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Geschichte

Nach der Messe eine Halbe

Rund um die Kirche St. Ägidius in Schmidmühlen gab es eine Reihe von Gasthäusern. Das bekannteste war der Kannesmetzger.
Von Josef Popp

Der Blick zeigt den ehemaligen Kirchvorplatz, links das ehemalige Gasthaus „Regensburger Hof“, rechts der alte Birnbaum und ein Teil des alten Schulhauses. Foto: Archiv Heimatkundlicher Arbeitskreis
Der Blick zeigt den ehemaligen Kirchvorplatz, links das ehemalige Gasthaus „Regensburger Hof“, rechts der alte Birnbaum und ein Teil des alten Schulhauses. Foto: Archiv Heimatkundlicher Arbeitskreis

Schmidmühlen.Kirche und Wirtshaus mit Pfiff – so heißt ein Kulturprojekt im Landkreis Amberg-Sulzbach, das sich seit vielen Jahren großer Beliebtheit erfreut. Fährt man durch gewachsene oberpfälzer Dörfer oder Städte, so sieht man in aller Regel in nächster Nähe zur Kirche ein Wirtshaus. Das hatte seinen Grund: Frühmesse oder Amt, und dann auf eine Halbe (oder mehr) Bier ins Wirtshaus – so war es früher der Brauch und so ist es vielerorts heute noch.

Vor allem für die „Mannsbilder“ waren früher der Besuch des Gottesdienstes und anschließend der Frühschoppen so etwas wie eine „Pflicht“. Dieses wöchentliche Zusammentreffen diente letztlich auch dazu, dass man neueste Nachrichten untereinander austauschte und es wurde Politik gemacht.

Ein Paradebeispiel für diese Kombination Kirche und Wirtshaus ist der Markt Schmidmühlen: Rund um die Kirche befanden sich zahlreiche Wirtshäuser, so der Kannesmetzger, der Donhauser mit der Ankerwirtschaft und der Ochsenwirt, zu dem man heute noch zum Frühschoppen gehen kann.

Nur das Gebäude existiert noch

Blick auf den Kirchvorplatz heute: Das alte Schulhaus samt dem alten Birnbaum gehören längst der Vergangenheit an.  Foto: Josef Popp
Blick auf den Kirchvorplatz heute: Das alte Schulhaus samt dem alten Birnbaum gehören längst der Vergangenheit an. Foto: Josef Popp

Sowohl die Kirchen als auch die Wirtshäuser haben immer interessante Geschichten zu erzählen. Dieser Historie widmet das Augustbild des Heimatkalenders ein Bild. Die Kirche gibt’s noch, die Brauerei „Schmid-Bräu“ mit dem Gasthaus „Regensburger Hof“, dem Kannesmetzger, gehört schon zur Geschichte, aber zumindest das Gebäude existiert noch. Und schließlich sieht man noch das alte Schulhaus und den Birnbaum, der, groß gewachsen, vor der Pfarrkirche stand. Alle drei Gebäude bildeten quasi den Kirchplatz, den es aber so offiziell gar nicht gab und gibt.

Wenn man den alten Heimatfilm aus den 1960er Jahren anschaut, so kann man noch die Funktion des Kirchplatzes sehen: Nach dem Gottesdienst standen viele Jugendliche und Erwachsene beisammen, um zu ratschen und zu tratschen und man sieht doch etliche Männer von der Kirche in die umliegenden Wirtshäuser huschen.

Heimatkalender

  • Schätze:

    2014 gab es erstmals historische Motive aus dem Archiv des Heimatkundlichen Arbeitskreises. Seither werden jedes Jahr solche Schätze aus dem Archiv wieder ins Licht geholt.

  • Motto:

    Mit dem Motto „Schmidmühlen – Erinnerungen an eine noch nicht ganz vergessene Zeit“ ist der Heimatkalender in gewisser Art eine bebilderte Chronik. (mi)

Die Kirche ist dem Heiligen Ägidius geweiht. Nicht alltäglich ist die Geschichte ihres Turms, der mit seinem italienisch anmutenden Dach aus der üblichen Zwiebel- oder Spitzdachform herausfällt. Seine Geschichte beginnt mit einem Unglück: Am 28. Mai 1807, an Fronleichnam, nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr, stürzte der Kirchturm ein. Durch glückliche Umstände kamen keine Menschen zu Schaden, auch die umstehenden Häuser wurden nicht beschädigt. Man hatte eine große Tür im Turm ausgebrochen und den Bau durch Balken gestützt. Als am Fronleichnamstag die Glocken viel geläutet wurden, hat dies den Turm offenbar so erschüttert, dass er zusammenstürzte. Aber: Nur die kleine Sterbeglocke und die eiserne Turmuhr zerbrachen. Ein Vierteljahrhundert hatte die Pfarrkirche nun keinen Turm. Die Glocken wurden im Dachgebälk notdürftig angebracht und geläutet.

Unter Bürgermeister Jakob Silbereis ging man 1832 daran , einen neuen Turm zu bauen. 900 Gulden kamen bei einer Sammlung zusammen, was jedoch zu wenig war. Die Regierung genehmigte, dass die reicheren Kirchen der Diözese 2200 Gulden beisteuerten. Der neue Turm wurde an der Westseite der Kirche errichtet. Wegen des schlechten Grundes mussten zuerst große Eichenpfähle eingerammt werden, darauf kam ein Eichenrost.

Blick auf den Kirchturm - durch die bunten Schirme der Schirmstraße des Marktfestes  Foto: Josef Popp
Blick auf den Kirchturm - durch die bunten Schirme der Schirmstraße des Marktfestes Foto: Josef Popp

Um 1900 zählte die Pfarrei 1650 Gläubige. Die Kirche war nun viel zu klein geworden, ein Neubau wurde notwendig. Die Kirche wurde total abgebrochen, nur der 100 Jahre alte Turm blieb stehen. Am 3. Dezember 1933 konnten die Gläubigen in die neue Kirche einziehen. Am 6. Mai 1934 erfolgte die kirchliche Weihe durch Bischof Michael Buchberger.

Über Jahrzehnte, vielleicht über Jahrhunderte war Schmidmühlen eine lebendige Wirtshaus- und Biergemeinde. Kaum ein Straßenzug, in dem nicht mindestens eine Bierwirtschaft war – wenn auch klein. Der Gasthof „Regensburger Hof“ war mit Sicherheit schon allein durch seine Lage im Ortszentrum eines der wichtigsten Wirts- oder auch Gasthäuser und eine Institution.

Lange Tradition

So richtig bekannt war der Regensburger Hof aber als der „Kannesmetzger“. Den kennt auch heute noch jeder. Als Familiennamen gibt es den Kannesmetzger nicht. Es ist der Hausname, der noch heute wohl am häufigsten in der Gemeinde in Gebrauch ist – in den verschiedensten Variationen. Woher der Hausname stammt, weiß der aktuelle „Kannesmetzger“ – mit richtigen Namen heißt er Günther Schmid – auch nicht sicher, aber er hat eine plausible Erklärung: Die Brauerei war früher im Kellerweg. Von dort wurde das Bier entweder in Kannen oder Fässern ins Stammhaus an der Hauptstraße gebracht und verkauft. Im Stammhaus war zudem eine kleine Metzgerei.

Zahlreiche alte Schriftstücke aus dem Familienbesitz geben Aufschluss über die Geschichte von Brauerei und Gasthof: Sie reicht – nach jetzigem Recherchestand – bis in das Jahr 1867 zurück. Joseph Schmid hatte nachweislich das Braurecht. 1870 wird im Gasthaus im Regensburger Hof die Freiwillige Feuerwehr Schmidmühlen gegründet, Initiator und 1. Vorsitzender war Brauer und Wirt Joseph Schmid. 1873 wird die Metzgerswitwe Barbara Schmid erwähnt. In einer Urkunde wird für sie die „Erlangung der Tavernengerechtigkeit und somit auch die Verabreichung von Kaffee, Speisen und Beherbergung“ bescheinigt.

Im Jahr 1985 kam ein schwerwiegender Einschnitt: Die Brauerei wurde aufgegeben. Die Gastwirtschaft erlosch dann im Jahr 1992. (ajp)

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