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Geschichte

Tränenreicher Abschied bei den Kindern

Vor 65 Jahren wurde der Übungsplatz Hohenfels errichtet, viele verloren ihre Heimat. Trauer bestimmte den letzten Schultag.

  • Im Friedhof der Stadt Velburg (Landkreis Neumarkt) haben die Grabsteine aus den Pfarrdörfern Pielenhofen, Lutzmannstein und Griffenwang eine würdige Gedenkstätte bekommen. Mittendrin befindet sich das hölzerne Wegekreuz mit den geschnitzten Leidenswerkzeugen Christi, so wie es einst auf dem Weg von Lutzmannstein nach Hohenburg gestanden hat. Foto: abp
  • Wie viele Menschen durch dieses Tor gegangen sind weiß niemand: Der Friedhofseingang in Pielenhofen ist noch gut erhalten. Im Jahr 1950 hatten ihn die Pielenhofener noch saniert, ohne zu wissen, dass sie bald ihre Heimat verlassen mussten. Foto: Archiv abp
  • Letzte Kartoffelernte im Herbst 1951 in einem Acker unterhalb des Schauersteins: von links Frau Pözl (Binner, Pielenhofen), Herr Schön aus Velburg, Frau Frisch aus Pielenhofen und Alfons Geitner, der Schmidbauer aus Grün Repro: abp

Schmidmühlen.Was mag das vor 65 Jahren für die Menschen im Erweiterungsgebiet des Truppenübungsplatzes Hohenfels ein Gefühl gewesen sein, in wenigen Tagen ihre Heimat verlassen zu müssen? An Allerheiligen des Jahres 1951 hatten sie die letzte offizielle Möglichkeit, an den Gräbern ihrer Angehörigen in den Friedhöfen in Lutzmannstein, Pielenhofen und Griffenwang zu stehen. Sie wussten alle, dass sie die Verstorbenen zurücklassen müssen.

Im Juli 1951 hatte man zum ersten Mal von der Absicht gehört, dass Hohenfels wieder Truppenübungsplatz werden soll. Und dann ging alles sehr schnell. Die Weichen wurden innerhalb weniger Wochen von der „hohen Politik“ auf Drängen der US-Amerikaner gestellt. Im August 1951 hatte der Bayerische Ministerrat beschlossen, den ehemaligen Truppenübungsplatz Hohenfels abzutreten und ihn entsprechend der amerikanischen Forderung um mehr als 6000 Hektar nach Westen in Richtung Velburg zu erweitern.

Große Mengen an Holz geschlagen

Der letzte Kirchgang – ein schwerer Weg
Der letzte Kirchgang – ein schwerer Weg Repro: abp

Ende August 1951 wurde schon mit den ersten Ablösungsarbeiten begonnen und am 21. September 1951 begann die Aussiedlung von 3202 Einwohnern aus 85 Ortschaften und Weilern. Eine riesige Holzaktion begleitete damals die Umsiedlung: Mehrere hunderttausend Festmeter wurden vom Spätsommer bis zum Herbst in den Wäldern rund um Lutzmannstein, Pielenhofen, Geroldsee und Griffenwang geschlagen.

Was könnte die Situation der Menschen vor 65 Jahren besser wiedergeben als die Schilderung des letzten Schultags in den Dorfschulen von Pielenhofen und Lutzmannstein Anfang November 1951. Von „tränenüberströmten Kindergesichtern“ beim Abschied in den Schulen ist die Rede in dem Bericht von Johann Renner, dessen Familie ebenfalls die Heimat verlassen musste. Er hat die Ablösung als Bub miterlebt und später auch das inzwischen vergriffene Buch „Zerstörte Heimat Hohenfels geschrieben“.

Am Anfang war es für Kinder spannend

Die Familie Xaver und Anne Renner mit ihren Kindern im November 1951: Das Haus ist bereits zum Teil ausgeräumt, der nahe Abschied bedrückt auch die Kinder. Der Jüngste, Sebastian, war da erst sechs Jahre alt.
Die Familie Xaver und Anne Renner mit ihren Kindern im November 1951: Das Haus ist bereits zum Teil ausgeräumt, der nahe Abschied bedrückt auch die Kinder. Der Jüngste, Sebastian, war da erst sechs Jahre alt. Repro: abp

Renners Situationsbericht spricht Bände: „In den letzten 14 Tagen hat sich das Bild im Ablösungsgebiet des Truppenübungsplatzes wenig geändert. Noch immer stehen die Menschen im Kampf mit der Zeit, denn in zwei Wochen ist der Räumungstermin abgelaufen. Pausenlos rollen schwere Lastzüge und baumlange Holzfahrzeuge über die ausgefahrenen Straßen und Wege, auf denen die großen Reifen tiefe Fahrspuren hinterlassen haben“, wurde festgehalten.

„Von dem rastlosen Hasten in diesen letzten Tagen der Räumungsaktion des Erweiterungsgebietes sind natürlich auch die Kinder erfasst worden. Anfangs war es ja etwas Neues in der Abgeschiedenheit ihrer Juraheimat gewesen. Was war das noch für eine schöne Sache gewesen, als in den Wäldern Motorsägen kreischten und die Raupenschlepper ganze Bündel von Baumstämmen über die Felder schleiften, die große Strohpresse eines Tages in den Hof einfuhr, um das Heu und Stroh der letzten Ernte zu festen Ballen zu pressen.

Mehr alte Fotos aus den abgelösten Orten im Truppenübungsplatz finden Sie hier in unserer Bilderstrecke.

65 Jahre Übungsplatz Hohenfels

Der letzte Schultag bricht an

Doch, wer hätte in diesen Tagen noch Freude an der Schule und am Lernen haben sollen. Wer konnte da Aufsätze schreiben und Rechenaufgaben lösen, wo es doch überall so viel zu sehen gab. Warum machten nur die Eltern so seltsame Gesichter? Warum schien es, als ob jeder Handgriff mit besonderer Sorgfalt, ja Liebe getan wurde?“, schreibt der Chronist weiter.

Und er beschreibt ganz detailliert diesen letzten Schultag: „Fröstelnd eilten die Kinder durch die nebeldüsteren Dorfstraßen in Lutzmannstein und Pielenhofen zum Gotteshaus, denn der Lehrer hatte ihnen ja gesagt, dass sie heute zum Schulgottesdienst in die Kirche kommen sollen, weil Schulschluss sei. Letzter Schultag! Jetzt wo der Unterricht nach den großen Ferien gerade erst wieder angefangen hatte?

Ehrfürchtig drängte sich die Schar der Kleinen in dieser frühen Morgenstunde in den Kirchenstühlen und blickte verwundert zum Herrn Pfarrer vor, der heute so eigen jeden von ihnen anschaute und ihnen dann die Hand gab, alles Gute in der neuen Heimat und Gottes Segen für die Zukunft wünschte. Und immer wieder diese Worte vom Heimatverlassen und In-die-Fremde-gehen-müssen gebrauchte.

Kein übermütiges Herumtollen

Sonntag, 29. Oktober 1951: Erzbischof Dr. Michael Buchberger aus Regensburg verabschiedete sein Diözesankinder in Pielenhofen. Repro: abp
Sonntag, 29. Oktober 1951: Erzbischof Dr. Michael Buchberger aus Regensburg verabschiedete sein Diözesankinder in Pielenhofen. Repro: abp

Auch im Klassenzimmer herrschte eine gedrückte Stimmung. Nichts mehr von dem übermütigen Herumtollen von dem Erscheinen des Lehrers. „Wenn ihr an euren neuen Wohnort kommt, müsst ihr euch sofort bei dem dortigen Lehrer melden!“ Hieß dies nicht so viel, als dass sie heute zum letzten Mal in diesem Klassenzimmer zusammensaßen, dass sie ein paar Tage später vielleicht schon in Oberbayern, in einem fremden Ort zur Schule gehen und dass die Liesel am Fenster in einem sogenannten „Zwischenquartier“ im Landkreis Riedenburg wohnen wird?

Nur ein stummer Händedruck

Merkwürdig trocken würgte es dem Franzl aus der letzten Reihe im Hals und ein verhaltenes Schluchzen kam aus seinem Mund, der sonst immer nur Keckheiten und freche Scherze hervorsprudelte. Betreten sah der eine zum anderen und jeder merkte, wie sich die Augen mit Tränen füllten; auch die Buben wischten verstohlen mit ihren Händen im Gesicht herum.

Da konnte der Lehrer nicht mehr anders, als ihnen allen mit einem stummen Händedruck Lebewohl zu sagen und die kleine Schar zur Klassenzimmertür hinauszulassen. Der letzte Schultag war zu Ende. Still und leise schlichen sich die Kleinen hinunter auf die Straße, die erfüllt war vom lärmenden Brummen der Laster, die pausenlos rollen – einer neuen Heimat zu“, schließt der Bericht. (abp)

Zahlen und Fakten

  • Wehrmachtsübungsplatz

    Aus den nach 1945 neu besiedelten 55 Ortschaften und Weilern der Gemeinde Nainhof (Bereich Wehrmachtsübungsplatz) mussten 2056 Menschen für die Einrichtung des US-Übungsplatzes Hohenfels ihre Heimat für immer verlassen.

  • Erweiterungsgebiet

    Aus dem Erweiterungsgebiet waren es 171 Bauernhöfe aus den Gemeinden Geroldsee, Griffenwang, Lutzmannstein, Pielenhofen, sowie den Ortschaften Raisch (Gemeinde Hörmannsdorf), Stetten und Weihermühle (beide Gemeinde Ransbach) mit 1146 Einwohnern, die ihre Heimat verloren haben.

  • Ablauf

    Am 29. August 1951 haben die Ablösungsarbeiten begonnen. Am 21. September 1951 begann die Aussiedlung von 3202 Einwohnern aus 85 Ortschaften und Weilern. Am 24. November 1951 verkehrte zum letzten Mal das Postauto von Parsberg über Eichensee, Schmidheim und Raversdorf nach Hohenburg.

  • Übungsplatz

    Der Truppenübungsplatz Hohenfels ist 16 129 Hektar groß. Seit dem 16. November 1951 steht er unter US-amerikanischer Verwaltung. In den Jahren nach 1951 wurde der erweiterte Truppenübungsplatz von US-amerikanischen Streitkräften aufgebaut und am 10. August 1956 stellte die Bundeswehr auf dem US-verwalteten Truppenübungsplatz eine Standortkommandantur auf. (abp)

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