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Zeitgeschichte

Kinder liebten die Bücher des NS-Autors

Vor 100 Jahren wurde Hans Baumann geboren. Erst schrieb der Oberpfälzer üble Nazi-Propaganda, später wurde er für seine Kinderbücher preisgekrönt.
Von Ulrich Kelber, MZ

Fahnenträger der Hitlerjugend: Die Texte für die Marschlieder der Nazis lieferte Hans Baumann. Von ihm stammt die berüchtigte Zeile: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“. Foto: dpa

Amberg. „Der Sohn des Columbus“: So hieß eines der Lieblingsbücher meiner Kinderjahre. Doch was es für eine Bewandtnis mit dem Autor Hans Baumann hatte, wusste ich damals nicht. Denn aus Baumanns Feder stammt auch das Lied „Es zittern die morschen Knochen“, das zu den übelsten Machwerken der Nazi-Propaganda gehört. In ihm gibt es die berüchtigte Zeile „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“. Militant auch die weiteren Verse: „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt … Und liegt vom Kampfe in Trümmern die ganze Welt zuhauf. Das soll uns den Teufel nicht kümmern, wir bauen sie wieder auf.“

Wer heute dieses Lied singt, macht sich strafbar, es steht auf der Liste der verbotenen „nationalsozialistischen Kennzeichen“. Aber bei Neo-Nazis und Rechtsextremisten – so verrät der Blick auf einschlägige Internetseiten – steht alles, was Hans Baumann vor 1945 an hetzerischen Texten geschrieben hat, noch immer hoch in Kurs.

Die rechte Geistesrichtung

Vor 100 Jahren, am 22. April 1914, wurde Hans Baumann in Amberg geboren, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. In Amberg besuchte Baumann die Lehrerbildungsanstalt, das heutige Max-Reger-Gymnasium. Im Mai 1933 wurde er Mitglied der NSDAP, 1934 ging er nach Berlin und wurde in die Reichsjugendführung der HJ berufen. Bald avancierte er zu einem Jungstar der NS-Literatur. Als „Künder der jungen Generation“ wurde Baumann 1939 in einer Zeitschrift gerühmt, sein Schaffen sei aus einer „echt nationalsozialistischen Denk- und Geistesrichtung“ heraus erwachsen. 1941 erhielt Baumann den Dietrich-Eckart-Preis für seinen Einsatz im Sinne des Nationalsozialismus.

Im Krieg war Baumann Oberleutnant in einer Propaganda-Kompagnie an der Ostfront. Auch in seinen Versen verteidigte er den Eroberungskrieg gegen Russland: „Im Osten steht unser Morgen. Steht Deutschlands kommendes Jahr … Dort wartet Sieg und Gefahr. Dort wartet gute Erde … Dort ruft das Land nach dem Pflug.“

Nach dem Krieg weggeduckt

In der Nachkriegszeit hat sich Hans Baumann weggeduckt. Er scheute die Öffentlichkeit, schwieg sich aus, verweigerte genauere Angaben zu seiner Biographie. Angeblich versuchte er sich kurze Zeit als Holzschnitzer in Oberammergau, ließ sich dann mit seiner Familie in Murnau nieder, wo er bis zu seinem Tod am 7. November 1988 lebte. Und es muss ihm nicht schlecht gegangen sein, denn bereits in den 60er Jahren besaß er ein Ferienhaus auf Teneriffa.

Baumann fand schnell wieder Publikationsmöglichkeiten. Kinder- und Jugendbücher wurden sein großes Thema. 1956 erhielt er den Friedrich-Gerstäcker-Preis. Seine Bücher erreichten riesige Verkaufszahlen. „Der Sohn des Columbus“ war der erste große Erfolg. Ebenfalls in historisches Gewand gepackt wurden Abenteuergeschichten wie „Die Höhlen der großen Jäger“, „Im Lande Ur“, „Löwentor und Labyrinth“, „Der große Alexander“ oder „Ich zog mit Hannibal“. Insgesamt dürfte es von Baumann über 100 Buchveröffentlichungen geben, darunter Bilderbücher und Gedichtbände mit Titeln wie „Ein Brief nach Buxtehude“, „Bombo in seiner Stadt“ (mit Illustrationen von Janosch) oder „Mischa und seine Brüder“ (illustriert von dem aus Kelheim stammenden Grafiker Reinhard Michl) .

Mit einer Übersetzung aus dem Russischen löste Baumann 1967 ungewollt ein Beben im deutschen Literaturbetrieb aus: Die empörte Dichterin Ingeborg Bachmann verließ seinetwegen den Piper-Verlag und wechselte zu Suhrkamp. Was war der Anlass? Ingeborg Bachmann hatte den Verleger Klaus Piper auf das lyrische Werk der russischen Dichterin Anna Achmatowa hingewiesen und auch gleich einen Übersetzer vorgeschlagen, nämlich Paul Celan. Bachmann und Celan waren sich 1948 in Wien begegnet, beide verband eine lange Liebesbeziehung. Doch statt Celan beauftragte Verleger Piper ausgerechnet Baumann mit der Übersetzung der Gedichte. Ingeborg Bachmann hielt Pipers Verhalten für „politisch unerträglich“, die Baumann-Übertragungen fand sie „ganz fürchterlich“. Auch von einem Literaturkritiker der „Zeit“ wurden die Übersetzungen dann als „windschief“ und „leichtfertig“ eingestuft.

Bereits 1959 gab es eine Kontroverse um Baumann. Der Autor bewarb sich damals um den Berliner Gerhart-Hauptmann-Preis, mit dem Theaterstück „Im Zeichen der Fische“, das er unter dem Pseudonym Hans Westrum eingereicht hatte. Als die düpierte Jury merkte, dass sie auf einen Dichter mit fragwürdiger Vergangenheit hereingefallen war, wurde die Preisverleihung in letzter Minute abgesagt.

Als ein Hamburger Theater das Stück 1962 uraufführte, war es Marcel Reich-Ranicki, der in der „Zeit“ darauf hinwies, welch fatale Argumente Baumann verwendet. Er nutzte die gleiche Verteidigungsstrategie wie die NS-Täter, um von individuellen Schuld abzulenken: Ihre Begeisterung sei ausgenutzt worden, sie hätten doch nur Befehle ausgeführt, was damals Recht gewesen sei, könne doch nicht plötzlich Unrecht sein. Baumann siedelt das Stück auf einer metaphorischen Ebene an. Es spielt zur Römerzeit während der Christenverfolgungen. Ein Feldherr bekommt den Auftrag, gegen die Christen vorzugehen: „Sie werden ausgetilgt wie tolle Hunde, dass sie die Seuche nicht weitertragen können.“ Der Feldherr lässt die Christen niedermetzeln, unter ihnen sogar seinen besten Freund. Er verteidigt seine Tat: „Der Kaiser wollte das, nicht ich. Der Kaiser muss es wissen.“ Ein paar Jahre später wird das Christentum zur Staatsreligion, die Toten gelten nun als Märtyrer. Und der Feldherr? Soll er als Mörder vor Gericht gestellt werden? Der Richter urteilt: „Dich trifft keine Schuld.“ Der Täter darf sich sogar als Opfer stilisieren und über den Mord am Freund sagen: „Ich litt, als ich ihn von mir scheiden musste.“ Reich-Ranicki kam zu einem harschen Urteil: Das Werk strotze „von Plattitüden und Geschmacklosigkeiten“. Autor Baumann warf er vor, dass es ihm bisher nicht gelungen sei, „die Stilmittel der NS-Literatur zu überwinden.“

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