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Eine Narbe bleibt immer zurück

Notfallseelsorger wie Peter Bublitz aus Amberg sind beim plötzlichen Tod eines Angehörigen zur Stelle und helfen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Französische Gebirgsjäger durchkämmen das Unglücksgebiet.
Französische Gebirgsjäger durchkämmen das Unglücksgebiet. Foto: dpa

Amberg.Der Absturz der Germanwings-Maschine hat die Familien der Opfer aus heiterem Himmel ins Unglück gerissen. Damit müssen sie nun fertig werden. Peter Bublitz, Diakon in der Pfarrei Sankt Martin in Amberg, ist Notfallseelsorger und im Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes. Er steht Menschen im vielleicht schlimmsten Moment ihres Lebens bei. Bei Autounfällen, Suizid oder plötzlichem Kindstod wird er alarmiert. Nach der Brandkatastrophe in Kaprun, bei dem viele Opfer aus dem Raum Amberg kamen, hat er die Angehörigen mitbetreut. Das ist jetzt knapp 15 Jahre her. Mit dem Absturz der Germanwings-Maschine ist die Erinnerung daran wieder da. „Für die Angehörigen der Kaprun-Opfer war es damals kein Trost, dass so viele andere betroffen waren“, sagt Bublitz. Der Tod ist ein individuelles Unglück, das jeder auf seine Weise aushalten muss. „Eine Narbe bleibt immer zurück.“

Bublitz kann sich ein Bild davon machen, was die Hinterbliebenen der Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen durchmachen. In der Zeit der Ungewissheit nach den ersten Meldungen über den Absturz hätten sich die Angehörigen sicher Hoffnungen gemacht. „Da wird noch nicht viel geweint“, ist Bublitz überzeugt, „die Fantasie macht in so einem Moment große Sprünge“. Die Hoffnung sei eine starke Kraft, die es einem ermögliche, trotz allem einigermaßen vernünftig zu denken. Dennoch sei es sehr wichtig, dass Menschen in einer so unsicheren Situation nicht allein sind und möglichst gut informiert werden.

Wie ein Brocken

Die Bestätigung der Todesnachricht sei dann „wie ein Brocken, der einen erschlägt“. In diesem Moment gebe es keine tröstenden Worte, „keine Zauberformel“ bedauert der Notfallseelsorger. „Wichtig ist, dass die Krisenhelfer da sind.“ Jeder Betroffene reagiere anders: Weinen, Schweigen, Schreien, Reden – alles sei möglich. Jeder Helfer bewege sich auf einem schmalen Grat und müsse erspüren, was sein Gegenüber brauche – mal sei es eine Schulter zum Anlehnen, mal gelte es, eine Hand halten.

Auch die Reaktionen, die Mitarbeiter der Notfallhotline, erlebten, sind laut Bublitz sehr verschieden. „Da rufen gefasste Menschen an, die sich vorher auf einem Zettel einen Plan gemacht haben, aber auch völlig aufgelöste Angehörige.“ Per Telefon werde aber nie eine Todesnachricht überbracht. Die Anrufer bekämen wie im Fall des Flugzeugabsturzes nur die vage Auskunft, dass die gesuchte Person wahrscheinlich an Bord war. Die Mitarbeiter der Notfallhotline arbeiten laut Bublitz mit einem Fragebogen, nehmen Personalien auf und leiten die Anfrage an die Polizei weiter. Diese ermittle, ob es sich tatsächlich um Verwandte handelt. Dann werde vor Ort ein Notfallhelfer alarmiert, der zusammen mit der Polizei die Hinterbliebenen zu Hause aufsucht und informiert. Krisenhelfer wie sie zum Beispiel am Dienstag am Düsseldorfer Flughafen im Einsatz waren brauchen laut Bublitz nach spätestens acht Stunden – inklusive Pausen – eine Ablösung.

Trauern am Unglücksort

Der Absturzort der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ist schwer zugänglich. Gestern kamen die ersten Angehörigen in die Nähe des Unglücksortes. Für sie wurde ein Ort der Stille eingerichtet. Heute will die Lufthansa Hinterbliebene mit Sonderflügen nach Südfrankreich bringen. „An den Unglücksort zu gehen, ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit“, ist Diakon Bublitz überzeugt. Auch viele Angehörige der Kaprun-Opfer seien damals nach Österreich gereist und hätten den Unglücks-Tunnel besichtigt. Am 11. November 2000 waren bei einem Brand in einer Gletscherbahn am Kitzsteinhorn 155 Menschen gestorben. Um den Tod eines Menschen zu begreifen, ist es nach Ansicht des Notfallseelsorgers wichtig, von der Leiche Abschied nehmen zu können, sie auch zu berühren. Falls das nicht mehr möglich sei, helfen Symbolhandlungen. „Kleidungs- oder Gepäckstück können dann eine wichtige Rolle übernehmen.“ Auch ein Erinnerungsstück vom Unglücksort könne den Hinterbliebenen Trost spenden.

Zu Beginn einer Trauer sei alles lähmend und sehr bedrückend. „Mit der Zeit verlieren die Trauernden aber Teile der Last“, sagt der Diakon. Nicht jeder Mensch brauche in dieser Krisensituation Hilfe von außen. „Studien haben aber gezeigt, dass der Weg für Trauernde schneller leichter wird, wenn sie sich helfen lassen.“ Der Besuch von Trauerfeiern, strukturierte Gespräche oder auch Ablenkung könnten helfen. „Ohne Unterstützung bleibt man länger in der niedergedrückten Stimmung“, ist der Notfallhelfer überzeugt.

Dass der Absturz der Germanwings-Maschine vielen Menschen in Deutschland nahe geht, hat laut Bublitz auch mit der räumlichen Nähe zum Unglücksort zu tun. „Das könnte auch ich sein“ – dieser Gedanke spiele eine entscheidende Rolle. Mit einem Flugzeugabsturz in Asien identifiziere man sich weniger, weil er weiter weg sei. Das Bayerische Rote Kreuz hat nach Auskunft von Bublitz bereits eine Abfrage gestartet, welche Krisenhelfer Französisch sprechen. Aus der Oberpfalz seien bisher aber keine Helfer auf dem Weg nach Frankreich.

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