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Vorsorge

Gefahrgut fordert Feuerwehren besonders

Mit der Explosion bei BASF sind härteste Einsätze ganz nah – die Einsatzkräfte in Amberg-Sulzbach sind gut aufgestellt.
Von Michaela Fichtner

  • Kreisbrandrat Fredi Weiß und Fach-Kreisbrandmeister Alexander Graf mit dem schweren Chemieschutzanzug, den die Spezialkräfte der Feuerwehren bei Einsätzen mit gefährlichen Stoffen tragen Foto: Michaela Fichtner
  • Explo-Trainer: Damit wird das Messen gefährlicher Stoffe (gelbe Geräte) trainiert. Über Sensoren (rechts) – etwa in Gebäuden versteckt – wird das Austreten von Stoffen simuliert. Foto: Michaela Fichtner
  • Alexander Graf hat ein Team „Gefahrgut“ aufgebaut: Christian Gräßmann (Schnaittenbach), Jochen Sandig (Rosenberg), Markus Held (Auerbach), Andreas Färber (Haag), KBM Hans Sperber (Achtel). Foto: A. Graf/Archiv

Amberg.Riesige Flammen, weithin sichtbare, dunkle Rauchwolken: Die Bilder der Explosion beim Chemieriesen BASF in Ludwigshafen vor wenigen Tagen sind vielen noch in Erinnerung. Und auch wenn Unglücke mit gefährlichen Stoffen nur selten passieren: „Die Gefahr ist ständig vorhanden“, wissen Kreisbrandrat Fredi Weiß und auch Kreisbrandmeister Alexander Graf, der für den Fachbereich Gefahrgut verantwortlich ist. Das gilt auch für den Landkreis Amberg-Sulzbach: Unternehmen müssen bei bestimmten Produktionsschritten chemische Substanzen, Säuren und Laugen einsetzen, Tag für Tag sieht man auf den großen Magistralen der Region, A 6, B 85 und B 299, Brummis mit den orangen Schildern, die die Ladung als gefährlichen Stoff kennzeichnen.

Kommt es – trotz natürlich vorhandener Sicherheitsmaßnahmen – zu einem Unglück mit Gefahrgut, stehen im Landkreis 120 Frauen und Männer bereit, die genau für diesen Fall eine umfangreiche Spezialausbildung absolviert haben. In fast allen Gemeinden finden sich CSA-Träger der Feuerwehren. CSA ist der bei solchen Einsätzen unverzichtbare Chemieschutzanzug. „Von Anfang an ging meine Vorstellung in die Richtung einer flächendeckenden Gefahrgutausbildung im Landkreis“, erzählt Alexander Graf zur Aufgabe, die er sich gestellt hat, als er diesen Fachbereich Gefahrgut vor jetzt zehn Jahren übernommen hat.

Vor Start der CSA-Alarmierung im Kreis

Leichterer Anzug, etwa für Kräfte bei der Reinigung der CSA-Träger Foto: Michaela Fichtner
Leichterer Anzug, etwa für Kräfte bei der Reinigung der CSA-Träger Foto: Michaela Fichtner

Ein Etappenziel ist schon erreicht. Das nächste besondere Projekt steht nach rund zweieinhalb Jahren der Vorbereitung kurz vorm Start: die CSA-Alarmierung im Landkreis. Kommt es zu größeren Gefahrguteinsätzen, können die Spezialkräfte dann gezielt und schnell zur Unterstützung und Ablösung nachalarmiert werden, wenn die örtlichen CSA-Träger personell an ihre Grenzen geraten, erklären Weiß und Graf das neue Konzept für die Landkreisreserve – ein wichtiger Beitrag für mehr Sicherheit der Menschen.

Großes Lob hat der Kreisbrandrat da für die Feuerwehrkräfte in seinem Verantwortungsbereich. Knapp 4800 Frauen und Männer, auch mehr als 1000 Jugendliche, stehen als Aktive bei den Feuerwehren bereit. Weiß ist sichtlich stolz, dass sich immer noch so viele ehrenamtlich engagieren – trotz vielfach höherer Belastungen im Umfeld, vor allem beruflichen Anforderungen, trotz der steigenden Herausforderungen auch hier im Feuerwehrdienst. Bei den Spezialaufgaben, wie beispielsweise bei den CSA-Trägern, sei dies noch ein Stück mehr: Zum einen müssen die Aktiven viel Zeit für die Ausbildung investieren, zum anderen sind sie bereit, im Einsatzfall besondere Belastungen zu tragen.

Damit wird jeder Schritt anstrengend

Stark eingeschränkt ist die Sicht für CSA-Träger – das wird schon deutlich, wenn die Atemschutzmaske in das Kopfteil des Schutzanzugs gehalten wird. Foto: Michaela Fichtner
Stark eingeschränkt ist die Sicht für CSA-Träger – das wird schon deutlich, wenn die Atemschutzmaske in das Kopfteil des Schutzanzugs gehalten wird. Foto: Michaela Fichtner

Wobei man „tragen“ wörtlich nehmen kann, wie Weiß und Graf zeigen: Acht bis neun Kilogramm wiegt allein der Chemieschutzanzug (robuste Stiefel und Handschuhe sind fest angebracht), rund 15 Kilo haben die CSA-Träger dann außerdem mit dem Atemschutzgerät auf ihren Schultern. Da wird jeder Schritt anstrengend, jeder Handgriff doppelt schwierig: durch die zusätzlichen starren Sicherheitshandschuhe, aber auch, weil sich der Anzug durch die ausgeatmete Luft aufbläst.

Das alles bei stark eingeschränkter Sicht – durch die Atemschutzmaske. „Wenn’s im Sommer richtig heiß ist, kann es unerträglich werden“, wissen Weiß und Graf. Und sie weisen am Rand darauf hin: Der Schutzanzug hat nämlich eine Einheitsgröße, also ausgelegt auf durchschnittliche Männer – was für die Frauen, die von Anfang an bei der CSA-Ausbildung dabei waren, eine weitere Erschwernis bedeutet.

„Wer einmal drin war, geht nicht noch mal. Die Erfahrung bei Einsätzen hat gezeigt: Wir brauchen Leute!“

Kreisbrandrat Fredi Weiß

Und: „Da kommt eine psychologische Sache dazu“, gibt Graf zu bedenken. Es sei nicht jedermanns Sache, im absolut dichten Anzug zu stecken, aus dem man nicht einfach „raus“ kann: Der Reißverschluss am Rücken kann nur von außen geöffnet werden, außerdem muss ein CSA-Träger nach einem Einsatz erst noch gereinigt (dekontaminiert) werden, damit er beim Ausziehen auch nicht mit gefährlichen Stoffen in Berührung kommt. „Man ist weg von der Welt“, sagt Weiß. Und man könne so auch leicht die Zeit vergessen – wichtig sei daher das Team, das sich gegenseitig hilft und im Fall der Fälle auch eingreifen könne. Da können schon rund 30 Minuten im schweren Schutzanzug zu einer Ewigkeit werden: „Drei Minuten hingehen, 15 Minuten arbeiten, drei Minuten zurückgehen, zehn bis zwölf Minuten reinigen“ – so beschreibt der Fach-Kreisbrandmeister die quasi als Faustregel angesetzten Zeiten. Und: „Wer einmal drin war, geht nicht noch mal“, macht dazu der Kreisbrandrat deutlich.

So verwundert es nicht, wenn die Feuerwehrführungskräfte betonen: „Die Erfahrung bei Einsätzen hat gezeigt: Wir brauchen Leute!“ Genau diese Spezialkräfte für Gefahrgut stehen nun flächendeckend bereit, ausgebildet mit einem Schulungskonzept, das die verschiedensten Aspekte berücksichtigt. Ein Modul gibt es beispielsweise auch für die kleineren Wehren. „Möglichst viele brauchen Wissen“, sagt Graf, denn auch die kleine Ortsfeuerwehr, die oft als erste bei einem ist, könne wichtige Erstarbeiten leisten. „Wichtig ist allein schon die Erkenntnis, dass es sich um einen Gefahrgutunfall handelt“, ergänzt Fredi Weiß.

„Wohlfühlen“ im Chemieschutzanzug

KBM Alexander Graf zeigt die Atemschutzmaske mit Filter, die mit dem dünneren Anzug z.B. von den Reinigungskräften (Dekontamination) getragen werden kann. Foto: Michaela Fichtner
KBM Alexander Graf zeigt die Atemschutzmaske mit Filter, die mit dem dünneren Anzug z.B. von den Reinigungskräften (Dekontamination) getragen werden kann. Foto: Michaela Fichtner

„Herzstück“ aber sind natürlich die CSA-Träger. Für sie ist das „Wohlfühlen“ im Chemieschutzanzug ein zentraler Punkt bei der Grundausbildung, dazu kommen die Themen Sicherheit, Gefahren und Dekontamination. Im nächsten Schritt lernen CSA-Träger das Messen und Erkennen von Gefahrstoffen sowie den Umgang mit den Geräten, um im Einsatz das Umfüllen, Umpumpen, Abdichten etc. erledigen zu können. „Die Werkzeuge sind aus Messing, das schlägt keine Funken, und die Auffanggeräte aus Edelstahl“, erzählt Graf zur Spezialausrüstung.

Diese befindet sich auf dem Gerätewagen Gefahrgut, über den die Feuerwehr der Stadt Amberg verfügt – neben Regensburg und Weiden einer der drei Standorte solcher Spezialfahrzeuge in der Oberpfalz. Und dieses ist bei den sogenannten Wiederholungslehrgängen immer dabei; dankbar sind die Führungskräfte für die Unterstützung durch die Amberger und speziell Michael Werner, denn dies ermögliche eine gute, fachbezogene Ausbildung.

„Das nächste Unglück mit Gefahrgut kommt bestimmt.“

Anforderung an die Feuerwehr

Klar: Neue Überlegungen für Schulungen haben die Verantwortlichen in petto. Üblicherweise übernimmt der „Kreisbrand“ die Einsatzleitung bei einem Gefahrgutunfall, so Weiß. Mit einem speziellen Modul sollen künftig auch Führungskräften der Wehren die Themen und Abläufe vermittelt werden, die für die Aufgaben wichtig sind. Graf plant, allein das Messen gefährlicher Stoffe zum Thema zu machen, um mehr Abwechslung in Wiederholungslehrgänge zu bringen. Mit dem „Explo-Trainer“ können über Sensoren, in Gebäuden „versteckt“, Stoffe simuliert werden. „Manche sind schwerer als Luft, die sinken nach unten, andere nach oben – und da muss man natürlich wissen, wie man richtig misst“, erklärt der KBM das Prinzip.

Lesen Sie hier unseren Bericht über eine Gefahrgut-Übung der Feuerwehren bei der Firma Grammer in Haselmühl!

Eine beispielhafte CSA-Alarmierung

Das Innere eines Filters bei einer reinen Atemschutzmaske (wenn keine extra Sauerstoffflaschen getragen werden): Die Luft reinigen feine Lamellen eines Filterstoffes und Aktivkohle. Foto: Michaela Fichtner
Das Innere eines Filters bei einer reinen Atemschutzmaske (wenn keine extra Sauerstoffflaschen getragen werden): Die Luft reinigen feine Lamellen eines Filterstoffes und Aktivkohle. Foto: Michaela Fichtner

Der nächste Schritt ist nun allerdings, die letzten nötigen Vorbereitungen für die CSA-Alarmierung abzuschließen. Die sind vor allem technischer Natur: Alarmiert werden die CSA-Träger per Funkempfänger und SMS aufs Handy durch die Integrierte Leitstelle. Dafür müssen bei den Aktiven, die für die Landkreisreserve bereit stehen, die verschiedenen Funkempfänger programmiert und die Handynummern quasi „eingespeist“ werden.

In etwa zwei Wochen, rechnen die Verantwortlichen, sollte dies alles abgeschlossen sein. Dann steht diese beispielhafte CSA-Alarmierung im Landkreis Amberg-Sulzbach, und in der Region ist man gerüstet, schnell, fachgerecht und mit einer ausreichenden Zahl an Spezialkräften Gefahren zu beseitigen. Und auch wenn Unglücke mit Gefahrgut eher selten sind: „Das nächste kommt bestimmt“, wissen Kreisbrandrat Fredi Weiß und Fach-Kreisbrandmeister Alexander Graf.

Hintergrund

  • Fachbereich Gefahrgut

    Alexander Graf hat vor zehn Jahren den Fachbereich von Kreisbrandmeister Peter Hiller übernommen. Graf hat n Absprache mit KBR Franz Iberer ein Team aufgebaut, um die Ausbildungen im Landkreis auf den Weg zu bringen. Zum Team gehören Christian Gräßmann (Schnaittenbach), Jochen Sandig (Rosenberg), Markus Held (Auerbach), Andreas Färber (Haag) und Kreisbrandmeister Hans Sperber (Achtel); Armin Buchwald (Sulzbach) war anfangs mit dabei, bis er Leiter der ILS Amberg wurde.

  • CSA-Ausbildung

    Bei der Ausbildung der CSA-Träger arbeiten die Fachbereiche Atemschutz und Gefahrgut der Kreisfeuerwehr Amberg-Sulzbach eng zusammen, was nach Einschätzung von KBM Alexander Graf auch das Erfolgsrezept des gesamten Projekts einer flächendeckenden Ausbildung ist. Unterstützung kommt von der FF der Stadt Amberg (Michael Werner) mit dem Gerätewagen Gefahrgut. 100 Frauen und Männer wurden hier ausgebildet, weitere 20 haben ihre Ausbildung andernorts absolviert (z.B. Feuerwehrschule).

  • CSA-Alarmierung

    Die Alarmierung bei Gefahrguteinsätzen im Landkreis erfolgt per Funkmeldeempfänger und SMS durch die Integrierte Leitstelle. Es gibt dazu eine Nord- und eine Süd-Schleife im Landkreis Amberg-Sulzbach. Die CSA-Träger fahren dann mit den Fahrzeugen ihrer Wehren an. Die spezielle Ausrüstung befindet sich an insgesamt vier Standorten im Landkreis – Auerbach, Sulzbach, Rosenberg und Schnaittenbach – und wird von diesen Wehren mitgebracht. Ein landkreisübergreifender Einsatz ist bisher nicht angedacht.

  • Schutzanzug

    Neben dem Chemieschutzanzug, bei dem die Aktiven Atemschutzgerät mit Maske und Sauerstoffflasche tragen, gibt es einen dünneren Anzug, zu dem Atemschutzmaske mit Filter nötig ist. Dieser wird etwa für den Reinigungstrupp genutzt. Ein Chemieschutzanzug kann nach einem Einsatz nicht mehr verwendet werden, da auch nach professioneller Reinigung keine Fachstelle eine Garantie geben kann, dass selbst die kleinsten Spuren gefährlicher Stoffe beseitigt sind, der Anzug sicher ist. (mi)

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