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Geschichte

Keine Strecke nur für eine „Bimmelbahn“

Der Heimatkalender 2016 für Schmidmühlen startet im Januar mit einem wehmütigen Blick auf die Bahngeschichte im Vilstal.
Von Josef Popp

Das Januar-Foto des diesjährigen Heimatkalenders zeigt eine Schienenbusgarnitur (VT und VB) auf der Rückfahrt nach Amberg, etwa Anfang der 1960er Jahre. Foto: Heimatkundlicher Arbeitskreis
Das Januar-Foto des diesjährigen Heimatkalenders zeigt eine Schienenbusgarnitur (VT und VB) auf der Rückfahrt nach Amberg, etwa Anfang der 1960er Jahre. Foto: Heimatkundlicher Arbeitskreis

Schmidmühlen.Vor fast genau einem halben Jahrhundert, genau am 1. Juli 1966, ging für den Markt Schmidmühlen, aber auch für das Vilstal, eine Ära zu Ende: Der Personenverkehr auf der Bahnstrecke Amberg – Schmidmühlen wurde eingestellt. So kann man im Schreiben vom 27. Mai 1966 nachlesen. „Der Herr Bundesminister für Verkehr hat mit Erlass vom 4.5.29166 (…) die Genehmigung zur dauernden Einstellung des Reisezugbetriebs der Nebenbahnstrecke Amberg – Schmidmühlen erteilt. Vom 1. Juli 1966 an wird der Reisezugbetrieb auf der Nebenbahn Amberg – Schmidmühlen für dauernd eingestellt (…) . Der Reiseverkehr der Strecke wird künftig ausschließlich von der bereits bestehenden DB-Omnibuslinie bedient.“ Noch vereinzelt und auch nur zu besonderen Anlässen fuhr nochmals ein Personenzug von Amberg nach Schmidmühlen, so ein Pilgerzug 1984.

Begonnen hatte diese Ära am 18. Dezember 1910, als die erste Dampflok „offiziell“ von Schmidmühlen aus nach Amberg dampfte. In der Amberger Volkszeitung konnte man am 12. Dezember 1910 lesen, dass „die Eröffnung der Lokalbahn Schmidmühlen – Amberg von der Kopfstation Schmidmühlen aus“ definitiv am 18. Dezember stattfinden würde. Es war insgesamt – zeitlich gesehen – eine knappe Angelegenheit. So war eine Probefahrt erst kurz vor der offiziellen Eröffnung möglich; im November herrschte derart schlechtes Wetter, dass man eigentlich nicht sicher wusste, ob man den Zugbetrieb so wie geplant aufnehmen kann. Dennoch klappte alles, und eine illustre Schar an Offiziellen und Gästen posierte vor dem Bahnhof für ein Erinnerungsfoto, bevor sich der erste Personenzug in Richtung Stadt Amberg in Bewegung setzen konnte.

Bewegung ins untere Vilstal gebracht

Der ehemalige Bahnhof Schmidmühlen in der wärmeren Jahreszeit Foto: ajp/Archiv
Der ehemalige Bahnhof Schmidmühlen in der wärmeren Jahreszeit Foto: ajp/Archiv

Groß gefeiert wurde das in Schmidmühlen selbst freilich nicht. Aus Sparsamkeitsgründen, so teilte der Markt Schmidmühlen der Neubau-Inspektion in Nürnberg mit, habe man auf eine Eröffnungsfeier verzichtet, da ja eine solche bereits in Ensdorf stattgefunden habe. Der erste Zug wurde von Lokführer Martin Lang nach Amberg gefahren. Mit der neuen Ära des Bahnverkehrs ging eine andere Ära zu Ende: Am 9. Dezember fuhr zum letzten Mal der Postillion von Ensdorf aus herunter nach Schmidmühlen.

Die Eisenbahn hat, das kann man vorab resümierend feststellen, Bewegung ins untere Vilstal gebracht. Ausschlaggebend für den Bau einer Bahnlinie von Amberg nach Schmidmühlen vor einem Jahrhundert waren natürlich auch wirtschaftliche Interessen. Vor allem der zunehmende Rohstoffbedarf in den Betrieben war wichtig, gestaltete sich aber wegen des unzulänglichen Straßensystems oft sehr schwierig. In der Eisenbahn also sah man damals allgemein die große Möglichkeit, diese Probleme zu lösen.

1844 gründete sich die „Königlich Bayerische Staats-Eisenbahn“. 1859 fuhr der erste fahrplanmäßige Zug durch Amberg.

Aus den historischen Unterlagen

Ab dem Jahr 1819 wurden in Bayern erste Pläne zum Bau von Eisenbahnen geschmiedet. Einer dieser Pläne war eine Strecke von Nürnberg über Altdorf, dann durch das Lauterachtal nach Schmidmühlen, weiter über Kallmünz nach Regensburg und München. Doch dieser Plan mündete dann nicht in ein reales Projekt. 1844 gründete sich die „Königlich Bayerische Staats-Eisenbahn“. Erst am 12. Dezember 1859 fuhr der erste fahrplanmäßige Zug durch Amberg. Die Eisenbahn entwickelte sich in unserer Region schnell zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor. Insgesamt wurden 1955 kumuliert etwa 240 000 Tonnen angeliefert und etwa 60 000 Tonnen abtransportiert. Dies entspricht bei etwa 20 Tonnen je Wagenladung 15 000 Waggons pro Jahr. Bei den damaligen Zuglängen um die 15 Waggons ergibt das rund 1000 Züge, umgerechnet also vier volle Güterzugpendel täglich.

Von 3.30 bis 23.30 Uhr war Betrieb

Der ehemalige Bahnhof Schmidmühlen Foto: ajp
Der ehemalige Bahnhof Schmidmühlen Foto: ajp

Zusammen mit den um 1955 etwa vier Personenzügen täglich ergibt das mindestens 16 Zugfahrten pro Tag hin und zurück. Die Strecke war zu dieser Zeit, statistisch betrachtet, sehr gut und profitabel ausgelastet und beileibe keine unbedeutende Bimmelbahn.

Die ersten Morgenzüge gingen ab Schmidmühlen um 3.30 Uhr, der letzte Zug kam um 23.30 Uhr an. Bis in die 1950er Jahre waren ausschließlich Dampfloks, so die 86er-Lok, nachweislich die 86 101, aber auch 86 100 auf der Vilstalstrecke unterwegs. Etwa ab Ende der 1950er-Jahre kamen zunehmend Schienenbusse zum Einsatz.

Die Auslieferung dieser Schienenbusse erfolgte ab 1955. Im regionalen Verkehr kam der Typ VT 98 zum Einsatz. Er hatte zwei wassergekühlte, 120 PS starke Motoren. Die Leistung dieser „Triebwagen“ war deutlich geringer als die der Dampfloks. Normalerweise konnten knapp 60 Personen mitfahren. Es konnte aber auch noch ein Beiwagen (Typ VB 98) angekoppelt werden, der jedoch keine Steuereinheit und auch keine Motoren hatte.

Das Januar-Foto des diesjährigen Heimatkalenders zeigt eine Schienenbusgarnitur (VT und VB) auf der Rückfahrt von Schmidmühlen nach Amberg, etwa Anfang der 1960er Jahre, also nur wenige Jahre vor der Einstellung des Personenverkehrs. Nach Einstellung des Personenverkehrs zum 1. Juli 1966 wurde aber der Gütertransport auf der Schiene noch lange Jahre fortgesetzt, fast genau noch 20 Jahre.

Wissenswertes kurz und bündig

  • Strecke

    Die Länge der Vilstallinie nach Schmidmühlen betrug insgesamt 23,7 Kilometer. Entlang der neuen Trasse gab es 38 offizielle Übergänge, vier Brücken in Stahlträgerbauweise sowie zwei in aufwendiger Betonbauweise.

  • Qualität

    Zunächst war der Personenverkehr nur mit der 3. Klasse möglich. Ein Fahrt kostete 90 Pfennige. Zum Vergleich: Eine Maß Bier kostete 20 Pfennige, und ein Handwerker verdiente pro Stunde etwa 50 Pfennige. Ab den Jahren 1956/57 fuhren alle Züge mit 2. Klasse.

  • Niedergang

    Steigender Wohlstand, stärkerer Individualverkehr, sinkende Renditen der Bahn durch die flexibleren Lkw-Transporte sowie die Konkurrenz durch Bahn- und Postbus ließen die Bahnära im Vilstal zu Ende gehen.

  • Ende

    Am 1. Juli 1966 wurde der Personenverkehr auf der Vilstalstrecke eingestellt. Zwei Jahrzehnte später kam das „Aus“ für die Strecke nach Schmidmühlen. Der Verkehr wurde im Teilabschnitt Vilshofen – Schmidmühlen am 2. Juni 1986 eingestellt. Die letzte Fahrt ab Schmidmühlen erfolgte am 17. Mai 1986. Da holte eine Kleinlokomotive fünf leere Düngemittel-Waggons in Schmidmühlen ab. Der Abriss dieses Teilabschnittes erfolgte schließlich im September 1986.

  • Quellen

    Der Eisengau, Band 41/2014 (Sonderband), Heimatbuch Schmidmühlen, Historischer Bildband Markt Schmidmühlen, Recherche Ortsheimatpfleger, Chronik Sportschützen e.V., Erinnerungen und Schriftstücke, Foto Kalenderblatt: Heimatkundlicher Arbeitskreis/Markt Schmidmühlen. Unterstützt wurden Recherchen von Michael Koller.

  • Zur Vertiefung empfohlene Literatur

    Der Eisengau, Band 41/2014 (Sonderband), Die Lokalbahn Amberg – Schmidmühlen, Herausgeber: Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg, Regionalgruppe Amberg (im Selbstverlag), Schriftleiter und verantwortlich: Dieter Dörner. (ajp)

Das Frachtaufkommen ging zurück

Der Verkehr wurde dann im Teilabschnitt Vilshofen–Schmidmühlen am 2. Juni 1986 eingestellt. Die letzte Fahrt ab Schmidmühlen erfolgte am 17. Mai 1986. Dabei holte eine Kleinlokomotive fünf leere Düngemittel-Waggons in Schmidmühlen ab. Der Abriss des Teilabschnittes erfolgte dann schließlich im September 1986. Die Stilllegung zeichnete sich viele Jahre vorher ab. So ging das Frachtaufkommen pro Werktag klar zurück. Wurden 1974 noch 32 Tonnen Güter pro Werktag transportiert, waren es knapp zehn Jahre später, im Jahr 1983, noch acht Tonnen.

Der erste Bahnhofvorsteher in Schmidmühlen hieß Johann Dirmeier.

Aus den geschichtlichen Unterlagen

Viel Wissenswertes wurde über den ersten Bahnhofvorsteher in Schmidmühlen zusammengetragen. Dieser hieß Johann Dirmeier und wurde 1872 in Haid bei Burglengenfeld geboren. Erstmals ist sein Dienst als Bahnarbeiter 1898 nachweisbar. Im Jahr 1905 unterzog er sich dann der Prüfung zum „Staatsdiener im Lokalbahndienst“.

Mit der Eröffnung der Vilstalbahn wurde er der erste Bahnhofsvorsteher in Schmidmühlen. 1921 erfolgte die Beförderung zum Eisenbahnsekretär. Am 1. Januar 1933 wurde er pensioniert. Im Jahr 1958 verstarb der verheiratete Vater von vier Kindern. Damals erlebte die Vilstallinie ihre Blütezeit.

Schnecken vorm Verzehr gerettet

Eine Geschichte, nicht von Johann Dirmeier, sondern von dessen Enkelin Bärbel, wurde von Kreisheimatpfleger Dieter Dörner recherchiert. Mit dem Zweiten Weltkrieg kamen auch französische Kriegsgefangene in die Gemeinde, und die liebten ein Essen, das bis dato für den Gaumen bei uns unvorstellbar war – Weinbergschnecken.

Die gab es zu der Zeit zuhauf, und sie wurden auch reichlich verzehrt, wie immer noch Zeitzeugen berichten. Schließlich kam da wohl ein Schmidmühlener Bürger auf eine Geschäftsidee und kaufte Weinbergschnecken zum Versand und Verkauf auf. Abtransportiert wurden die Schnecken mit der Bahn. Als nun die Enkelin erfuhr, dass die Schnecken gegessen werden sollten, fasste sie einen Entschluss, schnitzte und schlitzte mit ihrem Taschenmesser ein Loch in eine Kiste und schenkte so den Schnecken, von ihrem Opa unbemerkt, ihre Freiheit.

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