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Denkmal

Was wird aus dem Haager Viadukt?

Eine Führung beim Denkmaltag erinnerte an die kurze Zeit der Lokalbahn Amberg-Lauterhofen. Der Heimatpfleger fordert eine Sanierung der Brücke.

  • Josef Schmaußer hatte viele Motive aus seinem umfangreichen Archiv für die Besucher dabei. Foto: asj
  • Die Gemeinde Ursensollen hat vor etwa drei Jahren die Brücke für Fußgänger und Radfahrer sperren lassen. Grund sind abrutschende Steine an den Seitenlagern. Foto: asj

Landkreis. Das Motto des Denkmaltags am 8. September hieß: „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“. Auch in der Gemeinde Ursensollen gibt es unbequeme Denkmale, zum Beispiel das Haager Viadukt. Aufmerksame Bürger stellten vor etwa vier Jahren fest, dass an der nordöstlichen Böschungsabdeckung auf einer Breite von etwa drei Quadratmetern ein Teil der Naturstein-Wand herausgebrochen ist. Die Gemeinde Ursensollen ließ unverzüglich die Brücke für Fußgänger und Radfahrer sperren.

Der örtliche Heimatpfleger Josef Schmaußer griff das Motto des Denkmaltages auf, um wieder einmal öffentlich über die weitere Nutzung und wünschenswerte Sanierung des 110 Jahre alten Industriedenkmales zu diskutieren: Was ist wert, erhalten zu werden und weshalb? Was macht Denkmale unbequem und warum? Mehr als 30 Heimatinteressierte – bis aus Weiden und Parsberg – kamen.

Die Züge fuhren zwar nur knappe 69 Jahre, doch noch immer ist die Geschichte der Lokalbahn Amberg-Lauterhofen im Gedächtnis vieler Zeitzeugen. Daher hatte Josef Schmaußer eine geführte Wanderung auf dem Programm. Heute ist auf Teilen der Trasse der Lokalbahn der beliebte Schweppermann-Radweg eingerichtet.

Am 7. Dezember 1835 fuhr in Deutschland die erste Eisenbahn: von Nürnberg nach Fürth. In den folgenden Jahren nahm der Streckenausbau einen rasanten Anstieg. Am 12. Dezember 1859 wurde die „Ostbahn“ von Nürnberg über Amberg nach Cham eröffnet. Da wollten auch kleinere Orte Anschluss an das neue Verkehrsmittel.

Nach nur zweijähriger Bauzeit wurde am 5. Dezember 1903 die 28,4 Kilometer lange Bahnstrecke von Amberg nach Lauterhofen mit einem Festakt eröffnet. Der fahrplanmäßige erste Zug fuhr am Montag, 7. Dezember. Ab 1. Mai 1910 dampfte die erste Lokomotive durchs Vilstal nach Ensdorf, ab 18. Dezember bis Schmidmühlen. Die 2,4 Kilometer lange Teilstrecke vom Amberger Bahnhof bis Drahthammer wurde von beiden Linien benutzt.

Es zeigte sich, dass heute immer noch viele Heimatfreunde einen intensiven Bezug zur Strecke haben. Barbara Köppl, eine geborene Kleindienst aus dem Wirtshaus in Haag, erinnerte sich, dass ihr Vater Ferdinand Kleindienst (Jahrgang 1897) ihr und ihren beiden Schwestern immer wieder erzählt habe, dass er als sechsjähriger Erstklässler die Eröffnung der Lokalbahn miterlebt habe. Alle Schulkinder entlang der Strecke begrüßten das neue Zeitalter mit dem ersten dampfenden Zug und erhielten eine Knackwurst und ein Spitzel! Das war fürwahr für damalige Kinder ein Erlebnis!

Ihre Großmutter Anna Kleindienst ging während der Bauzeit des Haager Viadukts in den Jahren 1902 und 1903 täglich nach Amberg, um für die meist italienischen und kroatischen Gastarbeiter Würste und Spitzeln zu kaufen. Mit einer Buckelkirm beförderte sie die Brotzeit gleich zur Baustelle im Haager Tal. Ihr Mann hatte indessen ein Pferd an ein Wägelchen gespannt und lieferte den Arbeitern frisches Bier.

„Scheibchenweise“ kam das Ende der beliebten Lokalbahnstrecke. Am 1. Juli 1962 wurde der Fahrbetrieb eingestellt. Am 29. März 1972 fuhr der letzte fahrplanmäßige Güterzug. Im Winter 1972/73 wurden die Gleise abgebaut. Dabei passierte am 7. März 1973 im Bahnhof Ursensollen ein spektakuläres Missgeschick: Ein Fehler beim Ankoppeln verpasste einem der Schienenfahrzeuge, die mit bereits abgebauten, 15 Meter langen Gleisjochen beladen waren, einen Stoß, so dass zwei der 20 Tonnen schweren Waggons in Richtung „Wirtsleite“ bei Hohenkemnath in Bewegung gerieten.

Die schweren Waggons erreichten wegen des abschüssigen Geländes an die 100 km/h. Fünf Straßen und an die 20 Feld- und Gehwege überquerten die Waggons, ohne Schaden anzurichten. Die „Ausreißer“ wurden am Bahnhof Drahthammer dann auf ein Betriebsgleis umgeleitet. Eine Weichensperre brachte schließlich das lebensgefährliche Gefährt zum Entgleisen. Personen wurden nicht verletzt, der Schaden am Gleis war unbedeutend.

In der Dezembersitzung 2008 des Gemeinderates Ursensollen wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass künftig das Haager Viadukt für den Personenverkehr gesperrt werde. Grund seien abbröckelnde und abrutschende Steine an den Seitenlagern. Ein Statiker bezifferte die Reparaturkosten auf über 100 000 Euro.

Wie Schmaußer sagte, sei er dieser Zahl von Anfang an skeptisch gegenübergestanden. Er sei mit einem Statiker vor Ort gewesen. Die sichtbaren Schäden hätten nach Ansicht des Fachmannes mit der Tragfähigkeit der Brücke gar nichts zu tun. Die Gemeinde Ursensollen sollte endlich alles in Bewegung setzen, damit eine preisgünstigere Lösung erreicht werden könne, mögliche Fördergelder angezapft würden, damit das bautechnische Denkmal auch zukünftige Generationen an die kurze Eisenbahnzeit in der Region erinnern könne, fordert der Ortsheimatpfleger. „Das Haager Viadukt ist ein Stück Heimatgeschichte. Die gilt es zu erhalten!“

Als ersten Schritt sollte man endlich die Brücke vom Bewuchs freistellen, damit sie im wahrsten Sinn des Wortes wieder ins Blickfeld rücke. Die schnell geschaffene Ausweichstrecke dürfe kein Argument sein, die von großen Teilen der Bevölkerung gewünschte Sanierung der ausgeplatzten Seitenflächen zurückzustellen. Die Brücke könne dann wieder für den Publikumsverkehr freigegeben werden, erklärte Schmaußer. (asj)

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