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Gespräch

Der Urknall und die Erbsünde

Naturwissenschaft und Religion wurden in Ensdorf intensiv diskutiert. Die Kirche ist gefordert, glaubwürdig zu argumentieren.
Von Hans Babl

  • Über Jahrmillionen haben sich der Kosmos und auf einem seiner Planeten, der Erde, die Menschen entwickelt. Im Gespräch in Ensdorf wurde daher beleuchtet, was wissenschaftliche Erkenntnisse für Glaubensinhalte bedeuten. Foto: Sternwarte Dieterskirchen
  • Salesianerpater Alfred Lindner (Mitte) hatte zum naturwissenschaftlich-theologischen Talk-Abend mit Dr. Jürgen Kemmerer von der Sternwarte Regensburg (li.) und Diakon Thomas Johannes Payer aus Regenstauf (re.) ins Kloster Ensdorf eingeladen. Foto: Hans Babl

Ensdorf.50 Jahre ist es nun her, dass der erste Mensch auf dem Mond gelandet ist: 1969 wurde er erstmals betreten. In diesem Zusammenhang hat sich der Bibelkreis im Kloster Ensdorf eine Glaubens-Talk-Reihe überlegt, die sich mit wissenschaftlichen Fragen aus der modernen Astronomie in Richtung Religion und Philosophie beschäftigt. Wenn man die Bibel wörtlich liest, geht die Schrift tatsächlich davon aus, dass die Welt nicht gerade alt ist.

Dr. Jürgen Kämmerer von der Sternwarte Regensburg erzählte, dass seit der Entstehung des Kosmos im Urknall 13,7 Milliarden Jahre vergangen sind – und der Mensch sich in seiner Evolution von Afrika her schließlich die Welt unterworfen habe. Das Universum sei riesengroß, unsere eigene Milchstraßen-Galaxie sei nur eine von mehreren Milliarden Galaxien im unendlichen All.

Schuld und Verantwortung

Das Weltall sei so ausgedehnt, dass sich das ein Mensch mit seinem Bewusstsein gar nicht mehr vorstellen könne – nicht in den gewohnten drei Dimensionen, erklärte Kämmerer, sondern sogar noch in einer vierten, kosmischen Dimension. „Die Naturwissenschaft forscht nur nach dem, was sie mit ihren Methoden konkret feststellen kann. Was vor dem Urknall war, das interessiert sie nicht, da sind dann der Philosoph und der Theologe gefragt“, so Kämmerer.

Bedeutung des Gesprächs

  • Inhalt:

    Der wissenschaftlich-religiöse Diskussionsabend war von sehr persönlichen Stellungnahmen geprägt und viele spürten, dass es bei dieser Thematik um das „Eingemachte“ im Christsein geht. Nicht verwunderlich, dass die Teilnehmer sich über zwei Stunden mit zentralen Glaubensinhalten auseinanderzusetzen.

  • Forderung:

    Ein Teilnehmer an diesem biblischen Abend zog dieses Fazit: „Nur wenn moderne Naturwissenschaft und religiöser Glaube ehrlich und ohne Tabus miteinander sprechen, wird Christsein sogar heute wieder glaubwürdig und authentisch werden – gerade bei fragenden jungen Menschen.“

Diakon Johannes Payer aus Regenstauf kam in seinen provokativen Gedanken auf ein wichtiges Anliegen im christlichen Verständnis zu sprechen: auf die anspruchsvolle Thematik der Erbsünde. Er wies darauf hin, dass es heute nicht mehr glaubwürdig sei, von einem einzigen Elternpaar, nämlich Adam und Eva in der Bibel, auszugehen. Die kosmische Evolution des Menschen über Jahrtausende müsse als deutliche Entwicklung von sozusagen vielen Elternpaaren angesehen werden, weil die wissenschaftlichen Ergebnisse für diese interessante Erkenntnis so erdrückend und einfach sicher seien. „Adam und Eva in der Welt der Bibel sind heute nicht mehr als historische Personen wie früher in der Kirche zu sehen. Sie können die Schuld des Menschen nicht ausgelöst haben.“

Man müsse einen anderen Begriff für diesen bisherigen Glaubensinhalt der Erbsünde schaffen, „damit wir in der Kirche mit der modernen Welt von heute wirklich glaubwürdig argumentieren können“, so der Diakon. So dürfe man zum Beispiel von einer strukturellen Sünde sprechen, die nicht eine einzelne Person begehe, sondern an der eine große Gruppe beteiligt sei.

Und dieser große Kreis sei dann insgesamt verantwortlich dafür, dass gegen Ungerechtigkeit und der Unterdrückung etwas unternommen werde, dass etwa ein Staat oder eine Kirche eingreife. Zu dieser kritischen Sichtweise lade die Theologie der Befreiung in Südamerika ein. Es sei zu hoffen, dass auch in Deutschland vom Staat etwas unternommen werde, dass beispielsweise „der Unterschied von Arm und Reich nicht noch weiter in katastrophaler oder eben sündiger Weise fortschreitet“, machte Payer deutlich.

„Eigentlich müsste ich auf mein Auto öfters verzichten, damit unsere Welt sauberer wird – aber ich kann doch meine wichtigen Termine nicht einfach sausenlassen.“

Johann Ott aus Amberg

Johann Ott aus Amberg sagte, die derzeit aktuelle Umwelt-Problematik „Friday for Future“ spiegele genau die traurige Erfahrung wider, wenn jemand sagt: „Eigentlich müsste ich auf mein Auto öfters verzichten, damit unsere Welt sauberer wird – aber ich kann doch meine wichtigen Termine nicht einfach sausenlassen.“ Melanie Büttner aus Amberg bohrte nach, dass doch viele Menschen gar kein Schuldbewusstsein hätten. Wie sollten diese so etwas wie eine Sünde begehen können, wenn sie gewisse Forderungen der Kirche überhaupt nicht ernst nehmen würden? Büttner sprach sich für die allgemeine Freiheit aus, aus der heraus jeder nur seinem Gewissen verantwortlich sei und nicht Vorschriften aus der katholischen Kirche folgen müsse.

Kirche braucht neue Sprache

Erich Zink aus Pielenhofen betonte, dass mancher sich seine Gotteserfahrung nur sehr oberflächlich zurechtzimmere. Mancher würde nicht den Ernst spüren, dass der Mensch als Geschöpf Gottes in aller positiven Verantwortung nur danach trachten sollten, was in seinem Charakter und Talenten von Gott selbst für ihn vorgesehen sei.

Salesianerpater Alfred Lindner verwies auf Gespräche mit Schülern der Oberstufe. Dabei werde deutlich, dass die bisherige kirchliche Sprache von der Erbsünde keinem jungen Menschen mehr das Geringste bedeute. „Wenn die Prediger es künftig nicht schaffen, eine neue glaubwürdige Deutung für diese menschliche Schwäche und die Erfahrung der irdischen Unvollkommenheit im Rahmen der Evolution zu finden, dann schreitet die Verdunstung im christlichen Glauben weiter voran, sogar in der ländlichen Oberpfalz. Wer möchte sich denn schon für seinen Glauben heute auslachen lassen?“ (abl)

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