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Markenrechte

„1 Skandal vong Dreistigkeit her“

Willy Nachdenklich hat mit seiner Facebook-Seite die „Vong-Sprache“ populär gemacht. Verdienen wollen aber andere daran.
Von Katharina Kellner, MZ

Ein Amberger steckt hinter der Kunstfigur Willy Nachdenklich, hier bei einer Lesung bei Puls, der Jugendsparte des Bayerischen Rundfunks. Foto: BR Puls
Ein Amberger steckt hinter der Kunstfigur Willy Nachdenklich, hier bei einer Lesung bei Puls, der Jugendsparte des Bayerischen Rundfunks. Foto: BR Puls

Amberg.Fußspuren im Wüstensand, die Sandkörner hoch aufgelöst, dramatische Schatten im Hintergrund. Solche Fotos gibt es zu Tausenden im Netz, oft illustriert von seichten Lebensweisheiten. Auch zu diesem Bild gibt es einen Sinnspruch – nur ist der irritierend anders: „Das Leben ist 1 Reise mit unbekannte Ziel du selbs kanns nur dem Weg bestimen und ankommen wenn du da bist“.

Der Spruch ist nicht ernst gemeint, er persifliert nicht nur die Pseudo-Tiefgründigkeit, sondern auch die fehlerhafte Sprache und Rechtschreibung aus den sozialen Netzwerken: Erfunden hat ihn ein 33-jähriger Amberger, der sich im Netz als Kunstfigur „Willy Nachdenklich“ inszeniert und seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, um privates und digitales Leben zu trennen. Der Großhandelskaufmann füttert seine Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ ständig mit Sprüchen und kleinen Geschichten in der „Vong“-Sprache. Die Konstruktion „vong ... her“ ist bezeichnend für diesen kalkulierten Nonsens-Stil. Dabei ergänzt er ein Substantiv um eine überflüssige Information: „Ich enfehle noch 1 Sohlen Einlage vong Konfor her“ oder: „Das Wetter ist schön vong Sonne her.“ Auch „I bims“ („I bin’s“) ist ein beliebter Ausdruck in der Vong-Sprache. Was als „Blödelei mit den Kumpels“ begann, hat seit zwei Jahren eine krasse Eigendynamik entwickelt: 360 000 Facebook-Fans hat die Seite aktuell. Willy Nachdenklich, selbst überrascht von seinem Erfolg, begann auf dem Marktplatz von Amazon Tassen und Kalender mit seinen Sprüchen zu verkaufen – und wurde nun jäh gestoppt: Amazon teilte ihm und seinem Geschäftspartner Tom Kramer mit, sie würden gegen Markenschutzrechte verstoßen und stellte die Seiten mit den Tassen offline.

Zeit für „andere lustige Wörter“

Denn die Markenrechte an „I bims“ und „Vong“ für Trinkgefäße, Gepäck- und Kleidungsstücke gehören nun der Agentur Schritt Media aus Lünen in Westfalen, wie die OMR, eine Plattform für Online-Marketing-Macher berichtete. Für die beiden Amberger bedeutet das, dass sie ihre „Vong“ und „I bims“-Tassen nicht mehr auf dem Amazon-Marktplatz anbieten dürfen, nur noch ihre Kalender. Ein Leser des Textes auf der OMR-Seite kommentierte im besten „Vong“-Tonfall: „Das ist ja 1 Skamdal vong Dreistigkeit her!“

„Ich war verwundert und verärgert“, sagt Willy Nachdenklich auf MZ-Anfrage. Der Sprachspieler hat die „Vong“-Sprache zwar nicht erfunden, so dass er nicht das Recht am „I bims“ für sich einklagen kann. Doch Nachdenklich hat das „Vongisch“ kreativ weitergesponnen und mit seiner Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ populär gemacht. Wichtige Bestandteile der „Vong“-Sprache gehen auf den österreichischen Rapper Money Boy („I bims“ und 1 als Zahl geschrieben) und auf den Betreiber des Twitter-Accounts „Paul Rippé“, der den Fotografen Paul Ripke parodiert („vong...her“), zurück. Doch nun verbietet Schritt Media, die sich nicht kreativ eingebracht hat, anderen das Geschäft mit dem „Vong“. Die Agentur war am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

„Wir haben keine Zeit und keinen Nerv, uns rumzustreiten.“

Tim Kramer

Doch Willy Nachdenklich will sich das „kreative Flair“ seiner Verballhornungsarbeit nicht von einer rechtlichen Auseinandersetzung zerstören lassen. „Wir haben keine Zeit und keinen Nerv, uns rumzustreiten“, sagt auch sein Manager Tim Kramer. „Es wird Zeit, andere lustige Wörter in Umlauf zu bringen“, sagt Nachdenklich, der der weiterhin in seinem Beruf arbeitet und neue Herausforderungen gefunden hat, die ihm wichtiger sind als im Internet Tassen zu verkaufen: Heute erscheint sein Buch mit dem Titel „1 gutes Buch vong Humor her“, das seine Lebensweisheiten versammelt.

Mit Gisela Stöckelmeiers Blick

In „Vong“-Sprache erzählt er in 20 Kurzgeschichten aus dem Alltag: „Von Mozart, von einem Nikolausabend oder von dem Kind, das seine Gemüseravioli nach Afrika schickt, weil seine Eltern sagen, dort hätten die Leute nichts zu essen.“ Inspiration bezieht er aus „belanglosen Alltagssituationen, die überspitze ich und lasse sie gerne eskalieren“. Vier Geschichten schreibt er aus der Sicht der „konservativen mittvierzigerin Gisela Stöckelmeier, die in 1 Zwickmühle zwischen AfD-Kreisverband und ihrer Liebe zu ihrem Freund dem dunkelhäutigen Carlos steckt“, wie es konsequent verballhornend auf der Agentur-Homepage heißt. Sein erstes Buch kommt im Reclam-Heft-Design daher – schwarzer Titel, gelber Hintergrund. Die Gestaltungsidee des Berliner Eden Books-Verlags gefällt dem Amberger – im MZ-Gespräch spekuliert er mit den Assoziationen, die da beim Leser wach werden: „Bei Reclam denkt man gleich an Goethes Faust, ich bin auf dem direkten Weg, mit meinem Buch Schullektüre zu werden.“ Wie oft bei Willy Nachdenklich ist das maßlos überspitzt und keinesfalls Ernst gemeint.

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