bis nach Vilseck. Der Treck von Johanna Breitkopf war vom 16. März bis Juli 1945 unterwegs und biwakierte im Freien am Bahnhof Ensdorf.

Erzählung machte nachdenklich

„Das Bahnhofsgebäude, auch die Toiletten, waren verschlossen. Auf dem Gelände an der Vils wurde gekocht und gewaschen. Wir aber wollten ja wieder nach Hause, in unsere Heimat Schlesien. Die meisten Leute waren zu Fuß die rund 700 Kilometer unterwegs. Auf dem Wagen befand sich das Futter für die Pferde und unsere wenigen Habseligkeiten“, erinnerte sich Johanna Breitkopf. Bis zum September/Oktober 1945 hätten sie daher bei den Ortsansässigen um Zimmer gebeten und seien dort vor dem Winter einquartiert worden. Viele hätten Unterkunft im Kloster gefunden. Von den ehemals 100 Personen aus dem Dorf lebten heute noch rund zehn im Gemeindebereich Ensdorf; vier davon direkt in Ensdorf.

Johanna Breitkopfs Erzählung – eingebettet in Musik und besinnliche Texte – machte die Zuhörer nachdenklich. Das spiegelte sich auch in den anschließenden Gebeten wider. Abschließend wurde zum Heiligen Geist gebetet, dass er die Leidenschaft nach Macht und Besitz zurückdrängen möge. „Bringe zur Vernunft Angst und Hass, die Personen, Völker und Kontinente gegeneinander aufbringen“, betete die Gemeinschaft zusammen.

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