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Geselligkeit im Grünen wird gehegt und gepflegt

Mikrokosmos Eisberg, Teil 4: Ein Refugium genossenschaftlichen Wohnungsbaus / Bleiben, so lange es geht

  • 20 Handwerker halten die Häuser und Wohnungen in Stand.
  • Rudolf Maier, Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens, das in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. Hinter ihm ein Bild vom ersten Haus der Genossenschaft, das 1906 am Kochkeller gebaut wurde. Fotos: Sigrid Merkl
  • Der Eisberg: Die modernen Zeiten sind auch hier längst eingeläutet, doch noch schwebt über dem Viertel der Geist der Gründerväter, die das Miteinander groß schrieben.

Von Sigrid Merkl

AMBERG. „Wir haben auch die Straßenläufe bestimmt“, sagt Geschäftsführer Rudolf Meier über die Anfänge des heutigen Wohnungsunternehmens im Jahr 1905. Damals hatten ehemalige Arbeiter der Gewehrfabrik, die in Amberg um 1800 zunächst in der Alten Münze sesshaft geworden war, den genossenschaftlichen „Bau- und Sparverein der Gewehrfabrikarbeiter e.G.m.b.H.“ gegründet. Als Gemeinschaftsunternehmen hat er das Eisbergviertel maßgeblich mitgeprägt.

Auch christlich-konservative Kräfte seien unter den Arbeitern gewesen, sagt Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger auf die Frage, ob man die Gewehrfabrikler eindeutig dem linken Spektrum habe zuordnen können. Schließlich heißt es in Laschingers Buch „Amberg – Die kurfürstliche Haupt- und Regierungsstadt der oberen Pfalz“ über die offenbar besonders wagemutigen Anhänger der Räterepublik in der Fabrik, dass sie im April 1919 „die Arbeit niedergelegt und auch die Arbeiter der Firma Baumann dazu gezwungen hatten“.

Wagemut stand auch am Anfang des Bau- und Sparvereins, der sich 1941 mit drei weiteren Genossenschaften zum Wohnungsunternehmen zusammenschloss. Innerhalb kürzester Zeit überzeugte Initiator Franz Graml im Gründungsjahr 1905 eine starke Truppe von 45 Mitgliedern, die ihr Geld zusammenlegten und von ihrem Gemeinsinn profitierten. Eines der ersten Baugebiete war in den 20-er Jahren der Eisberg, zunächst mit Eisbergweg, Oberntraut- und Plechstraße, später auch Eglseer und Steinhauserstraße, Wahl- und Glückaufstraße sowie dem Knappenweg mit der Eisbergwirtschaft als Treffpunkt.

In den 50-er Jahren kamen weitere Wohnblocks weiter im Norden hinzu. Ebenso wie der Name Glückaufstraße zeugt der „Knappenweg“ von den ursprünglichen Bewohnern, die sich, so erläutert Rudolf Meier, „zu 80 Prozent aus Arbeitern der Luitpoldhütte“ zusammensetzten.

Heute befindet sich der Löwenanteil der Häuser und Wohnungen im Viertel in der Obhut des Wohnungsunternehmens, das 2005 sein hundertjähriges Bestehen feiert. Im Wandel der Zeiten haben sich auch die Aufgaben des genossenschaftlichen Wohnungsbaus verändert. Der Neubau wurde in den letzten Jahren eingestellt. Jetzt geht es vor allem um die Substanzerhaltung, was sich auch an den Zahlen der fest angestellten Handwerker ablesen lässt. Waren es Mitte der 70-er Jahre nur drei, so sind es heute um die 20.

Ein Rest von Besitzerstolz

Meier erklärt, was am alten Eisbergviertel so charakteristisch ist: „Ein Vorteil dieser alten Wohnanlagen ist, dass damals sehr großzügig mit Grünflächen geplant worden ist, was man heutzutage aus Kostengründen gar nicht mehr macht. Für den Wohnwert ist das ein entscheidender Faktor. Früher waren das alles Gemüsegärten. Rein auch vom Einkommen her war es ein Vorteil, wenn man sich Gemüse selbst anbauen konnte. Da hat man sich das halt gespart.“

Von den ursprünglich ökonomischen Zwängen, die das Garteln weniger Hobby als Notwendigkeit sein ließen, zeugen die vielen Beete, die sich zwischen den Wohnblocks erhalten haben. Noch heute stehen hier und da Gartenanteile zur Verfügung, die mit Gemüse, Salat und Kräutern bepflanzt werden. Die meisten davon sind frei zugänglich. Besonders von den Älteren werden die Parzellen gerne angenommen, speziell in der Glückauf- und Plechstraße, und zwar sowohl gärtnerisch als auch zur Erholung in der Freizeit.

Meier dazu: „Die Gartenflächen waren für das soziale Miteinander sehr wichtig, da hat man sich natürlich getroffen. Nach getaner Arbeit hat man auf der Bank gesessen und der Nachbar war halt a da. Dort, wo es intakte Wohngemeinschaften gibt, da sitzen die Leute jetzt noch beisammen, am Abend oder mal am Wochenende. Man ratscht halt einfach. Das ist etwas, was sich von früher noch bewahrt hat – mit Gartenmöbeln oder Gartenzelt, wo die sich halt treffen. Das ist doch das Schöne, wenn man nicht so anonym wohnt, sondern das soziale Miteinander noch in Ordnung ist.“

Als Ergebnis fleißiger Hände strahlt der noch recht ursprünglich gebliebene Kern des Eisbergs das Gegenteil dessen aus, was man als Ex-und-hopp-Einstellung bezeichnet. Das geht bis hin zu den in Reih und Glied aufgestellten Mülltonnen. Allerdings ist auch diese Form der Alltagskultur im Schwinden begriffen: „Die Älteren tun sich noch ab, kehren des Trepperl, putzen. Die Jüngeren kümmern sich kaum. Den Speicher putzen eher noch die Alten, wenn’s noch a bisserl können. Von den Jungen denken viele: ‚Wir zahlen die Miete und damit hat sich die Sache'“. Das sagt einer, der es wissen muss, aber nicht genannt werden möchte. Allerdings hat sich die Altersstruktur so verschoben, dass Senioren stark vertreten sind: „Jeder sagt, ich möchte so lang wie möglich wohnen bleiben und so spät als möglich in ein Altersheim. Ältere Mieter sind deshalb schon in der Mehrzahl“, so Meier, der schon verstehen kann, dass die Jüngeren, „wenn beide arbeiten, am Samstag nicht im Garten arbeiten wollen“.

Trotz der modernen Zeiten, die längst eingeläutet sind, liegt noch eine Brise vom Geist des Ursprungs in der Luft. Kein anonymes, kein gesichtsloses Wohnen findet hier statt. Erhalten ist immer noch ein Rest von Besitzerstolz, der in den Anfängen mitgedacht, mitgefühlt und ursprünglich als Triebfeder mit im Spiel war. Meier dazu: „Wenn man Genossenschaftsmitglied ist, das hat ja schon ein bisschen den Charakter, als ob einem die Wohnung gehört. Genossenschaftsmitglieder wohnen 40, 50 Jahre in ihren Wohnungen. Bei uns gibt es auch Leut‘, die sind in einer Genossenschaftswohnung geboren und haben praktisch ihr ganzes Leben in Genossenschaftswohnungen verbracht. So was wie eine Eigenbedarfskündigung gibt es nicht. Als Genossenschaftsmitglied ist man unkündbar, natürlich so lange man seine Pflicht erfüllt.“ Ein sozialer Gedanke ist dabei Ausschlag gebend, der zunehmend abhanden kommt, wenn die Nachhaltigkeit, nämlich: nicht nur herauszunehmen, sondern auch hineinzugeben, auf der Strecke bleibt. Was dann übrig bleibt, ist Kommerz, ist die billige Lösung, letztlich die Resignation.

Soziale Frage als Balanceakt

Doch so weit will es Geschäftsführer Rudolf Meier nicht kommen lassen. Die Balance halten zwischen dem sozialen Gedanken einerseits, der Verantwortung andererseits, wie man sie den übrigen Genossenschaftsmitgliedern gegenüber hat, das ist sein Rezept. Dazu gehört laut Meier auch, „bei sozial schwachen Familien die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen abzurufen. Wohngeld bekommen wir von der Stadt direkt überwiesen. Das lassen wir uns abtreten.“ Wenn irgend möglich, sorge man dafür, dass die Leute wohnen bleiben können, auch bei Schicksalsschlägen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit. „Wir versuchen wirklich, so weit es geht, den Familien zu helfen, weil wir da ja auch einen sozialen Auftrag sehen, sofern die Familien bereit sind, auch ihren Teil dazu beizutragen.“ Und weiter: „Manch einer meint, wenn einer mal net zahlt, was ist des schon. Aber wir sind auf jede Miete angewiesen. Wenn nichts fließt und das dem Mieter egal ist, dann muss man sich natürlich trennen.“

Der soziale Gedanke stand bei Gründung des Bau- und Sparvereins im Mittelpunkt. Der Leidensdruck war entsprechend hoch. Dr. Johannes Laschinger verzeichnet für 1923 bereits 16175 Arbeitslose in Amberg. Von Mitte 1931 bis Ende 1932 lag die Luitpoldhütte still. Waren dort 1927 noch 2000 Angestellte beschäftigt gewesen, so fiel ihre Zahl auf gerade einmal 500 im Jahr 1934. Die Weltwirtschaftskrise (1929) hatte auch Amberg erfasst: „Die Hochinflation erschwerte das Leben der Bevölkerung – in Amberg kostete ein Vier-Pfund-Laib Schwarzbrot am 15. Oktober 1923 noch 240 Millionen, am 17.November des gleichen Jahres 600000 Milliarden Mark“, schreibt Laschinger. Die Arbeiter der Luitpoldhütte werden froh gewesen sein, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben – und ein wenig Gemüse im eigenen Garten.

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