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Geschichte

Erasmo hätten die Werke auch gefallen

Münchner Künstler haben sich des großen Sohns Schmidmühlens angenommen. Die Ausstellung ist zum Marktfest zu sehen.
Von Paul Böhm

  • So sehen Münchner Künstler den Sturm auf das Rathaus, als kurzerhand die Schäfflergruppe von Erasmus Grassers Anhängern auf den Marienplatz geworfen wurde. Foto: Böhm
  • Im Festspiel wurden auch Grassers Moriskentänzer wieder zum Leben erweckt – von den Damen der Prinzengarde. Foto: M. Fichtner

Schmidmühlen.Heuer jährt sich der Tod von Erasmus Grasser zum 500. Mal – und das will der Markt Schmidmühlen nicht verstreichen lassen, ohne seinen bekanntesten Sohn zu würdigen. „Erasmo – oder wie der Mohriske ein eigenes Glockenspiel bekam“ ist der Titel einer Ausstellung der Künstler Christoph Hessel, Michael von Cube und Yongbo Zhao in der Landeshauptstadt. Diese Ausstellung ist dann Ende Juli in Schmidmühlen zu sehen. Bei der Vernissage in München waren auch Bürgermeister Peter Braun sowie Vertreter aus dem Marktgemeinderat und dem Heimat- und Kulturverein.

Erasmus Grasser ist heute vor allem durch seine Moriskentänzer-Skulpturen eine touristische Attraktion. Es gibt sie als Imitate der spätgotischen Originale in allen Größen aus Holz, Plastik und Pappmaché, gern aus dem kleinen Walsertal, aber auch aus China und immer mehr auch bei heimischen Bildhauern und Künstlern.

„Deshalb fühlen wir uns als eingefleischte Münchner aufgerufen, Erasmus Grasser mithilfe unserer Arbeiten neues Leben einzuhauchen und ihn aus den krämerhaften Zugriffen seiner Vermarkter wiederauferstehen zu lassen“, meinte Christoph Hessel bei der Ausstellungseröffnung. „Ihm, Erasmo, hätte das vermutlich auch gefallen.“

Kunst über das Leben Grassers

Eine Gruppe Schmidmühlener begleitete Bürgermeister Peter Braun (links) zur Ausstellungseröffnung nach München; rechts neben ihm der Künstler Yongbo Zhao, ganz rechts die Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Martina De Wille. Foto: Böhm
Eine Gruppe Schmidmühlener begleitete Bürgermeister Peter Braun (links) zur Ausstellungseröffnung nach München; rechts neben ihm der Künstler Yongbo Zhao, ganz rechts die Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Martina De Wille. Foto: Böhm

Entstanden sind kleine Kunstwerke: fünf Zeichnungen von Michael von Cube, fünf Farbradierungen von Christoph Hessel und drei Ölbilder von Yongbo Zhao. Dazu gibt es Texte von C. Hessel, die Michael Heyn gestaltet hat. Die Werke erzählen die verschiedenen Lebensabschnitte des jungen Grasser auf seinem Weg nach München, seine Erfahrungen mit der ehrenwerten Münchner Bürgerschaft, den Zoff mit den Schäfflern bis hin zum Sturm auf das Rathaus, aber auch vom vielfältigen Schaffen des wohl bekanntesten Bildhauers der Spätgotik bis zu seinem Ende. Es ist übrigens das erste Mal, dass das Leben des bekanntesten Schmidmühlener Sohnes so intensiv und bildhaft aufgegriffen worden ist.

Schmidmühlen hatte lange Geschichte

Dass diese Interpretation oft drastisch ausfällt, ist dem Temperament der Künstler geschuldet. Oft war es aber auch schwer, Wahrheit, Erfindung, Spiel, Sinn und Wahnsinn auseinanderzuhalten – auch weil das Ergebnis der Auseinandersetzung mit Person und Werk Grassers untrennbar verbunden und Teil des Konzeptes der Ausstellung ist, erzählte Hessel. Um die Geschichte und das Leben von Erasmus Grasser verstehen zu können, muss man sich in die Zeit um 1450 hineindenken, das Geburtsjahr des bis heute hoch angesehenen Schnitzers und Wasserbauingenieurs.

Im Jubiläumsjahr 2010 hat der Markt das Leben Grassers in einem Festspiel dargestellt (im Bild Christian Renghard als Grasser). Foto: M. Fichtner
Im Jubiläumsjahr 2010 hat der Markt das Leben Grassers in einem Festspiel dargestellt (im Bild Christian Renghard als Grasser). Foto: M. Fichtner

Dass Erasmus Grasser damals gegenüber den Münchner Bürgern einen großen Vorteil hatte, sei aus Schmidmühlener Sicht nicht von der Hand zu weisen, meinte Bürgermeister Peter Braun bei der Vernissage. „Er kam aus einem Ort, aus Schmidmühlen, der bereits auf eine rund 500-jährige Geschichte zurückblicken konnte.“ München sei um das Jahr 1000, als Schmidmühlen begründet wurde, lediglich eine Sandbank an der Isar gewesen. Große Begabung und Ehrgeiz lassen den agilen Erasmus als Multitalent erscheinen. Die bewegte Form der Moriskentänzer galt vor 500 Jahren schon als Provokation. Waren bisher Figuren ohne Bewegung, setzte Grasser neue Akzente, so Peter Braun.

Moriskentänzer und Schäffler eiferten damals um die Gunst und die besten Plätze in der jungen Stadt München. Schließlich kam es zum Sturm des Rathauses – auch wenn es sich nur um das Wetteifern der Anhängerschaft der Morisken mit denen der Schäffler handelte. Die Anhänger der Morisken hatten die Turmloge erklommen und kurzerhand die Schäfflerfiguren auf den Marienplatz geworfen.

Die Spur der Morisken

  • Viele offene Fragen

    sind geblieben. Eine Spur weist ins Grödnertal, aber auch sie verliert sich im Ungewissen. Sicher ist nur, dass die Morisken nach und nach zurückgedrängt wurden. Noch gelegentlich erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand vom expressiven Tanz der Morisken, bevor sie in Vergessenheit gerieten, als Exoten aus einer sehr fernen, sehr fremden Welt.

  • Nur einer

    ist zurückgeblieben. Er hat sein Auskommen unweit des Marienplatzes in der Sendlinger Straße bei einem Uhrmacher gefunden. An der Fassade Ecke Hermann-Sack-Straße wurde für ihn ein kleines eigenes Glockenspiel eingerichtet, zu dem er täglich um 11 und 12 Uhr ein Tänzchen aufführen darf. Die meisten denken, es sei ein Schäffler – auch wenn es eine Moriska ist. (abp)

Viele Oberpfälzer in München

Den Zattelrock und den Bauern wird man sicherlich bei der Ausstellung im Hammerschloss fast in Originalgröße zu sehen bekommen. Foto: Böhm
Den Zattelrock und den Bauern wird man sicherlich bei der Ausstellung im Hammerschloss fast in Originalgröße zu sehen bekommen. Foto: Böhm

Heute, so erinnerte Braun, leben mehr als 100 000 Menschen mit oberpfälzer Wurzeln in München. „Also Vorsicht, wir Oberpfälzer sind jetzt in der Landeshauptstadt nicht zu unterschätzen.“ Die Schmidmühlener seien mit einer eigenen Landsmannschaft in München vertreten und organisiert.

Was aus den Morisken geworden ist, weiß niemand mehr. Einiges an Wissen haben von Cube und Hessel zusammengetragen. Im Münchner Stadtmuseum sind die Originale in ihrer vermuteten originalen Ausstattung und Bemalung ausgestellt, im ehemaligen Tanzsaal des alten Rathauses stehen Kopien aus dem 19. Jahrhundert.

Auch im Schmidmühlener Heimatmuseum finden sich Kopien von Grassers Werk.

Auch Kunstwerke in Schmidmühlen erinnern an den großen Sohn des Markts und sein Werk.

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