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Naturpark

Schwingen der Kunst beflügeln Projekt

Fledermausflügel inspirierten Hanna Regina Uber und Robert Diem für die Hohenburger Kunstwanderstation „Flüsternde Winde“.
Von Michaela Fichtner

Streng und schlicht in der Formensprache erheben sich die drei abstrahierten Flügel des Kunstwerks „Flüsternde Winde“ in den Himmel.
Streng und schlicht in der Formensprache erheben sich die drei abstrahierten Flügel des Kunstwerks „Flüsternde Winde“ in den Himmel. Foto: Michaela Fichtner

Hohenburg.Fröhliches Gezwitscher erfüllt diesen milden Vormittag. Unzählige Vögel fliegen umher – zwischen den Bäumen, den Gärten und den Feldern. Und mittendrin, im Innenhof des früheren Aschacher Pfarrhofes, strecken sich drei große, aber zugleich auch zierliche, schwarze Flügel hinauf in den Himmel. In wenigen Wochen werden sie ihre Reise in den „Süden“ antreten. Genauer: in den Süden des Landkreises Amberg-Sulzbach, nach Hohenburg. Bei diesen beeindruckenden Flügeln handelt es sich nämlich um die Skulptur für die nun sechste Kunstwanderstation im Naturpark Hirschwald, die das Künstlerpaar Hanna Regina Uber und Robert Diem vor kurzem fertiggestellt hat: „Flüsternde Winde“.

Wer an die Marktgemeinde Hohenburg denkt, dem fällt sicherlich fast sofort auch das Wort „Fledermaus“ ein. Wohl kein anderer Ort im Amberg-Sulzbacher Land und weit darüber hinaus ist mit diesen hoch entwickelten, aber auch stark gefährdeten, lautlosen Jägern der Nacht so sehr verbunden und von ihnen geprägt wie der Marktflecken im idyllischen Lauterachtal.

Markt bekannt für Fledermäuse

Vor allem für die „Große Hufeisennase“ ist Hohenburg bekannt.
Vor allem für die „Große Hufeisennase“ ist Hohenburg bekannt. Foto: Klaus Bogon

Es ist unter den Fledermäusen vor allem die „Große Hufeisennase“ mit ihrem so charakteristischen „Gesicht“, die Hohenburg weithin bekannt gemacht hat: Im Fledermaushaus nahe dem Marktplatz lebt die größte Kolonie ihrer Art. Aber insgesamt sind es sogar 19 von 23 in Bayern vorkommenden Arten, die in Hohenburg eine Heimat gefunden haben, weiß Isabel Lautenschlager, die Geschäftsführerin des Naturparks Hirschwald.

So stand von Anfang an fest, welches Thema bei Hohenburgs Kunstwanderstation aufgegriffen wird, erzählt Hanna Regina Uber. Schließlich sollen die Kunstwerke etwas ganz Charakteristisches vom jeweiligen Standort zum Thema machen, um daraus die Reflexion über den Menschen und die Natur zu ermöglichen.

Die „Große Hufeisennase“

  • Die Fledermausart

    Die „Große Hufeisennase“ hat eine Länge von maximal sieben Zentimetern (ohne Schwanz) und eine Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern. Damit ist sie die größte europäische Hufeisennasenart. Ihren Namen verdankt sie dem ausgeprägten „Sattel“ auf der Nase. Die letzte Wochenstube dieser Art in ganz Deutschland befindet sich in Hohenburg.

  • Das Jagdgebiet

    Der Truppenübungsplatz Hohenfels, der direkt an die Marktgemeinde Hohenburg angrenzt, gilt mit seinen extensiv bewirtschafteten Wiesenlandschaften und dem strukturreichen Offengelände als gutes Jagdgebiet für die Fledermäuse; ihre Beute besteht vor allem aus Käfern und Nachtschmetterlingen. Vermutlich deshalb hat die Hufeisennase in der Region überlebt.

  • Das LIFE-Projekt

    Im Jahr 2012 wurde unter Federführung des Bayerischen Landesbundes für Vogelschutz (LBV) ein großangelegtes Projekt zum Schutz des letzten Vorkommens der Großen Hufeisennase in Deutschland gestartet, das auch von der EU unterstützt wird: Im Fledermaushaus in Hohenburg befindet sich die einzige Wochenstube Deutschlands, nur hier kommen Junge zur Welt.

  • Das Fledermaushaus

    Rund 1,1 Millionen Euro wurden für das Fledermaushaus in Hohenburg investiert. Die Gelder stammten aus dem Konjunkturpaket II, gefördert hat das Projekt auch der Freistaat. Und die stark gefährdete Art vermehrt sich wieder: Der verantwortliche Betreuer Rudolf Leitl vom LBV hat jetzt im April 141 „Hufis“ im Fledermaushaus Hohenburg gezählt.

Carbon haben Hanna Regina Uber und Robert Diem für die Flügel gewählt. Ein ganz feines Material, Kohlefasergewebe, ist die Basis.
Carbon haben Hanna Regina Uber und Robert Diem für die Flügel gewählt. Ein ganz feines Material, Kohlefasergewebe, ist die Basis. Foto: Michaela Fichtner

Drei fein gegliederte, abstrahierte Flügel, inspiriert von der Anatomie der Fledermausflügel, haben die beiden Künstler geschaffen. Und die Materialien, die sie dafür gewählt haben – es sind Edelstahl und Carbon – sind für sie zugleich Ausdruck dessen, was diese Kunstwanderstation über die Beziehung von Mensch und Natur begreiflich machen soll. „Die Kunst hat nicht die Aufgabe, Natur nachzuahmen, sondern Erkenntnisse aus der Natur in eine eigene Formsprache umzusetzen“, beschreibt Hanna Regina Uber den ganz zentralen Gedanken, der auch den kreativen Prozess der beiden Aschacher Künstler von den allerersten Ideen für die Skulptur bis zur Umsetzung geprägt hat.

„Bionik“ nennt die Aschacher Bildhauerin dann als Schlagwort für den Erkenntnisgewinn, den der Mensch durch die Beobachtung der Natur gemacht hat. „Und Fledermäuse sind ein Wunder der Natur“, schwärmt sie über all das, was sie und ihr Mann Robert Diem vom Hohenburger Fledermausbetreuer Rudolf Leitl, zugleich ein langer Freund des Ehepaars, alles über diese Tiere erfahren haben.

Innovationen durch die Natur

Hoch entwickelte Systeme und Strukturen würden sich in Tieren und Pflanzen verbergen – und gar manches, was der Mensch aus der und durch die Natur erfahren hat, sei in innovativer Technik umgesetzt worden. „Die Zivilisation profitiert von der Beobachtung der Natur“, ist die Künstlerin überzeugt. Und sie bricht sogleich eine Lanze für den Schutz der Umwelt: Um letztlich auch die Organismen ganz verstehen zu können, müsse man sie erst erhalten. Da schließt sich der Kreis wieder zu den Fledermäusen, denn ihnen drohen mannigfaltige Gefahren durch schwindende Lebensräume ebenso wie durch Umweltgifte.

So entschieden sich die Künstler für Carbon, mit seiner leichten, effizienten Anmutung – nach Hanna Regina Uber auch Symbol für die Technik, die sich innovative Produkte von der Natur „abschaut“, aber ebenso für die Fledermäuse selbst: „Vögel nutzen die Thermik zum Fliegen. Fledermäuse haben nachts keine Thermik – sie sind technisch ganz hoch entwickelte Flieger.“ Für die Kunst sei Carbon aber ein ganz neues Material – und daher mussten die Künstler auch besonders viel Zeit investieren, bis jedes Stück ihrer Intention genügte.

Fordernder Prozess

Der „Klangkasten“ symbolisiert die Schallwellen, mit denen sich Fledermäuse orientieren. Innendrin „verstecken“ sich vier verschiedene Klangspiele.
Der „Klangkasten“ symbolisiert die Schallwellen, mit denen sich Fledermäuse orientieren. Innendrin „verstecken“ sich vier verschiedene Klangspiele. Foto: Michaela Fichtner

Jede der Flächen – pro Flügel sieben in unterschiedlichen Größen – wurde aus einem schwarzen Kohlefasergewebe als Basis selbst geformt, erzählt Robert Diem. Ein mühevoller, fordernder Prozess: „Jedes Stück ist ein Prototyp.“ Wichtig waren jeweils die richtigen Wölbungen, gleichzeitig durfte sich das Gewebe aber auch nicht verziehen. „Die Carbonteile sind ja transparent“, weist der Künstler auf eine besondere Charakteristik des Materials hin.

Mehrere Male wurde das Gewebe behandelt und geschliffen – und auch nach all diesen vielen Arbeitsschritten erkennt man die Struktur des Carbons noch, wenn man die Flügel genau betrachtet. Nach der abschließenden Lackierung wurden die einzelnen Teile dann in eine glänzende Edelstahlkonstruktion eingefügt, die in strenger und schlichter Form drei unterschiedlich große, gestaffelte Flügel bildet.

Zwar sind Fledermäuse lautlose Jäger, doch wer genau hinhört, der vernimmt sie, die „Flüsternden Winde“. Hanna Regina Uber und Robert Diem haben die Flügel auf ein Klangspiel gesetzt. Eigentlich vier Klangspiele: Zwei bilden Klangröhren, dazu kommt eine Glocke, und ein vierter, dunklerer Ton wird als letztes Stück der Arbeit noch geschaffen. Beim leisesten Lufthauch entstehen feine Töne: „Flüsternde Winde steht auch dafür, was die Natur erzählt, was sie uns beibringen kann, da passt das akustische Element“, ist Hanna Regina Uber überzeugt.

Als nächste Kunstwanderstation packen die Künstler die Skulptur mit dem Titel „Ein-Blick“ für die Gemeinde Kümmersbruck an, die in Köfering nahe beim Bibelgarten stehen soll.
Als nächste Kunstwanderstation packen die Künstler die Skulptur mit dem Titel „Ein-Blick“ für die Gemeinde Kümmersbruck an, die in Köfering nahe beim Bibelgarten stehen soll. Foto: Michaela Fichtner

Und auch der viereckige Klangkasten, in dem die Klangspiele vereint sind, trägt noch eine wichtige Symbolik: Er verweist auf das hoch entwickelte Sonar, mit dem sich Fledermäuse beim Flug orientieren, erklärt die Bildhauerin. Für dieses Orientierungssystem stehen die kreisförmigen Durchbrüche, „wie sich fortsetzende Schallwellen“, so Hanna Regina Uber.

Noch steht die Skulptur im Hof des Aschacher Künstlerrefugiums auf einem mächtigen Holzstamm. Sobald in Hohenburg an der Promenade der Lauterach das Fundament der Säule fertig ist, wird das Kunstwerk an seinen endgültigen Standort gebracht, werden die Sitzspirale und die Stele mit Informationen über die Fledermäuse und die Intention der Skulptur installiert.

Das „Finale“ des Kunstwanderwegs wird 2016 die Skulptur für Amberg, das „Amberger Tor“.
Das „Finale“ des Kunstwanderwegs wird 2016 die Skulptur für Amberg, das „Amberger Tor“. Foto: Michaela Fichtner

Für Hanna Regina Uber und Robert Diem geht die Arbeit allerdings weiter – auch die am Kunstwanderweg, denn zwei Skulpturen, die für Kümmersbruck und Amberg, fehlen noch. In den Galerieräumen des Künstlerpaars hängt schon der großformatige Entwurf für den stilisierten Wacholder, der als nächstes Projekt angepackt wird und den die beiden noch in diesem Jahr fertigstellen wollen. Im Frühjahr 2016 folgt dann das Finale mit dem „Amberger Tor“ – einer rund zwei Meter hohen Skulptur, die die Veränderungen des Menschen thematisiert.

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