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Region Amberg
Freitag, 21. September 2018 27° 2

Heimatgeschichte

Ohne Wagner ging es nicht

In vergangenen Jahrzehnten hatte Schmidmühlen wirtschaftlich große Bedeutung. Dabei war vor allem der Wagner wichtig.
Von Josef Popp

  • Der Wagner war einst ein wichtiger Beruf in einem Gemeinwesen, vor allem für die Landwirte. In diesem großen Haus im Hammer in Schmidmühlen arbeitete einst der Wagner. Fotos: Archiv Heimatkundlicher Arbeitskreis/Popp (4)
  • Auf manchem Dachboden schlummern noch Geräte, die ein Wagner hergestellt hat. Foto: Josef Popp
  • Der Erbauer des Anwesens: Johann Stauber. Foto: Josef Popp
  • Das Stauber-Anwesen heute. Foto: Josef Popp
  • Einst teilte sich die Hammerstraße in links die Hutergasse und rechts die Hammerstraße. Foto: Josef Popp

Schmidmühlen.Wenn man in alten Chroniken blättert, kann man feststellen, dass Schmidmühlen und die nähere Umgebung wirtschaftlich gesehen eine viel größere Bedeutung hatten als heutzutage. So gab es in Schmidmühlen einen Hafen, Eisenverarbeitung, Hopfenanbau oder Glasschleifen. Die Vils war Jahrzehnte lang schiffbar. Auf ihr wurden Eisen und Erz aus dem damals wichtigsten Verarbeitungsgebiet bis nach Budapest transportiert.

Eine alte Handelsstraße führte von „Brunberg“ an der Naab über Schmidmühlen, vorbei an der Burg Rosstein nach Forchheim und weiter nach Bremen. Das Zusammentreffen alter Handelsstraßen und die schiffbare Vils ließen Schmidmühlen zu einem wirtschaftlich bedeutsamen Ort werden.

1788 zählte der Markt 127 Häuser, 62 Stadel, je zwei Mahl- und Sägemühlen, hatte eine Pfarrkirche, Pfarr- und Schulhaus, eine Kirche im „Freithof“, dann eine auf dem Kreuz- oder Schloßberg, drei Gemeindehäuser und ein Spitalhaus, hatte in seinem Bereich das zur Hofmark Schmidmühlen gehörige Schloss und das „befreite Hammergut rid. Hofmark und Edelsitz“.

Werkstätten und Fabriken

Im 19. Jahrhundert war Schmidmühlen überwiegend landwirtschaftlich strukturiert. Fast jedes Haus besaß einige Äcker, meist für Getreide und Kartoffeln. Die steilen Berghänge wurden als Weiden genutzt. Ungewohnt für diese Gegend war der Hopfenanbau. Nach einer Chronik von 1833 bestand Schmidmühlen zu dieser Zeit aus 143 Häusern, wovon 100 die bürgerlichen Rechte besaßen. Auf 60 Häusern ruhte das Recht, Bier zu brauen und auszuschenken. Diese 60 Bürger waren auch gemeinsame Eigentümer der Kommunbrauerei.

Als Betriebe sind 1833 erwähnt: neun Brauereien, sieben Webereien, zehn Schusterwerkstätten, vier Schneidereien, sechs Schmieden, vier Gerbereien, drei Mühlen, zwei Schreinereien, zwei Maurerbetriebe, mehrere Kramerläden, zwei Strumpfwirkereien, eine Zimmerei, eine Sattlerei, eine Dosenmacherei, eine Glasschleife, eine Tuchmacherei, eine Papierfabrik, eine Spiegelglasschleiferei. Eine Chronik von 1895 berichtet von vier Mühlen, drei Sägewerken, drei Brauereien und einer Glasschleife.

Bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ging aber ein ökonomischer Wandel vor: Viele Berufe verschwanden. Sie wurden nicht mehr benötigt oder es gab keine Nachfolger. Zu diesen alten Berufen gehörten beispielsweise der Nagelschmied (Borkenhauser), der Hutmacher (Justinger), der Hafner (Forster), die Weißgerber (Wohlfahrt), Färber (Knauer), Tuchmacher (Beslmeisl) oder auch der Seifensieder (Familienname unbekannt). Den Hutmachern (in der jetzigen Hammerstraße) war übrigens ein Straßenname gewidmet: die Hutergasse.

Bauern brauchten den Wagner

Ein besonders wichtiges Handwerk in einem Ort war der Wagner. Mit dem Schmied und dem Sattler stellte er früher alle Geräte für die Bauern her. Allein der Berufsname verrät, womit sich der Wagner hauptsächlich beschäftigte: dem Wagen, seien es größere Wagen oder Karren, aber auch andere Arbeitsgeräte wie Pflüge oder Eggen. Deren Herstellung erforderte nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch die Fähigkeit, detailgetreu zu zeichnen. So musste beispielsweise bei Rädern der Abstand der Speichen (Querschnitt) exakt stimmen. Für die Bearbeitung benötigte der Wagner spezielles Werkzeug, ebenso

Die Herstellung von Wägen oder auch Kutschen war die Aufgabe mehrerer Handwerke: Der Wagner fertigte das Gestell, die Räder und den Kasten, der Schmied sorgte für die Beschläge, vom Schlosser kamen die Scharniere, Schlösser und Bänder oder auch die Bremsen, der Sattler war zuständig für Lehnen und Sitze (Lederverarbeitung) und der Maler schließlich übernahm die farbliche Gestaltung. Reparaturen beschäftigten den Wagner stets mehr als die Neuanfertigungen.

Die Fortschritte im Wagen oder Gerätschaftsbau im frühen 20. Jahrhundert – vermehrt wurden Eisen und Stahl verwendet – ließen die Wagner gegenüber den Schmieden immer mehr ins Hintertreffen geraten. Den endgültigen Niedergang des Wagnerhandwerks läutete die Patentierung des gummibereiften Ackerwagens ein.

Diesem wichtigen Handwerk widmet sich der Heimatkalender mit einem historischen Foto. Es zeigt die große Wagnerei im Hammer. Es war übrigens nicht der einzige Wagner, viele mittlerweile dokumentierte Hausnamen bezeugen dies. Dieses Haus ist seit 1865 im Besitz der Familie Stauber, wie eine Jahreszahl auf dem Dachboden zeigt. Erbaut hatte es Johann Stauber 1865. Dessen Sohn Franz Stauber (geb. 1885) hatte dann die Wagnerei bis etwa 1910 inne. Sein großes Hobby war übrigens der Obstanbau. Viele Ältere können sich noch an den Obstgarten hinter dem „alten“ Netto in der Bahnhofstraße erinnern – in der damaligen „noudigen“ Zeit ein begehrter Ort.

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Der Schmidmühlener Heimatkalender

  • Start:

    Erstmals ist in Schmidmühlen im Jahr 2012 ein Heimatkalender erschienen, der sich seither großer Beliebtheit erfreut. 2012 und 2013 wurde er zunächst jeweils als bebilderter Rückblick auf die Ereignisse des vergangenen Jahres gestaltet.

  • Schätze:

    Im Jahr 2014 gab es im Kalender erstmals historische Motive aus dem Archiv des Heimatkundlichen Arbeitskreises, die die Menschen durch das Jahr begleiteten. Seither werden jedes Jahr solche Schätze aus dem Archiv wieder ins Licht geholt.

  • Motto:

    Die Heimatkalender stehen immer unter dem Motto „Schmidmühlen – Erinnerungen an eine noch nicht ganz vergessene Zeit“. So verstehen die Initiatoren des Heimatkundlichen Arbeitskreises diesen Kalender in gewisser Art als eine bebilderte Chronik. (mi)

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