MyMz
Anzeige

Landwirtschaft

Natur wieder etwas zurückgeben

Familie Vogl aus Rieden geht einen neuen Weg: Auch Insekten und Wild profitieren von Flächenstilllegungen und Blühstreifen.
Von Benedikt Grimm

Die Lage am Waldrand bringt beim Weizen nur wenig Ertrag. Der Blühstreifen ist für Wildtiere und Insekten aber sehr wertvoll.
Die Lage am Waldrand bringt beim Weizen nur wenig Ertrag. Der Blühstreifen ist für Wildtiere und Insekten aber sehr wertvoll. Foto: Benedikt Grimm

Rieden.Blau blühende Disteln, leuchtend roter Mohn, verschiedene Kohlarten mit saftigen, bläulichen Blättern und feingliedrige, weiße Margeriten wachsen bunt gemischt auf dem Feld von Josef Vogl junior. Es riecht würzig nach Kräutern, und obwohl der Himmel noch bedeckt ist und die großen Sonnenblumen die Köpfe hängen lassen, hört man Bienen summen. Vogl hat 7,4 Hektar von seinen 47 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in Blühflächen verwandelt. Bei einer Exkursion des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Amberg informierten sich vor allem Jagdpächter über die Fördermöglichkeiten durch das Kulturlandschaftsprogramm (KuLaP) und Greening.

Josef Vogl junior bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als den „Finanzminister“ in seinem landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Der 40-jährige Betriebswirt hat die Flächenstilllegungen aus Überzeugung durchgeführt, aber auch ökonomisch durchgerechnet.
Josef Vogl junior bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als den „Finanzminister“ in seinem landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Der 40-jährige Betriebswirt hat die Flächenstilllegungen aus Überzeugung durchgeführt, aber auch ökonomisch durchgerechnet. Foto: Benedikt Grimm

Balduin Schönberger, Wildlebensraumberater für die Oberpfalz, führte die Gruppe auf das bereits abgemähte Weizenfeld von Vogl. Nur in einem kleinen Bereich am Waldrand stehen die goldgelben Halme noch. Dort ist eine Sauen-Suhle. „Das sind Sachen, die sind nicht gefördert“, erklärte Schönberger. Durch einfache Absprachen zwischen Landwirt und Jagdpächter lasse sich Derartiges aber leicht erreichen.

Zu den informellen Maßnahmen gehören auch sogenannte Querverbindungen. Dazu werden Büsche auf rund einen Meter Höhe gekappt und dann schräg mit Reisig abgedeckt. Rebhühner und anderes Kleinwild können dann vor allem in den vegetationsarmen Winter- und Frühjahrsmonaten geschützt vor Raubvögeln von einem Unterschlupf zum nächsten gelangen. „Einfach die Landwirte ansprechen“, riet der Wildlebensraumberater. Rebhühner brauchen außerdem Sand. Mit ein paar Hängerladungen könne ein Biotop für die Hühnervögel geschaffen werden.

Hintergrund

  • Vorgaben der EU

    EU-Recht schreibt seit dem Jahr 2015 sogenannte Greening-Maßnahmen vor. Demnach muss jeder Landwirt fünf Prozent der Ackerfläche in ökologische Vorrangflächen umwandeln. Der Gesetzgeber will damit eine größere Vielfalt beim Anbau von Feldfrüchten erreichen und Dauergrünlandflächen wie Wiesen und Weiden fördern.

  • Kulturlandschaftsprogramm

    Mit dem Kulturlandschaftsprogramm erhalten Landwirte Ausgleichszahlungen für umweltschonende Bewirtschaftungsmethoden. Die Mittel dafür kommen vom Freistaat Bayern, der Bundesrepublik und der Europäischen Union. Das Programm soll die Artenvielfalt, Klima-, Boden- sowie Wasserschutz fördern und die Kulturlandschaft erhalten.

Am Waldrand des Weizenfeldes steht ein einige Meter breiter Blühstreifen. „Bis in den Spätherbst hinein ist das eine Blütenpracht für die Bienen“, schwärmte Schönberger. „Der Waldrand bringt einfach die Erträge nicht. Wir wollten etwas fürs Wild machen“, erklärte Josef Vogl senior, Austragsbauer und selbst Jäger. Noch vor 20 Jahren seien an diesem Waldrand nicht selten 25 Wildtiere gleichzeitig gestanden.

Neben Phacelia oder Malven enthält die Saatmischung verschiedene Kohlarten und Buchweizen. Das soll Rot- und Rehwild zurücklocken. Das Saatgut kostet 180 Euro je Hektar. Der Bayerische Jagdverband (BJV) stellt eine Förderung von 100 Euro je Hektar zur Verfügung, die über den Kreisvorsitzenden des BJV beantragt werden kann. Voraussetzung ist, dass die Fläche fünf Jahre unberührt bleibt. Auch wer Obstbäume pflanzt, wird mit 20 Euro je Baum vom Jagdverband unterstützt.

Alle Maßnahmen kämen auch den Insekten zugute. „Wir brauchen dringend Insekten“, betonte Schönberger. Von zehn Rebhuhnküken komme nur eines durch. „Denn in den ersten Tagen fehlt tierisches Eiweiß. Und das sind Insekten“, erklärte Schönberger. „Wir begrüßen außerordentlich, dass Minister Helmut Brunner das angestoßen hat“, sagte BJV-Kreisvorsitzender Dr. Günther Baumer. „Wir brauchen jeden Quadratmeter für das Wild.“

Balduin Schönberger, Wildlebensraumberater am AELF Amberg, warb für ein Miteinander von Landwirten und Jägern.
Balduin Schönberger, Wildlebensraumberater am AELF Amberg, warb für ein Miteinander von Landwirten und Jägern. Foto: Benedikt Grimm

Vogl riet, mit der Aussaat der speziellen Saatgutmischungen bis Ende April oder Anfang Mai zu warten. Anderenfalls könne bereits leichter Nachtfrost die keimenden Pflanzen ruinieren. Das Feld sollte möglichst feinkrümelig vorbereitet werden.

Das größte Feld, das die Landwirtsfamilie Vogl in eine artenreiche Blütenpracht verwandelt hat, ist auf der einen Seite von knorrigen Kiefern und auf der anderen von Holunder- und Schlehenbüschen eingegrenzt. Alle haben sie in etwa die gleiche Höhe. Das sei wichtig, um Kleinwild vor Raubvögeln zu schützen. „Bitte darauf achten, dass keine Warten entstehen, wo ein Greifvögel nur auf den nächsten Hasen warten muss“, appellierte Schönberger. In den Hecken befinden sich ausgeklaubte Feldsteine. Wenn man dort die Vegetation zurückschneide, könnten sich Eidechsen ansiedeln.

Josef Vogl senior hat 50 Jahre lang von seiner Landwirtschaft gelebt. Jetzt will der Austragslandwirt der Natur auch wieder was zurückgeben.
Josef Vogl senior hat 50 Jahre lang von seiner Landwirtschaft gelebt. Jetzt will der Austragslandwirt der Natur auch wieder was zurückgeben. Foto: Benedikt Grimm

Josef Vogl junior arbeitet im Haupterwerb bei Siemens in Amberg. Bevor der Betriebswirt die Planung der Flächenstilllegungen aufnahm, störte ihn beim täglichen Weg zur Arbeit die „total aufgeräumte“ Landschaft. „Es blüht nichts mehr“, sagt Vogl junior. Sein Vater habe 50 Jahre lang von der Landwirtschaft gelebt. So sei der Entschluss gereift: „Jetzt wird es Zeit, dass auch die Natur wieder etwas zurückbekommt.“

Wildlebensraumberater Schönberger ist sich sicher, dass andere dem Beispiel folgen werden. In zehn bis 20 Jahren werde man wieder eine ganz andere Struktur haben. Das gelinge aber nur, wenn Landwirte und Jäger zusammenarbeiten würden. „Wir ergänzen uns. Nur durch das Miteinander kann man das aufbauen.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht