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Unfall

Betroffenheit nach Zugunglück

Zwei Menschen sterben bei Freihung, wo ein Zug in einen Transporter kracht. Die Suche nach der Ursache wird lange dauern.
Von André Baumgarten, Christina Röttenbacher und Sebastian Heinrich, MZ sowie unseren Agenturkorrespondenten

Ein Bild des Grauens: Ein Regionalzug hat bei Freihung einen Schwertransporter gerammt. 50 Menschen sollen in dem Zug gewesen sein. Foto: News5

Freihung.Nach dem schweren Unfall auf einem Bahnübergang in Freihung (Markt Freihung, Lkr. Amberg-Sulzbach) haben die Rettungskräfte das zweite Todesopfer geborgen. Dabei handelt es sich um den Zugführer, wie die Polizei am Freitagmorgen mitteilte. Vier Personen wurden bei dem Zusammenprall zwischen einem Regionalzug und einem Schwertransporter verletzt, sie sind nicht in Lebensgefahr.

Der Unfallort.

An einem Bahnübergang hatte am Donnerstagabend der Zug den Schwertransporter gerammt. Der 35-jährige Lokführer und der 30-jährige Fahrer des Lkw kamen dabei ums Leben. Beide Fahrzeuge gerieten in Brand. Der Schwertransporter, der ein Fahrzeug der US-Armee geladen hatte, war aus bislang ungeklärter Ursache direkt auf den Gleisen des Bahnüberganges liegen geblieben. Der Triebwagen rammte die Zugmaschine und trennte diese vom Auflieger ab. Beide Fahrzeuge gerieten nach dem Zusammenprall in Brand. Die Zugmaschine wurde unter dem Triebwagen des Regionalexpress eingeklemmt und rund 500 Meter mitgeschleift. Der Lkw-Fahrer, nach Polizeiangaben ein Rumäne, starb beim Zusammenstoß an dem beschrankten Bahnübergang. Sein Beifahrer wurde nur leicht verletzt. Von ihm erhoffen sich die Ermittler nähere Informationen zum Unfallhergang. Allerdings gestaltete sich die Kommunikation mit dem ebenfalls aus Rumänien stammenden Mann schwierig, die Beamten mussten auf einen Dolmetscher warten.

Die Zugmaschine wurde unter dem Triebwagen des Regionalexpress eingeklemmt und rund 500 Meter mitgeschleift. Foto: Röttenbacher

„Der Lokführer hat keine Chance gehabt“

Wie genau es zu dem Unglück kommen konnte, wird in den kommenden Tagen untersucht. Der Schwertransporter kam offensichtlich nicht mehr von der Stelle, sagte Polizeihauptkommissar Peter Krämer am Freitag der MZ. Danach seien die Schranken des Übergangs zugegangen. Der Transporterfahrer hätte sie Krämer zufolge allerdings durchbrechen können. Da sich die Schranken, habe es kein Signal an den Lokführer gegeben. Der Zug sei auf den Transporter zugerast. „Der Lokführer hat keine Chance gehabt“, sagte Krämer.

Schon kurz nach dem Aufprall war ein Sachverständiger vor Ort, um die Unfallursache zu klären. Er schloss seine Arbeit am Freitagmorgen ab. Laut einem Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz wird es aber noch „mehrere Wochen“ dauern, bis weitere Details zur Unfallursache bekannt sind.

Der Bahnübergang ist nach Angaben der Deutschen Bahn mit Lichtzeichen und Halbschranken gesichert. Eine unlängst durchgeführte Routineprüfung zusammen mit den Straßenbauverantwortlichen habe die Funktionstüchtigkeit der Anlage bestätigt. Das bestätigte auch das Bild unserer Reporter vor Ort: Die Lichtzeichenanlage stand auch Stunden nach dem Unglück noch auf Rot, die Schranken waren zudem geschlossen.

Weitere Eindrücke von der Unglücksstelle Quelle: Ratisbona Media

Der Unfall passierte kurz vor 22 Uhr; die Rettungskräfte wurden um 22.05 Uhr zu einem Großeinsatz alarmiert. Die Polizei geht davon aus, dass sich etwa 40 Leute in dem Zug befanden. Nach Auskunft des Rettungsdienstes vor Ort wurden 16 Zuginsassen ärztlich versorgt. Vier der Verletzten wurden stationär in Krankenhäusern aufgenommen. Lebensgefahr besteht nicht. Die meisten Insassen des Zuges wurden nach dem Unglück in einem nahe gelegenen Gewerbebetrieb gesammelt und von dort weitertransportiert. „Die Unverletzten konnten nach seelsorgerischer Betreuung nach Hause“, sagte der Amberg-Sulzbacher Landrat Richard Reisinger.

Die Suche nach dem vermissten Lokführer zog sich über mehrere Stunden hin. Mehrere hundert Feuerwehrleute und mehr als 35 Rettungsfahrzeuge des BRK sowie drei Rettungshubschrauber waren im Einsatz –dazu Bundes- und Landespolizei und sowie amerikanische Feuerwehrleute vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Zu einem schweren Zugunglück kam es gestern Abend gegen 22:00 Uhrauf der Bahnstrecke Nürnberg – Weiden auf Höhe...

Posted by Freiwillige Feuerwehr Hirschau on Freitag, 6. November 2015

Video von der UnfallstelleTödliches Zugunglück nahe Freihung

Trümmerteile und teils massive Eisenträger lagen am Ort des Zusammenstoßes verstreut und ließen erahnen, welche Kräfte beim Aufprall des Zuges in den Sattelschlepper wirkten. Rund 500 Meter weiter stand der im vorderen Teil weitestgehend ausgebrannte Triebwagen des Regionalexpress mit dem Namen „Stadt Amberg“ – umgeben von einem weißen Schaumteppich. Zwischen den rauchenden Trümmern waren die Achse und Reifen des Lkw zu erkennen. Das Führerhaus lag auf der anderen Seite der Böschung.

Der US-Militär-LKW, den der Schwertransporter geladen hatte, hat laut Polizeisprecher Albert Brück mit dem Verlauf des Unglücks nicht viel zu tun gehabt. „Er hatte nichts Gefährliches geladen.“ Vertreter der US-Armee haben inzwischen bestätigt, dass das transportierte Militärfahrzeug für die US-Armee in Rumänien im Einsatz war und nun zur Reparatur durch einen zivilen Transporteur zur US-Garnison nach Grafenwöhr hätte transportiert werden sollen. Wieso die Fahrtstrecke über Freihungsand gewählt wurde, ist derzeit nicht bekannt.

Anfangs war die Polizei von einer Explosion ausgegangen. Doch inzwischen vermuten die Ermittler, dass durch die Wucht des Aufpralls ein Feuer entstand, das den Anschein einer Explosion ergeben hat.

Hunderte Feuerwehrleute waren im Einsatz. Foto: Röttenbacher

Der Zug war ein Regional-Express auf der Linie Nürnberg-Weiden in der Oberpfalz. Beim Eintreffen der Feuerwehren brannten der Triebwagen des Zugs und der darunter eingeklemmte Lkw lichterloh. Der beschädigte Zug wurde zunächst von den Ehrenamtlichen unter schwerem Atemschutz durchsucht, die Insassen konnten sich laut den Angaben von Kreisbrandrat Fredi Weiß jedoch schon selbst in Sicherheit bringen. Die Feuerwehrleute brachten den Brand mit Löschschaum rasch unter Kontrolle. Die Bahnstrecke wurde zudem nach weiteren Verletzten oder Toten abgesucht. Hierbei wurde aber niemand aufgefunden.

In einem Gewerbebetrieb nahe der Unfallstelle richteten Rettungskräfte ein Notlazarett für die Versorgung der verletzten Zuginsassen ein. Die Schwerstverletzten wurden mit Rettungshubschraubern in umliegende Kliniken gebracht, die Leichtverletzten mit Krankenwagen. Erst viele Stunden später wurde die Leiche des Lokführers aus dem zerstörten Zug geborgen.

Betroffenheit und tragische Erinnerungen im Netz

In den sozialen Medien herrscht nach dem Unglück große Betroffenheit. „Wie bereits 2001 habe ich hier einen Kollegen verloren, mit dem ich gerne Kontakt hatte und Erinnerungen verbinden“, schrieb ein Mann aus Oberfranken am Freitagmorgen auf Facebook. Am 22. Juni 2001 waren bei einem ähnlichen Eisenbahnunfall in Vilseck (Lkr. Amberg-Sulzbach), der Nachbargemeinde von Freihung, drei Menschen gestorben. Auch damals war ein Fahrzeug der US Army, ein Lastwagen, von einem Zug gerammt worden.

Ein anderer, der seit 1997 bei der Bahn arbeitet, postete: „Ruhe in Frieden, Kollege. Viel Kraft den Angehörigen und Hinterbliebenen. Einfach nur furchtbar.“ Ein Nürnberger Kollege des Getöteten zeigte sich schockiert: „Das hätte auch ich sein können – mein Zug, mein Bahnübergang ... Zum Glück zu der Zeit schon daheim.“

Nach ersten Ermittlungen war am späten Donnerstagabend ein Tieflader, am Bahnübergang in Freihung stecken geblieben; der herannahende Regionalzug konnte nicht mehr bremsen. „Ich selbst wäre vor 3 Jahren um Haaresbreite mit 130 km/h durch ein Pkw gefahren“, postete dazu ein Lokführer. Sein Ratschlag auf Facebook an alle Lkw-Fahrer, die an Bahnübergängen hängen bleiben: „Bleibt einfach vor der Schranke stehen oder fahrt im Notfall den Schrankenbaum bei Seite, der hat eine Sollknickstelle, wenn ihr eingeschlossen seid auf dem Bahnübergang.“

Ein Teil des Tiefladers, das vom Ort des Zusammenstoßes (in Hintergrund) rund 100 Meter entfernt lagen und gut 50 Meter seitlich der Schienen lag. Foto: Baumgarten

Im Zug befanden sich etwa 40 Reisende. Die Freundin einer Frau, die sich in dem Zug befand, schrieb erleichtert: „Sie hat nen großen Schutzengel...bin so froh das ihr nichts großartiges passiert ist.“ Auch bei Anwohnern sitzt der Schock tief: „Echt schrecklich wenn sowas vor deiner Nase passiert. Selbst mir zittern noch die Knie“, schrieb eine junge Frau. Eine andere Einheimische, die oft auf der Strecke unterwegs ist, meinte: „Ohne weiteres hätte ich auch drin sitzen können...ein grusliges und mulmiges Gefühl – nachdenklich.“

Zuginsassen sollen sich bei Polizei melden

Die Zugmaschine des Lkw wurde vom Auflieger getrennt. Foto: Röttenbacher

Polizei und Rettungskräfte richteten vor Ort einen Krisenstab ein. Wie schnell der Zug vor dem Unglück unterwegs war, konnte Polizeisprecher Brück nicht sagen. Dies müsse der Unfallgutachter klären. „Eine erste Aussage von Bahnmitarbeitern war, dass das hier eine 140er-Strecke ist, dass der Zug also bis zu 140 Stundenkilometer schnell gefahren sein kann“, sagte Brück.

Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass sich Zuginsassen unmittelbar nach dem Zusammenstoß und vor einer polizeilichen Registrierung von der Unfallstelle entfernt haben. Die mit der Sachbearbeitung betraute Polizeiinspektion Auerbach bittet nun solche Fahrgäste, sich dringend mit der Polizei unter der Rufnummer 09643/9204-0 in Verbindung zu setzen. Auch Personen, die sachdienliche Hinweise zum Unfallgeschehen oder einem Sattelzug im Bereich des Bahnüberganges machen können, werden ebenfalls gebeten, sich dringend mit der Polizeiinspektion Auerbach in Verbindung zu setzen.

Im Zug befanden sich noch verschiedene, zurückgelassene Gegenstände, die von der Polizei gesichert wurden. Diese können bei der Polizeiinspektion Auerbach abgeholt werden.

Vertreter der Rettungskräfte und Landrat Richard Reisinger schildern ihre Eindrücke vom Unfallort. Quelle: Ratisbona Media

Strecke ist wieder frei

Der Streckenabschnitt Freihung - Vilseck ist nach Angaben der Deutschen Bahn wieder frei. Ursprünglich hatte es geheißen, dass dort bis Montag keine Züge fahren würden.

Zugunglück in Freihung: Schwierige Bergung

Nach Abschluss der Ermittlungen hatte die DB den verunglückten Zug geborgen und anschließend Schäden an der Strecke repariert. Der Gleisoberbau ist auf eine Länge von 400 Metern beschädigt worden. Außerdem musste das durch austretendes Dieselöl verunreinigte Erdreich abgetragen werden.

Die Ermittlungen zur Unfallursache dauern an. Reisende können sich auf der Webseite der Bahn oder bei der Kundenhotline unter 01806 99 66 33 (20 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz) informieren.

Schweres Zugunglück in Freihung

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