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Heimat

1910 dampfte erste Lok durchs Vilstal

Auch Schmidmühlen hatte die Eisenbahn herbeigesehnt. Doch 1986 wurde die Vilstalbahn wieder eingestellt – trotz Protesten.
Von Josef Popp

Das Kalenderblatt „Juni“ des Schmidmühlener Heimatkalenders zeigt einen Personenzug im Bahnhof Schmidmühlen kurz vor der Abfahrt nach Amberg.
Das Kalenderblatt „Juni“ des Schmidmühlener Heimatkalenders zeigt einen Personenzug im Bahnhof Schmidmühlen kurz vor der Abfahrt nach Amberg. Foto: Heimatkundlicher Arbeitskreis

Schmidmühlen.Kaum eine andere Investition hatte im vergangenen Jahrhundert so große und positive Folgen für das Vilstal wie der Bau der Eisenbahnlinie von Amberg nach Schmidmühlen. Lange haben die Vilstaler gekämpft, bis diese wichtige Infrastrukturmaßnahme verwirklicht wurde. Dieser Eisenbahngeschichte widmet sich das Kalenderblatt „Juni“ des Schmidmühlener Heimatkalenders. Es zeigt einen Personenzug kurz vor der Abfahrt Richtung Amberg. Der Zug wird von einer BR 64, Lok 64 439, gezogen.

Aus dieser im wahrsten Sinne bewegten Zeit zeugen in Schmidmühlen noch viele Gebäude; vor allem der alte Bahnhof ist im Originalzustand erhalten. Zu verdanken ist dies zum einem dem Marktgemeinderat, der Ende der 1980er Jahre das Gebäude dem Schützenverein überlassen hat, zum anderen eben diesem Schützenverein, der den Umbau des alten Bahnhofs in ein Schützenheim so sensibel in Angriff genommen hat, dass er Geschichte sichtbar macht.

In Schmidmühlen gab es auch eine „Bahnhofsrestauration“, die schon vor 1910 gebaut wurde.
In Schmidmühlen gab es auch eine „Bahnhofsrestauration“, die schon vor 1910 gebaut wurde. Foto: Archiv

Was heute vielleicht nur wenige wissen: Gegenüber dem Bahnhofsgebäude steht die Restauration, die derzeit im Besitz der Familie Holler ist. Dieses Gebäude wurde extra wegen des Bahnverkehrs gebaut. Die Geschäftsleute in Schmidmühlen wussten natürlich auch um die Bedürfnisse der Reisenden. So entstand in Schmidmühlen die erste Bahnhofsgaststätte mit Fremdenzimmern. Bewirtschaftet haben diese Wirtschaft, auch „beim Kraxenwirt“ genannt, bis 1926 die Eheleute Johann und Katharina Schwarzkopf; danach waren es die Eheleute Johann und Barbara Holler. Noch vor der Fertigstellung der Bahn in Schmidmühlen begann man mit dem Bau – schon vor 1910.

Orte mit Eisenbahn boomten

Die Eisenbahn hat Bewegung in das Vilstal gebracht. Ausschlaggebend für den Bau einer Bahnlinie von Amberg nach Schmidmühlen vor einem Jahrhundert waren natürlich auch wirtschaftliche Interessen. Vor allem die zunehmende Rohstoffversorgung der Betriebe war wichtig, gestaltete sich aber wegen des unzulänglichen Straßensystems als oft sehr schwierig. In der Eisenbahn sah man die große Möglichkeit, diese Probleme zu lösen.

Ab dem Jahr 1819 wurden in Bayern erste Pläne zum Bau von Eisenbahnen geschmiedet. Einer dieser Pläne war eine Strecke von Nürnberg über Altdorf, durchs Lauterachtal nach Schmidmühlen weiter über Kallmünz nach Regensburg und München. Doch dieser Plan wurde nicht realisiert.

Ab 1908 wurde im Vilstal die Bahnlinie gebaut (im Bild ein Abschnitt an der Kunstmühle Harschhof, Markt Schmidmühlen).
Ab 1908 wurde im Vilstal die Bahnlinie gebaut (im Bild ein Abschnitt an der Kunstmühle Harschhof, Markt Schmidmühlen). Foto: Archiv

1844 gründete sich die „Königlich Bayerische Staats-Eisenbahn“. In den folgenden Jahren entstanden überall neue Bahnlinien, auch im jetzigen Landkreis Amberg-Sulzbach. Die bahnlosen Gemeinden blickten nun neidisch auf die boomenden Nachbarn, die gute Geschäfte machten.

Ab 1898 machte sich der Landtagsabgeordnete Franz Xaver Lerno aus Amberg für die Vilstalstrecke stark. Nach vielen Jahren hatten die Bemühungen Erfolg. Der Bau der Bahnlinie nach Schmidmühlen – in zwei Abschnitten – wurde im Oktober 1908 allmählich Realität. Am 1. März 1910 war die Teilstrecke bis Ensdorf fertig. Zunächst verkehrten werktags drei Zugpaare, an Sonntagen vier. Am 18. Dezember 1910 wurden die jahrzehntelangen Bemühungen belohnt und die komplette Vilstallinie eröffnet.

Fahrt kostete 90 Pfennige

Der erste Bahnhofsvorsteher in Schmidmühlen war Johann Dirmeier, der 1872 in Haid bei Burglengenfeld geboren wurde. Erstmals ist sein Dienst als Bahnarbeiter 1898 nachweisbar. Im Jahr 1905 unterzog er sich der Prüfung zum „Staatsdiener im Lokalbahndienst“. Mit der Eröffnung der Vilstalbahn wurde er der erste Bahnhofsvorsteher in Schmidmühlen.

In jener Zeit erlebte die Vilstallinie ihre Blüte. Sie war insgesamt 23,7 Kilometer lang, entlang der neuen Trasse gab es 38 offizielle Übergänge, vier Brücken in Stahlträgerbauweise sowie zwei in aufwändiger Betonbauweise. Zunächst war der Personenverkehr nur mit der 3. Klasse möglich. Ein Fahrt kostete 90 Pfennige. Zum Vergleich: Eine Maß Bier kostete 20 Pfennige, ein Handwerker verdiente pro Stunde etwa 50 Pfennige. Ab 1956/57 fuhren alle Züge mit „2. Klasse“.

Zahlen und Fakten zur Bahn

  • Frachtstatistik 1955

    Zahlreiche Waren wurden transportiert, wie eine Auswahl zeigt. Kleingebinde (angeliefert sieben Tonnen, abgeliefert zwei Tonnen), Fahrräder (angeliefert 132, abgeliefert 143), Expressgüter (angeliefert 39 Tonnen, abgeliefert 23 Tonnen), Komplettwagenladungen Langgüter wie Holz und Stahl (14 087 Tonnen Versand, 3281 Tonnen Empfang), Komplettwagenladungen Schüttgüter wie Gestein oder Kohle (238 415 Tonnen Versand, 3562 Tonnen Empfang), Pferde und Großvieh (Versand 35 Stück, Ankunft drei), Jungvieh und Schweine (Versand 54), Ziegen, Schafe, Hunde (Versand 480), Geflügel aller Art (Versand zwölf Stück), Frachtgut Militärverkehr (Ankunft 876 Tonnen mit 29 Frachtbriefen, Versand 208 Tonnen mit 27 Frachtbriefen).

  • Fazit

    Insgesamt wurden 1955 etwa 240 000 Tonnen angeliefert und etwa 60 000 Tonnen abtransportiert. Dies entspricht bei etwa 20 Tonnen je Wagenladung rund 15 000 Waggons pro Jahr. Bei den damaligen Zuglängen um die 15 Waggons ergibt das rund 1000 Züge, umgerechnet vier volle Güterzugpendel täglich. Zusammen mit den um 1955 etwa vier Personenzügen täglich ergibt das mindestens 16 Zugfahrten pro Tag hin und zurück.

  • Auslastung

    Die Strecke war zu dieser Zeit statistisch betrachtet sehr gut und profitabel ausgelastet und beileibe keine Bimmelbahn. Die ersten Morgenzüge fuhren ab Schmidmühlen um 3.30 Uhr, der letzte Zug kam um 23.30 Uhr an. 1955 wurden 21 513 Personenfahrkarten verkauft. 1912 waren es 12 768, 1930 insgesamt 33 197, 1964 sogar 44 986.

  • Literatur

    Der Eisengau Band 41/2014 befasst sich ausschließlich mit der Lokalbahn Amberg – Schmidmühlen. Herausgeber ist der Historische Verein für Oberpfalz und Regensburg, Regionalgruppe Amberg (im Selbstverlag) mit Dieter Dörner als Verantwortlichem.

Steigender Wohlstand, immer stärkerer Individualverkehr, sinkende Renditen der Bahn durch die flexibleren Lkw-Transporte sowie die Konkurrenz durch Bahn- und Postbus ließen die Bahnära im Vilstal zu Ende gehen: Am 1. Juli 1966 wurde der Personenverkehr auf der Vilstalstrecke eingestellt. Zwei Jahrzehnte später kam das „Aus“ für die Strecke nach Schmidmühlen, am 2. Juni 1986 wurde der Verkehr im Teilabschnitt Vilshofen – Schmidmühlen eingestellt.

Die letzte Fahrt ab Schmidmühlen erfolgte am 17. Mai 1986: Eine Kleinlokomotive holte fünf leere Düngemittel-Waggons in Schmidmühlen ab. Der Abriss dieses Teilabschnittes erfolgte schließlich im September 1986. Die Stilllegung zeichnete sich schon viele Jahre vorher ab. So ging das Frachtaufkommen pro Werktag deutlich zurück. Wurden 1974 noch 32 Tonnen Güter pro Werktag transportiert, waren es knapp zehn Jahre später, 1983, nur noch acht Tonnen.

Bahntrasse ist heute Radweg

Liebevoll restauriert wurde der alte Bahnhof Schmidmühlen, der heute Schützenheim ist.
Liebevoll restauriert wurde der alte Bahnhof Schmidmühlen, der heute Schützenheim ist. Foto: Archiv

Der Beschluss zur Streckenstilllegung fand bei den Schmidmühlener Kommunalpolitikern kein Verständnis. Bis zuletzt kämpften die Markträte und Bürgermeister für den Erhalt der Bahnlinie. Bis zuletzt versuchte man auch die zuständigen Ministerien und Behörden dazu zu bewegen, die Strecke in den Truppenübungsplatz Hohenfels zu verlängern, um den damals intensiven Militärverkehr speziell auf der Vilstalstraße zu minimieren. Zumindest sollten die Militärtransporte bis Schmidmühlen mit der Eisenbahn erfolgen.

Aber: Auch hier regte sich bei den Anwohnern, auch in Amberg, Widerstand, denn man befürchtete erheblichen Lärm und andere Belästigungen in den Ortszentren. Doch der Kampf um die Eisenbahnstrecke war umsonst, auch die immer wieder tagenden „Krisengipfel“ der Vilstaler Politiker brachten keine Wende.

Die Eisenbahn im Vilstal ist Geschichte. Heute führt ein Radweg auf dem ehemaligen Gleisbett von Amberg nach Schmidmühlen – so bewegt die Linie die Menschen immer noch. Und der alte, einst vom Verfall bedrohte Bahnhof Schmidmühlens hält die Erinnerung auch wach. An dem liebevoll restaurierten heutigen Schützenheim ist über einer ehemaligen Tür zu lesen: „Fahrkartenausgabe und Warteraum“.

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