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Soziales

Wer pflegt, wird leichter krank

Beim Fachtag Demenz im Landratsamt Amberg-Sulzbach ging es darum, ob Pflegende stärker als andere einen Burn-out riskieren.

„Macht Arbeit in der Pflege krank?“ fragte beim Fachtag Demenz im Landratsamt Amberg-Sulzbach Dietmar Erdmeier, zuständig für den Bereich Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand.
„Macht Arbeit in der Pflege krank?“ fragte beim Fachtag Demenz im Landratsamt Amberg-Sulzbach Dietmar Erdmeier, zuständig für den Bereich Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand. Foto: Peter Steffen, dpa

Amberg.Dr. med. Agnes Klupp hat es so auf den Punkt gebracht: „Erst Feuer und Flamme – dann ausgebrannt“. Burn-out findet sich immer häufiger auch im sozialen Bereich. Vor allem sind Menschen betroffen, die sich in ihrer Arbeit engagieren und für ihr Aufgabenfeld in der Altenpflege und im Gesundheitswesen verausgaben, ob „Profis“ oder Ehrenamtliche. „Burn-out“ hat daher SEGA e.V., der Verein zur Förderung seelischer Gesundheit im Alter, daher als Thema für den achten Fachtag Demenz im Landratsamt Amberg-Sulzbach gewählt.

Einen offenen Blick auf das Thema gewährte Elisabeth Gottsche, die bis vor sechs Jahren als Altenpflegerin gearbeitet hat. Die Arbeit habe sie sogar bis in ihre Träume verfolgt: „Ich stehe im Heim, will Medikamente ausgeben und kann mich nicht rühren. Ich habe mich 365 Tage in ,Rufbereitschaft‘ gefühlt.“ Der Stress im Altenheim habe auch ihr Privatleben massiv beeinträchtigt, gestand sie ein. Erst Wochen nach dem Ende ihrer beruflichen Tätigkeit habe sie realisiert, was eigentlich passiert sei. Die Warnzeichen vorher habe sie nicht erkennen wollen.

Dass noch viele Unklarheiten und Missverständnisse bestehen, betonte Dr. med. Klaus Gebel, Arzt für Psychiatrie/Neurologie und 1. Vorsitzender von SEGA e.V., in seinem Referat. Angesichts umstrittener Symptomatik und der oft uneinheitlichen Verlaufsformen gebe es Schwierigkeiten bei der diagnostischen Einordnung und Definition des Burn-out – der nicht als eigenständige Krankheit gesehen werde, sondern als „Zustand und Risikofaktor für die Entwicklung möglicher psychischer Erkrankungen“.

Langfristig wirkende Maßnahmen

Mit Stress, setzte sich Katharina Mainka, Dipl.-Sozialpädagogin vom Integrationsfachdienst, auseinander. Stress resultiere aus dem Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Möglichkeiten. In der Pflege werde man besonders damit konfrontiert. Kurzfristig würden Maßnahmen wie Ablenkung bzw. spontane Entspannung wirken, besonders riet sie zu langfristig wirkende Maßnahmen: Einstellung und Verhalten zu ändern gehörten da ebenso dazu wie soziale Unterstützung und ein effektives Zeitmanagement.

„Zeitdruck oder Zeit in Fülle: Eine Frage der Ökonomie?“ fragte Prof. Dr. Erwin Dirscherl, Uni Regensburg. „Wenn Zeit aus ökonomischen Gründen zur Mangelware wird, dann droht die Welt unmenschlich zu werden.“ In der Bibel mache speziell der Sabbat am Ende klar, dass Aktivität und Ruhe zusammengehören. Dirscherl: „Wir haben die Zeit in Fülle, warum unterbrechen wir nicht den unmenschlichen Zeitdruck um des Menschen willen?“

Dem Burn-out vorbeugen

  • Unterstützung

    Entscheidend ist die Unterstützung und Förderung der Inanspruchnahme von Präventionsangeboten in der Arbeit. Bewährt sind moderierte Gesprächskreise und Fortbildungsangebote, für die während der Arbeitszeit Raum gegeben werden muss.

  • Wendepunkt

    Ziel müsse es sein, dass psychische Belastungen nicht als Versagen erlebt werden. So liege der Schlüssel in den Arbeitsbedingungen. Einrichtungen, die danach handelten, profitieren durch einen längeren Verbleib ihrer Beschäftigten im Betrieb.

„Macht Arbeit in der Pflege krank?“ fragte Dietmar Erdmeier, zuständig für den Bereich Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand. Heute gingen 74 Prozent der Pflegekräfte davon aus, dass sie ihren Beruf nicht bis zur Rente ausüben können. Hauptgründe seien neben der unzureichenden Bezahlung die Arbeitsbedingungen, Schichtarbeit, Überstunden oder Einspringen.

Risikofaktoren sind längst bekannt

Pflegende unterscheiden sich durch mehr Verausgabungsbereitschaft, stärkeres Perfektionsstreben, eine ausgeprägte Resignationstendenz und niedrigere Werte für Distanzierungsfähigkeit von anderen Berufen. Diese Punkte gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung eines Burn-outs und entsprechender Folgeerkrankungen.

Ein erhöhtes Burn-out-Risiko in Gesundheitsberufen bestätigte Dr. med. Agnes Klupp. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus Weiden beschrieb Burn-out als „Zustand chronischer emotionaler und körperlicher Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit“. Es sei ein Endzustand eines meistens längeren Erlebens von Frustrationen, Desillusionierung und psychosomatischen Beschwerden – mit hohen volkswirtschaftlichen Folgekosten. Die Anfälligkeit dafür unterscheide sich stark nach den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen.

Mit Betroffenen, Experten und auch Politikern wurden schließlich die Erkenntnisse aus den Vorträgen ausführlich diskutiert und vertieft.

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