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Prozess

Es war doch kein „Molotowcocktail“

Wegen des Flaschenwurfs gegen Asylbewerber in Hirschau hatten am zweiten Verhandlungstag Gutachter des LKA das Wort.
Von Hans Babl

Ihm sei es nur darum gegangen, die Flüchtlinge mit einem kräftigen „Bumms“ zu erschrecken, sagte der angeklagte Mann aus Hirschau, aus der Nachbarschaft. Foto: Babl
Ihm sei es nur darum gegangen, die Flüchtlinge mit einem kräftigen „Bumms“ zu erschrecken, sagte der angeklagte Mann aus Hirschau, aus der Nachbarschaft. Foto: Babl

Amberg.Seit dem Dienstag dieser Woche hat sich ein in der Stadt Hirschau wohnender, 25-jähriger Familienvater wegen versuchten Mordes in neun Fällen sowie versuchter schwerer Brandstiftung vor der großen Strafkammer des Schwurgericht am Landgericht zu verantworten (unser Medienhaus berichtete).

Am 7. Februar 2016 hat der Mann laut Anklageschrift zu nächtlicher Stunde eine mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Bierflasche in ein Hirschauer Asylbewerberheim geworfen, in dem zu der Zeit neun Personen, darunter zwei Kinder, nächtigten. Allerdings habe er, so seine Aussage im Gericht, weder einen Brand verursachen noch Menschen verletzen oder gar töten wollen. Ihm sei es nur darum gegangen, die Flüchtlinge mit einem kräftigen „Bumms“ zu erschrecken.

Nachdem am Dienstag, dem ersten Verhandlungstag, bereits sechs Zeugen vernommen worden waren, sollte am Mittwoch als erster Berthold T. (Name geändert) als Zeuge vernommen werden. Nach Aussage des Angeklagten soll dieser bei der nächtlichen Aktion aktiv und kräftig mitgewirkt haben. Weil T. aber bereits früher einmal in dieser Sache von der Polizei als Beschuldigter vernommen worden war und auch kurzfristig in U-Haft gewesen war, stand ihm ein „umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht“ zu, das er dann auch in Anspruch nahm und jede Aussage verweigerte.

„Keine markanten Brennspuren“ gefunden

Die Beamten hatten die Eingangstür des Hauses unverschlossen vorgefunden. Im Zimmer von B. (Fenster rechts oben) sind Scherben des Fensterglases gelegen. Foto: J. Fichtner/Archiv
Die Beamten hatten die Eingangstür des Hauses unverschlossen vorgefunden. Im Zimmer von B. (Fenster rechts oben) sind Scherben des Fensterglases gelegen. Foto: J. Fichtner/Archiv

Vier Polizeibeamte schilderten in der Folge teils ausführlich, was sie bei ihrem nächtlichen Einsatz in der ruhigen Hirschauer Straße vorgefunden oder später ermittelt hatten. Nach dem Wurf der Bierflasche durch ein doppelt verglastes Sprossenfenster im ersten Stock der Asylbewerberunterkunft hatten sie festgestellt, dass die mit brennbarer Flüssigkeit präparierte Bierflasche nicht zerbrochen war und an ihr auch „keine markanten Brennspuren“ zu erkennen waren.

Der 23-jährige Muhammed B. (Name geändert) aus Somalia, in dessen Bett das gefährliche Geschoss gelandet war, sei beim Eintreffen der Polizei nur „leicht eingeschüchtert“ gewesen, so die Beamten. Alle anderen Personen seien auch ruhig gewesen, es habe dort keine große Aufregung geherrscht. Vermutlich hätten die meisten Bewohner nichts von dem Anschlag mitbekommen, da sie geschlafen hatten und teils erst von den Polizisten geweckt werden mussten.

Die Beamten hatten die Eingangstür des Hauses unverschlossen vorgefunden. Im Zimmer von B. sind Scherben des Fensterglases gelegen. Die auf dem Bett gelandete Bierflasche war zu Dreiviertel mit einer schwach brennbaren Flüssigkeit gefüllt und mit einem Pfropfen aus Schaumstoffvlies verschlossen. Ausgiebig wurden Fotos vom Tatort und Tatortspuren begutachtet und von den Richtern und dem Staatsanwalt in Augenschein genommen worden, natürlich auch von den Sachverständigen, vom Angeklagten und seinen beiden Verteidigern.

Lesen Sie hier unseren Bericht vom ersten Verhandlungstag!

DNA-Spuren von mehreren Personen

Nachmittags schlug dann im Gerichtssaal die Stunde der vier Gutachter vom Landeskriminalamt in München und dazu einer Diplom-Biologin der Universität Erlangen. Sie hatten diverse Asservate, die ihnen die Kriminalpolizeiinspektion zur Prüfung zugesandt hatte, genauestens unter die Lupe genommen, sie akribisch untersucht, sie bis zu 15 Tests unterzogen. Es kam heraus, dass bei verschiedenen Stücken DNA-Spuren mehreren Personen zugeordnet werden konnten, wobei – wie es hieß – die DNA des Angeklagten zumindest als Erbgut eines Teilverursachers, aber auch als DNA eines Hauptverursacher in Frage kam.

So geht es weiter

  • Fortsetzung

    Am Donnerstag, 10. November 2016, wird die Verhandlung um 8.30 Uhr im Schwurgerichtssaal des Landgerichts mit der Vernehmung von fünf weiteren Zeugen und dem psychologischen Gutachten eines Sachverständigen fortgesetzt.

  • Plädoyers

    Eventuell halten auch bereits Staatsanwalt Tobias Kinzler und die beiden Verteidiger – die Rechtsanwälte, Karl Holzapfel und Kurt Alka – schon ihre Plädoyers. Mit einer Verkündung des Urteils ist aber keinesfalls schon jetzt zu rechnen. (abl)

LKA: Es hätte keine Stichflamme gegeben

Am Vliespropfen als Luntenmaterial der geworfenen Bierflasche wurden an vier Stellen Verdickungen und Verschmelzungen durch kurzfristige thermische Einwirkung festgestellt, verursacht eventuell durch ein Feuerzeug. Ob sich in der Flasche Wodka oder vielleicht Weizendoppelkorn befunden hatte – das konnte analytisch nicht geklärt werden. Jedenfalls war der Flammpunkt des Inhalts „oberhalb der Raumtemperatur“, so dass die Flasche samt Inhalt ohne Flamme nicht entzündet werden konnte. Daher, so die Schlussfolgerung vor Gericht, handelte es sich nicht um einen „Molotowcocktail“, der beim Zerbrechen mit einer Stichflamme explodiert wäre. „Die enthaltene Flüssigkeit war zwar brennbar, aber nicht leicht brennbar und hätte leicht gelöscht werden können“, so der LKA-Sachverständige. „Hätte die Lunte noch gebrannt, wäre nur ein moderates Abbrennen möglich gewesen, das leicht gelöscht hätte werden können. Die Lunte hätte nur brennen können, solange die Flamme etwa eines Feuerzeuges daran gehalten worden wäre.“

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