mz_logo

Region Amberg
Mittwoch, 22. August 2018 30° 2

MZ-Serie

Wo sich die Russen festfahren sollten

Verlassene Orte: Wenn im Kalten Krieg der Feind gekommen wäre, sollten ihn im Kreis Amberg-Sulzbach Panzersperren stoppen.
Von Fritz Winter, MZ

  • Der Amberg-Sulzbacher Kreisheimatpfleger Mathias Conrad zeigt einen Sperrmittelbunker im Staatswald. Hinter massiven Stahltüren wurden hier die Trichtersprengladungen aufbewahrt. Foto: Gabi Schönberger
  • Flicken im Asphalt erinnern an die vorbereiteten Trichtersperren. Foto: Gabi Schönberger
  • Die teilversenkten Sperrmittelhäuser entstanden nach Einheitsplan. Foto: Gabi Schönberger
  • Informationstafeln erläutern die Geschichte der Sperranlagen. Foto: Gabi Schönberger

Bachetsfeld.Hier, an der Kreisstraße Amberg-Sulzbach 1 in der Nähe der kleinen Ortschaft Bachetsfeld, wurde der Russe erwartet. Drei unscheinbare Flickstellen im Asphalt erinnern an die Zeit des Kalten Krieges, als sich am Eisernen Vorhang quer durch Europa die Truppen des Warschauer Paktes und der Nato unversöhnlich gegenüberstanden.

Im Falle eines Angriffs, so die taktischen Überlegungen, würden die sowjetischen und tschechoslowakischen Panzerspitzen hier an der engsten Stelle der Mittleren Frankenalb zwischen Sulzbach-Rosenberg und Pommelsbrunn im Angriff auf Nürnberg durchbrechen. Das wollte man verhindern. Unter den Flickstellen im Asphalt liegen fünf Meter tiefe Schächte, die im Ernstfall vermint und gesprengt worden wären. In diesen Trichtersperren sollte sich der Russe festfahren.

Die Sperren wurden nie bestückt

„Alles diente dazu, den Angriff zu verzögern, um für die Verteidigung Zeit zu gewinnen“, sagt der Amberg-Sulzbacher Kreisheimatpfleger Mathias Conrad. Er kümmert sich darum, dass wenigstens einige der rund 2000 Sperranlagen, die es in Bayern einmal gab, als Denkmäler der Nachwelt erhalten bleiben. Schließlich existierten alleine im Kreis Amberg-Sulzbach 53 militärische Objekte, die den Gegner in seinem Vormarsch behindern sollten.

Die meisten bayerischen Sperranlagen waren Straßensprengschächte. Es gab aber auch Schienensprenganlagen, damit Bahnstrecken von Panzern nicht als Rollbahnen verwendet werden konnten, Vorrichtungen zum Sprengen von Brückenpfeilern, Rohrsperranlagen, Fallkörpersperren und Stecksperren. Die Sprengladungen, die es konventionell und (unter US-Oberhoheit) auch nuklear gab, wurden auf Standortübungsplätzen oder in nahegelegenen, sogenannten Sperrmittelhäusern gelagert. Bestückt wurden die Sperren nie – auch nicht in der Krise während des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen 1986 in die Tschechoslowakei.

Atomare Eskalation greifbar nahe

Der Gesamtverteidigungsplan (GDP) der Nato-Truppen in Mitteleuropa ging davon aus, dass die Truppen des Warschauer Paktes über die „Fuldaer Lücke“ in Osthessen nach Westen vordringen würden. Ein weiterer Stoß wurde in der Senke zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald entlang der Autobahn 9 erwartet. In einer Art Zangenbewegung sollten sowjetische und tschechoslowakische Truppen durch die Cham-Further Senke vorstoßen und die Nato-Truppen in Nordostbayern einkesseln.

Nachdem die Truppen des Warschauer Paktes den in Deutschland stationierten Soldaten der USA, Großbritanniens, Belgiens, der Niederlande und der Bundeswehr zahlenmäßig weit überlegen waren, errichtete man im Hinterland in Straßen, Brücken, Unterführungen und an Bahnlinien kurzfristig aktivierbare Sperren. Diese hätten den Gegner zwar nicht aufhalten können. Sie hätten den Vorstoß aber soweit verzögern sollen, bis die eigene Abwehr organisiert ist und Reserven herangeführt werden können.

„Miteinander vernetzt waren die Sperren ein fester Bestandteil der Territorialverteidigung und unterlagen der Geheimhaltung“, sagt Mathias Conrad. Der Zivilbevölkerung waren Umfang und Dichte der Verteidigungsvorbereitungen nicht bekannt. Der Osten wusste aber sehr wohl Bescheid: Wie aus einst geheimen Unterlagen der Nationalen Volksarmee der DDR und des Staatssicherheitsdienstes hervorgeht, befand sich der Gesamtverteidigungsplan schon zu Zeiten des Kalten Krieges in den Händen des Geheimdienstes des Warschauer-Paktes.

An den Sperren hätte es im Ernstfall leicht zu einer Eskalation des Krieges kommen können. Denn außer mit konventionellen Minen hätten die Anlagen auch mit Nuklearminen bestückt werden können. Konzept der Verteidiger war es, die Truppen des Ostblocks auch durch den Einsatz von taktischen Atomwaffen in Grenznähe zum Stehen zu bringen und sie nicht bis zum Rhein oder gar bis zum Atlantik vordringen zu lassen. Auch mit dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen wurde gerechnet. Die Sperren waren so eingemessen, dass sie mit Artillerie hätten bestrichen werden können, falls sich der Gegner dort festgefahren hätte.

Als Mitarbeiter ausgegeben

„Der Großteil der Bevölkerung hat von den Sperren überhaupt nichts mitbekommen, denn so diskret, wie sie gebaut wurden, sind sie auch wieder verschwunden“, sagt Conrad. Selbst während des Kalten Krieges wurden die Sperren und die dazugehörigen Sperrmittelhäuser von den „Wallmeistern“ der Bundeswehr nicht in Uniform, sondern in Zivil mit unauffälligen Fahrzeugen kontrolliert. Bei Nachfragen gaben sie sich oft als Mitarbeiter von Straßenmeistereien oder Kanalunternehmen aus.

Die ehemaligen Sperren haben nach Ansicht von Mathias Conrad einen hohen Zeugniswert für die deutsche Nachkriegsgeschichte. „Sie führen uns vor Augen, wie real die Bedrohung damals war“, sagt er. Die einzige Möglichkeit, wenigstens einige der einst 2000 Anlagen in Bayern für die Nachwelt zu erhalten, ist ihr Eintrag in die Denkmalliste.

Genauso wichtig sei es aber auch, die Bevölkerung über die Zusammenhänge, die zum Bau der Sperren geführt haben, zu erläutern. „Wenn man sich vor Augen hält, welches Leid ein Krieg gebracht hätte, ist man dankbar für 70 Jahre Frieden“, sagt der Heimatpfleger.

Verlassene Orte in der Region

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht