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Initiative

Politik soll lernen, was Dyskalkulie ist

Eine Petition zur tatsächlichen Gleichstellung der Rechenstörung hat Martina Popp (Großschönbrunn) im Landtag übergeben.

Ein Junge nimmt die Finger zur Hilfe, um besser zählen zu können. In vielen Schulen gibt es laut Statistik ein Kind mit einer Rechenstörung. Doch nicht immer wird dies erkannt, denn die sogenannte Dyskalkulie ist unbekannter als die ähnliche Lese- und Rechtschreibstörung. Symbolfoto: Patrick Pleul, dpa
Ein Junge nimmt die Finger zur Hilfe, um besser zählen zu können. In vielen Schulen gibt es laut Statistik ein Kind mit einer Rechenstörung. Doch nicht immer wird dies erkannt, denn die sogenannte Dyskalkulie ist unbekannter als die ähnliche Lese- und Rechtschreibstörung. Symbolfoto: Patrick Pleul, dpa

Kümmersbruck.Martina Popp aus dem Dorf Großschönbrunn (Bereich Markt Freihung) hat am Mittwochnachmittag in München eine Petition für die Einführung eines Nachteilsausgleiches für Kinder und Jugendliche mit einer Dyskalkulie übergeben. Das hat der Landtagsabgeordnete Reinhold Strobl (SPD) aus Schnaittenbach mitgeteilt. Entgegengenommen hat diese Petition der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Martin Güll.

Dyskalkulie? Rechenstörung ist eine von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte schulische Entwicklungsstörung, erklärt die Kümmersbrucker Diplom-Psychologin Barbara Steinl: „Die Dyskalkulie ist genau wie die Legasthenie eine Behinderung im Sinne des Paragrafen 2 SGB IX. Trotzdem gibt es bei der Förderung der Kinder ein großes Defizit.“ Martina Popp habe gemeinsam mit anderen hier eine Unterschriftenaktion gestartet, berichtet MdL Reinhold Strobl.

Die Dyskalkulie werde in der ICD – 10, dem internationalen diagnostischen Manual der WHO, unter dem Diagnoseschlüssel „F 81.2“ geführt, sagt die Psychologin weiter. Die Forschung habe gezeigt, dass es sich bei Dyskalkulie – im Gegensatz zu einer Rechenschwäche – um eine neurobiologische Störung handele.

Gegen UN-Behindertenkonvention

Die Dyskalkulie sei wie die Legasthenie eine Behinderung, die Betroffenen unterliegen unter anderem dem Schutz des Grundgesetzes in Artikel 3: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Betroffenen Kindern oder Jugendlichen mit einer Dyskalkulie werde von Versorgungsämtern meist ein bestimmter Grad der Behinderung – „GdB“ – zuerkannt. Dipl.-Psychologin Barbara Steinl sagt: „Aber trotz der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention im Jahr 2009 findet dies noch kaum Niederschlag im Bildungswesen.“ Obwohl rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen von einer Rechenstörung betroffen seien, finde eine Dyskalkulie nicht in gleichem Maße im schulischen Alltag Beachtung wie zum Beispiel Legasthenie, Hör -und Sehstörungen oder Autismus.

In der Bayerischen Schulordnung (August 2016) würden betroffene Kinder „leider nicht zu den Gruppen von Kindern mit Behinderungen gezählt, denen individuelle Unterstützung, Nachteilsausgleich oder Notenschutz gewährt werden darf“. Dyskalkulie werde hier nicht einmal erwähnt. Steinl begrüßt es sehr, dass Lehrkräfte nun speziell geschult und informiert würden – und eine umfassende Handreichung zum Thema erstellt wurde. Zusätzlich brauche es aber ganz konkrete Hilfsmaßnahmen im Schulalltag für die Betroffenen.

Zeitzuschlag oder Hilfsmittel nötig

Die Petition hat Martina Popp jetzt an den Vorsitzenden des Bildungsausschusses, Martin Güll (rechts), übergeben; links MdL Reinhold Strobl. Foto: Büro MdL Strobl
Die Petition hat Martina Popp jetzt an den Vorsitzenden des Bildungsausschusses, Martin Güll (rechts), übergeben; links MdL Reinhold Strobl. Foto: Büro MdL Strobl

Dabei wäre es auch für diese Kinder sehr wichtig, dass die Lehrkräfte sie zusätzlich unterstützen, indem sie etwa einen Nachteilsausgleich gewähren. Sehr hilfreich für betroffene Kinder wären auch ein Zeitzuschlag oder die Erlaubnis der Verwendung von Hilfsmitteln sowohl im Unterricht  als auch bei der Leistungsbewertung. Bis jetzt hätten Schüler mit einer Rechenstörung kaum eine Chance, einen ihrer Begabung entsprechenden schulischen Abschluss zu erreichen. Die Psychologin bittet deshalb mit MdL Strobl „dringend um eine gleichberechtigte Behandlung der Kinder und Jugendlichen mit Dyskalkulie“.

Bisher sei dies mit dem Argument abgelehnt worden, dass sich die Dyskalkulie auf den Kern bzw. das Fundament in Mathematik auswirken würde. Bei einer zur Legasthenie analogen Berücksichtigung der Rechenstörung wäre die Notengebung in den Fächern Mathematik, Physik, Rechnungswesen und anderen nicht möglich, heiße es. Steinl: „Dies können wir aus unserer Erfahrung nicht nachvollziehen!“

„Mit relativ einfachen Maßnahmen des Nachteilsausgleichs wie eben Zeitzuschlag oder der Verwendung bestimmter Hilfsmittel können Dyskalkuliker sehr wohl sowohl in Mathematik als auch anderen Fächern ihre Störung kompensieren und bewertet werden.“

Diplom-Psychologin Barbara Steinl

Die Psychologin weiß: „Mit relativ einfachen Maßnahmen des Nachteilsausgleichs wie eben Zeitzuschlag oder der Verwendung bestimmter Hilfsmittel können Dyskalkuliker sehr wohl sowohl in Mathematik als auch anderen Fächern ihre Störung kompensieren und bewertet werden.“ Ähnlich wie bei einem Legastheniker mit Rechtschreibstörung, bei dem in einem Aufsatz die Teilnote Rechtschreibung nicht gewertet werde, „könnte auch bei Kindern mit Dyskalkulie verfahren werden“. Eine differenzierte Bewertung wäre umsetzbar, wenn beispielsweise der Rechenweg richtig gewählt wurde und nur beim Ausrechnen Fehler gemacht werden: „Dyskalkuliker haben hauptsächlich Probleme bei grundlegenden Rechenfertigkeiten, also Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division.“ Oder aber das Kind dürfe auch bei den Leistungsfeststellungen in der Mathematik, Physik, Chemie, Rechnungswesen, Geographie etc. die geeigneten Hilfsmittel verwenden.

Die eigentlich geforderte Tätigkeit wie etwa die Auflösung von Termen und Gleichungen oder die „Übersetzung“ einer Sachaufgabe in eine mathematische Angabe müsse das Kind immer noch selbst machen, lediglich beim bloßen Ausrechnen der Teilschritte helfe ihnen dann wohl der Taschenrechner oder die 100-Tafel.

Hintergrund

  • Benachteiligt

    Obwohl rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen von einer Rechenstörung betroffen seien, finde eine Dyskalkulie nicht in gleichem Maße im schulischen Alltag Beachtung wie zum Beispiel Legasthenie, Hör -und Sehstörungen oder Autismus, sagt die Kümmersbrucker Psychologin.

  • Ausgeblendet

    In der Bayerischen Schulordnung (August 2016) würden Betroffene „leider nicht zu den Gruppen von Kindern mit Behinderungen gezählt, denen individuelle Unterstützung, Nachteilsausgleich oder Notenschutz gewährt werden darf“. Dyskalkulie werde hier nicht einmal erwähnt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Übergabe der Petition aus der Oberpfalz wurde per Video festgehalten; von links Martina, MdL Reinhold Strobl und der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, MdL Martin Güll. Foto: Büro MdL Strobl
Die Übergabe der Petition aus der Oberpfalz wurde per Video festgehalten; von links Martina, MdL Reinhold Strobl und der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, MdL Martin Güll. Foto: Büro MdL Strobl

Steinl: „Unsere Erfahrungen in der Vergangenheit mit derartigem Vorgehen, das meist individuell mit den jeweiligen Lehrkräften und den Schulleitungen abgesprochen wurde, waren durchweg sehr positiv.“ Nach der neuen Schulordnung aber sei es nun den Lehrkräften „untersagt, den Kindern mit einer Dyskalkulie bei den Leistungserhebungen einen Nachteilsausgleich zu gewähren!“ Sie dürften dies zwar im Unterricht, aber eben nicht mehr bei den Leistungserhebungen. Dies bewirke bei den betroffenen Kindern wieder einen verstärkten Problemdruck, es mehrten sich wieder Prüfungsängste, Schulängste, psychosomatische Beschwerden.

Barbara Steinl und Reinhold Strobl gemeinsam: „Wir bitten daher nachdrücklich darum, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Dyskalkulie zu berücksichtigen und auch diesen Kindern und Jugendlichen sowohl individuelle Unterstützung, nach teils Ausgleich und ggf. Notenschutz zu gewähren, auch bei Leistungsmessungen!“ Mit der Übergabe der Petition durch Martina Popp an MdL Martin Güll, den Vorsitzenden des Bildungsausschusses im Landtag, sehen die drei Initiatoren aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach einen wesentlich Schritt getan – auch wenn das Problem für die Betroffenen zunächst unverändert bestehen bleibe. Aber die Dyskalkulie werde nun noch einmal zum Thema im Parlament.

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