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Geschichte

Skandale und Bälle in der Hammermühle

In Schmidmühlen flimmerten Kinofilme über die Leinwand, es wurde nächtelang getanzt – und heute wird dort Musik gemacht.
Von Josef Popp

Die ehemalige Hammermühle in Schmidmühlen hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Foto: Archiv Historischer Arbeitskreis Schmidmühlen
Die ehemalige Hammermühle in Schmidmühlen hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Foto: Archiv Historischer Arbeitskreis Schmidmühlen

Schmidmühlen.Es gibt nur wenige Gebäude in Schmidmühlen, die eine so vielschichtige Nutzung in den vergangenen Jahrhunderten erlebt haben wie die Hammermühle. Und sie steht wie kaum ein anderes Anwesen so für Lebendigkeit und Miteinander – und dies über Jahrhunderte hinweg.

Einst Mühle und landwirtschaftliches Anwesen, später das einzige Kino in Schmidmühlen, dann Tanzsaal und zeitweise sogar „Ersatz-Gotteshaus“ – wenigen ist noch der Begriff „Hammermühle“ bekannt. Schon eher Kino oder Tanzsaal Meier. Rauschende Bälle und romantische Hochzeiten dort haben nicht nur den Markt, sondern auch viele Familien geprägt.

Doch bis diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam, war die Hammermühle ein Bestandteil des Hammergutes. Wie der Ortsname von Schmidmühlen schon sagt, gab es dort mehrere Schmieden und Mühlen, die schließlich auch für den Ortsnamen „Pate“ standen. Am linken Lauteracharm befanden sich Obere und Untere Mühle, am rechten Arm ursprünglich mehrere Schmieden, die sich zu bedeutenden Hammerwerken entwickelten, und eben die Hammermühle, die auch im Besitz der Hammerherren war.

1950 begann die Kinozeit

Der Heimatkalender 2018 Repro: mi
Der Heimatkalender 2018 Repro: mi

In Karten aus der Zeit um 1700 ist die Hammermühle schon eingezeichnet. Im Lauf seiner Existenz wurde das Hammergut immer wieder baulich erweitert. Zum Hammergut mit Mühle gehörten noch verschiedene Nebengebäude wie Scheunen und Stallungen, da die Hammerherren auch eine Landwirtschaft betrieben. In einer 1615 erstellten Inventarliste werden unter anderem eine Wiese, sieben Weiher und drei Äcker aufgeführt. Ebenso werden dem Hammergut verschiedene Waldungen zugeschrieben, die letztlich auch für den Hammer lebenswichtig waren. Das Aus für den Hammer kam im Jahr 1816: Er wurde „zerschlagen“.

Alle Geschichten aus unserem MZ-Spezial „Heimatkalender Schmidmühlen“ haben wir hier für Sie gesammelt.

Irgendwann, das lässt sich derzeit noch nicht genau feststellen, kam die Hammermühle in den Besitz der Familie Knauer, einer alteingesessenen Schmiedefamilie. Von diesen erwarben Barbara und Johann Meier am 18. Januar 1939 die Hammermühle. Die Familie Meier stammte aus Bergheim und war unter dem Haus- bzw. Hofnamen „Adlbauer“ bekannt, den sie mit nach Schmidmühlen nahm.

Kinobesitzer Josef Meier war in Schmidmühlen auch einer der ersten Marktschreier. Foto: Archiv Historischer Arbeitskreis Schmidmühlen
Kinobesitzer Josef Meier war in Schmidmühlen auch einer der ersten Marktschreier. Foto: Archiv Historischer Arbeitskreis Schmidmühlen

1950 übernahm Josef Meier das Anwesen von seinen Eltern. Er war bis zu seiner Pensionierung bei der BayWa beschäftigt. Josef Meier hauchte zusammen mit seiner Familie dem altehrwürdigen Gebäude neues Leben ein, beziehungsweise führte es zu einer komplett neuen Nutzung zu: Aus der Hammermühle wurde ein Kino. Am 10. Mai 1949 beantragte er die Betriebserlaubnis für ein Lichtspielhaus mit 200 Sitzplätzen. Am 7. März 1950 schließlich bekam er die Betriebserlaubnis. Eine neue Ära begann in Schmidmühlen. Zusammen mit Herbert Belk betrieb er noch drei weitere Kinos: in Rieden (beim Bärenwirt), in Kallmünz und mit Sondererlaubnis in Hohenfels.

„Es war für alle Familienmitglieder eine sicher oft harte Zeit, aber es bleiben viele positive Erinnerungen.“

Betty Graf, Tochter des Kinobesitzers Meier

Drei- bis viermal musste sich Kinobesitzer Meier Filme aussuchen, die dann mit der Bahn geliefert wurden, erinnert sich Tochter Betty Graf. Dabei gab es sogenannte Wahlfilme, die man sich aussuchen konnte, und Pflichtfilme, die vorgeführt werden mussten. Einer dieser Pflichtfilme war der Film „Die Sünderin“ aus dem Jahr 1951. Er war übrigens auch wegen des nachfolgenden Skandals der Durchbruch der Schauspielerin Hildegard Knef. Der Film feierte seine Erstaufführung am 18. Januar 1951.

Ein Jahr, nachdem das Kino seinen Betrieb aufgenommen hatte, war das schon ein schwieriger Moment: Kein gutes Gefühl hatten die Kinobetreiber bei diesem „Skandalfilm“, aber laut Vertrag musste der Film vorgeführt werden. Josef Meier setzte den Film dann spätabends an: Er lief um 23 Uhr – nicht vor leeren Stühlen. Vor dem Kino versammelten sich Demonstranten, um gegen die Aufführung zu protestieren. Die Wogen haben sich dann irgendwann geglättet. Auch das gehört halt zur „Kinogeschichte“ von Schmidmühlen dazu.

Heimatkalender

  • Start:

    Erstmals ist in Schmidmühlen im Jahr 2012 ein Heimatkalender erschienen. 2012 und 2013 wurde er als bebilderter Rückblick auf das vergangene Jahr gestaltet.

  • Schätze:

    2014 begleiteten erstmals historische Motive aus dem Archiv des Heimatkundlichen Arbeitskreises durch das Jahr. Seither werden jedes Jahr solche Schätze wieder ins Licht geholt.

  • Motto:

    Mit dem Motto „Schmidmühlen – Erinnerungen an eine noch nicht ganz vergessene Zeit“ ist der Heimatkalender in gewisser Art eine bebilderte Chronik.

In Schmidmühlen erlebte man das deutsche Kinozeitalter in allen Facetten mit: deutsche Heimatfilme, die Fuzzy-Filme, Revuen, Cowboy- und Indianergeschichten oder auch die unvergessenen Edgar Wallace-Filme. Gerade die Fuzzy-Filme lockten die Schmidmühlener ins Kino, es waren zu der damaligen Zeit echte Kultfilme. Aber auch Revuefilme, beispielsweise mit Marika Rökk, waren ein echtes „Muss“ für die Kinoliebhaber. Für die Kinder gab es meist die klassischen Märchenfilme.

Jeder Ball war ausverkauft

17 Jahre dauerte die Kinozeit in Schmidmühlen. Die aufkommende Mobilität und das Fernsehen machten den Kinobetrieb unrentabel. 1967 war Schluss – aber es gab einen Neustart: Aus dem Kino Meier wurde der Meiersaal. Bei der Kirchweih 1967 war der erste Tanz. In diesen Jahren erlebte der Schmidmühlener Fasching seine absolute Boomzeit – bis etwa Ende der 1980er Jahre.

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Kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo ein Tanz war: Blumen- und Feuerwehrball, Trachten- und Sängerball, Lumpen- und Pyjamaball. Jeder Verein, der etwas auf sich hielt, lud zum Tanz ein. Anders als heute brauchte sich auch niemand um guten Zuspruch kümmern: Jeder Ball war ausverkauft. Doch auch diese Ära endete, mit dem Kinderfasching 1992. Zwischenzeitlich wurde der Saal während der Umbauphase der Pfarrkirche St. Ägidius in den 1990er Jahren als Ersatz für die Gottesdienste genutzt.

Die Hammermühlen heute: In einem Teil des renovierten Stadels treffen sich die Musiker der Blaskapelle St. Ägidius zum Proben. Foto: Popp
Die Hammermühlen heute: In einem Teil des renovierten Stadels treffen sich die Musiker der Blaskapelle St. Ägidius zum Proben. Foto: Popp

Auch wenn die Hammermühle heute kein Kino oder Tanzsaal mehr ist, zumindest in einem Teil kommen immer noch Menschen zusammen. Einen Teil des Hammermühlstadels nutzen die Musiker der Blaskapelle St. Ägidius. So steht das Haus noch als Treffpunkt für junge Leute, für Lebendigkeit und Miteinander in Schmidmühlen.

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