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Engagement

Pflegende Angehörige brauchen Lobby

Kornelia Schmid aus Amberg geht es um mehr Wertschätzung. Mit einer Petition kämpft sie gegen die Kürzung der Rentenbeiträge.
Von Gerd Spies

  • Alltag bei Familie Schmid in Gailoh: Mit Hilfe des Plattform-Lifts verlässt Erich Schmid das Haus. Foto: Spies
  • Kornelia Schmid mit ihrem Mann Erich Foto: Spies
  • Alltag bei Familie Schmid in Gailoh: Nur mit vereinten Kräften kann Erich Schmid auf seinem E-Scooter Platz nehmen. Foto: Spies

Amberg.Schon der Eingangsbereich zum Einfamilienhaus der Familie Schmid am Wendelinweg in Gailoh verrät, was den Besucher erwartet: Ein Plattform-Lift ermöglicht Erich Schmid, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, die acht Stufen von und zu seiner Eingangstür zu überwinden, die Voraussetzung dafür, um mit seinem Elektro-Scooter noch eine gewisse Mobilität außerhalb seiner vier Wände genießen zu können. Rund um die Uhr betreut wird der an MS erkrankte Erich Schmid (57) von seiner Frau Kornelia. Sie führt seit Jahren einen Kampf für eine größere Wertschätzung von „Pflegenden Angehörigen“ durch den Gesetzgeber.

Mehr als 1000 Unterschriften

Seit seinem 35. Lebensjahr leidet Erich Schmid an der schleichenden Krankheit, die in Schüben den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht und für die es bis heute keine Heilung gibt. „MS“ steht für „Multiple Sklerose“ und bezeichnet eine Krankheit, die das Nervensystem zerstört. Wenn das Rückenmark betroffen ist wie bei Erich Schmid, erlahmt irgendwann der gesamte Bewegungsapparat. Bis 2010 leistete der Polizeibeamte, am Rollstuhl gefesselt, noch seinen Dienst. Jetzt versagt auch schon seine linke Hand; es wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch die rechte Hand davon betroffen ist.

„Wenn ich meinen Mann nicht pflegen würde, müsste er in ein Heim. Das würde den Sozialstaat weit mehr belasten.“

Kornelia Schmid

Kornelia Schmid (57), die Ehefrau und pflegende Angehörige, hat an diesem Tag prominenten Besuch eingeladen. Die beiden SPD-Politiker, MdB Uli Grötsch und MdL Reinhold Strobl, sind ihrer Einladung gefolgt, um eine Petition für Bundes-Gesundheitsminister Hermann Gröhe entgegenzunehmen. Mehr als 1000 Unterschriften enthält der Ordner, der sich gegen die Kürzung der Rentenversicherungsbeiträge für Pflegende bei Kombipflege wendet.

Angehörige leisten viel in der Pflege

Sein E-Scooter garantiert Mobilität, ist damit ein großes Stück Lebensqualität für Erich Schmid. Foto: Spies
Sein E-Scooter garantiert Mobilität, ist damit ein großes Stück Lebensqualität für Erich Schmid. Foto: Spies

Seit Jahren kämpft Kornelia Schmid für mehr Anerkennung und eine angemessene Förderung durch den Staat. „Pflegende Angehörige haben keine Lobby, sie werden zu wenig wertgeschätzt“, kritisiert sie. Rund 2,9 Millionen Menschen seien in Deutschland pflegebedürftig, fast drei Viertel von ihnen würden durch nahestehende Angehörige versorgt. Diese haben teilweise, wie auch Kornelia Schmid, ihren Beruf aufgegeben, leben vom Pflegegeld.

„Wenn ich meinen Mann nicht pflegen würde, müsste er in ein Heim. Das würde den Sozialstaat weit mehr belasten“, betont Schmid und fügt an: „Mir geht es aber nicht um Geld, sondern um Wertschätzung!“ Dabei sei die letzte Erhöhung des Pflegegeldes durch die gestiegenen Kosten bei den Pflegeleistungen schon lange wieder aufgefressen worden.

Ende der „Bestrafung“ gefordert

MdB Uli Grötsch und MdL Reinhold Strobl (von rechts) nehmen die Petition, mit vielen hoffenden Herzchen geschmückt, entgegen. Foto: Spies
MdB Uli Grötsch und MdL Reinhold Strobl (von rechts) nehmen die Petition, mit vielen hoffenden Herzchen geschmückt, entgegen. Foto: Spies

Und jetzt sollen auch noch die Rentenversicherungsbeiträge für Pflegende bei Kombipflege gekürzt werden. Die Pflegekasse zahlt ja für Pflegekräfte in die Rentenkasse für deren spätere Rente ein. Holt sich aber der Pflegende zur Unterstützung einen Pflegedienst mit ins Haus, reduziert sich automatisch der Betrag, der in die Rentenkasse fließt, was sich natürlich später auf die Rente auswirkt. Die Kürzung steigt dabei mit der Höhe des Pflegegrades.

In der höchsten Stufe, Pflegegrad 5, macht die Kürzung ein Drittel des gesamten Beitrages aus. „Je schwerer die Pflege, desto höher die Bestrafung, das ist ein Skandal“, kritisiert daher Kornelia Schmid. In ihrer Petition fordert sie ein Ende der „Bestrafung“ pflegender Angehöriger, die sich Hilfe holen.

Mit ihrer Forderung steht Kornelia Schmid nicht allein da, sie hat inzwischen viele Mitstreiter um sich geschart. 1018 Unterschriften, davon 1010 in ganz Deutschland, sammelte sie in der Petition, die nun dem Bundestagsabgeordneten Uli Grötsch überreicht wurde. 4100 Mitglieder zählt inzwischen sogar die Facebook-Gruppe „Pflegende Angehörige“, eingerichtet ebenfalls von Kornelia Schmid.

Der Einsatz ist vielfältig

  • Pflegestützpunkte

    Kornelia Schmid setzte sich 2016 für die Einrichtung von Pflegestützpunkten auch in unserer Region ein, bisher vergeblich. Pflegstützpunkte beraten und unterstützen Pflegende, sind aber Ländersache. 22 gibt es in Deutschland, neun davon in Bayern, acht liegen in Franken – einer in Nürnberg, der aber für die Oberpfalz nicht zuständig ist.

  • Neue Petition

    In einer neuen Petition, ebenfalls an das Bundesgesundheitsministerium gerichtet, stellt Kornelia Schmid insgesamt 27 Forderungen auf, die die Arbeit der Pflegenden Angehörigen „unkomplizierter, leichter, leicht verständlich und real umsetzbar“ machen soll. Fast 500 Unterstützer haben bereits die Petition unterzeichnet. (age)

Soziales Netz muss halten

„Es ist hier eine Frage der Gerechtigkeit! Ich werde zuerst die Gesundheitspolitiker meiner Fraktion ansprechen, mich dann in Berlin an den Gesundheitsminister wenden“, versprach der Generalsekretär der BayernSPD, Grötsch, bei Entgegennahme der Petition und forderte: „Das soziale Netz, in das ein Pflegefall fällt, muss so engmaschig sein, dass niemand durchfällt!“

„Je schwerer die Pflege, desto höher die Bestrafung, das ist ein Skandal.“

Kornelia Schmid

Kornelia Schmid ist nur eine von den vielen „stillen Kämpfern“, wie sie die „Pflegenden Angehörigen“ nennt, in unserer Gesellschaft. Menschen mit Behinderung bzw. das Thema Inklusion gewinnen in der Gesellschaft immer mehr an Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Die Pflegenden dagegen, die oftmals nur zusammen mit den anderen Familienmitgliedern ihre Arbeit schaffen, wie dies auch im Haus am Wendelinweg der Fall ist, haben keine Lobby. Ihre Leistung findet viel zu wenig Anerkennung. Und das in einer Gesellschaft, in der durch den demografischen Wandel in Zukunft viele Menschen betroffen sein können.

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