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MZ-Kantine
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Serie

Bittenbinder steht für Bodenständigkeit

Schauspielerin Johanna Bittenbinder ist Bauerntochter und Künstlerin. Mit Mann und Tochter steht sie gern auf der Bühne.
von Christine Straßer

Zwei Frauengenerationen: Schauspielerin Johanna Bittenbinder und Tochter Veronika, die sich als Sängerin einen Namen macht Foto: Heinz-Josef Braun
Zwei Frauengenerationen: Schauspielerin Johanna Bittenbinder und Tochter Veronika, die sich als Sängerin einen Namen macht Foto: Heinz-Josef Braun

Regensburg.Am Ende zählt, was der Beleuchter sagt. „Der sagt ja ganz selten was. Und der muss auch nichts sagen“, meint Johanna Bittenbinder. „Aber wenn der zu einem sagt: ‚Das haben sie jetzt richtig gut gemacht‘, dann weiß man, dass man die Rolle nicht nur spielt, sondern dass man die Figur ist.“ So einfach ist das also mit dem Film, so ganz und gar nicht glamourös.

Dass sie über einen Beleuchter spricht, wenn sie über das Künstlersein spricht, passt zu Bittenbinder. Bodenständig. Das ist ein Wort, mit dem die Schauspielerin gerne beschrieben wird. Ihr selbst gefällt diese Zuschreibung. „Die jugendliche Schönheit musste ich nie spielen“, sagt sie. Und schiebt nach: „zum Glück.“ Denn so war sie nicht auf einen Typ festgelegt und konnte sich in ganz verschiedenen Rollen ausprobieren.

Polizistin, Kellnerin, Mutter

Als Kommissarin Gisela Wegmeyer ermittelte sie in niederbayerischen Schweineställen. Im Kassenknüller „Wer früher stirbt, ist länger tot“ kam Bittenbinder als ungeduldige Mutter in die Elternsprechstunde. In ihrer ersten Filmrolle überhaupt war sie die Schankkellnerin Resi. Das war 1981 in „Rumpelhanni“. Wie tief Bittenbinders ruhiges, ernstes Spiel geht, war in dem Drama „Zwei allein“ zu spüren. Darin ist sie die Schuhverkäuferin Linda, die sich ohne viele Worte mit ihrer Schwester Henri versteht. Aber dann wird diese Schwester auf offener Straße von einem Mann erschossen und Linda kann nur tatenlos zusehen.

Die Schauspielerei war für die 1957 geborene Bittenbinder in ihrer Kindheit und Jugend weit weg. Sie wuchs als Bauerntochter auf einem Aussiedlerhof in Unterhaching auf. Ihre Mutter führte ein Wirtshaus. Bittenbinder studierte Kunstgeschichte in München und arbeitete als Museumspädagogin. Aber durch einen Workshop am Freien Theater München lernte sie auch eine neue Welt kennen. „Mich hat fasziniert, wie mit ganz einfachen Mitteln Theatermagie entsteht“, erinnert sie sich. „Ich wollte wissen, wie so etwas entsteht.“ Bittenbinder stieg bei dem Straßentheater ein, spielte in Stücken von Brecht und Ionesco mit. Auf der Bühne fiel sie auch ihrem späteren Mann Heinz-Josef Braun auf. Vergangenes Jahr feierten sie ihre silberne Hochzeit.

Die beiden haben mehrfach ein Ehepaar gespielt. Des Öfteren wurden sie von Regisseuren besetzt, die gar nicht wussten, dass sie im echten Leben ebenfalls zusammen sind. „Wir sehen das als Bestätigung, dass wir zusammenpassen“, sagt Bittenbinder. Und es ist eine Möglichkeit, einander auch nach Jahren immer noch zu überraschen. „Wir haben zum Beispiel einmal ein furchtbar frustriertes Ehepaar gespielt“, schildert die Schauspielerin. „Das Team hat uns dann gefragt: ‚Aber privat seid ihr nicht so?‘. Sind wir nicht. Aber es ist schon interessant, den anderen so zu erleben.“

Ein Erlebnis ist das Zusammenspiel des Paares auch in dem selbst entwickelten Live-Hörspiel „Tannöd“. Inspiration war der Krimibestseller von Andrea Maria Schenkel über den sechsfachen Mord von Hinterkaifeck. „Als Bauerntochter auf einem Einödhof bin ich mit dieser Geschichte aufgewachsen. Unser Hof war auch einsam und man hörte die Hunde bellen“, erzählt Bittenbinder. „Alle Kinder kannten die Geschichte und fanden sie sehr gruselig, zumal man ja bis heute keinen Täter gefunden hat.“ Bittenbinder und Braun sitzen zwar rein formal nur ruhig am Tisch, aber in der Lesung lassen sie die verschiedenen Charaktere vor dem inneren Auge der Zuschauer auferstehen, indem sie deren Gefühlswelten erfahrbar machen: den grantelnden Bauern, die vom eigenen Vater missbrauchte Tochter, die abergläubische Pfarrersköchin, den verschlagenen Gelegenheitsdieb und den Mörder selbst. Vier Musiker tragen dazu bei, eine besondere Atmosphäre zu schaffen – lebendig, humorvoll und schaurig.

Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus „Tannöd“:

Die weibliche Sicht

Literarisch und musikalisch wird es auch, wenn Bittenbinder mit ihrer Tochter Veronika in „Kennen Sie das Fräulein Pollinger?“ auf der Bühne steht. Die Mutter liest aus Romanen von Ödön von Horváth. Die Tochter singt eigene Songtexte. So treffen sich die Lebenswelten junger Frauen – damals in den 1920er Jahren und heute, knapp 100 Jahre später. In beiden Fällen geht es um die von Zwängen, Hoffnungen und Sehnsüchten geprägten Lebenswirklichkeiten aus einer weiblichen Sicht.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus „Kennen Sie das Fräulein Pollinger?“:

„Die Vroni hat viel zu sagen mit ihrer Musik“, findet Bittenbinder. Dass die Tochter ihren Weg als Sängerin gehen will, unterstützt die Mutter. „Sie hat diese Mischung mitbekommen: eine künstlerische und bodenständige Seite.“ Sie wisse, dass nicht immer alles top sei und man auch mal kämpfen müsse. Entscheidend sei, echt zu sein, findet Bittenbinder – das gilt für die Tochter in ihren Texten und für sie selbst in einer Rolle. „Beim Spielen denke ich nicht darüber nach, wie das jetzt wirkt“, sagt sie. Sie wolle ,möglichst natürlich agieren – als wäre es das richtige Leben. So geht Bittenbinders Figur in „Was weg is, is weg“ – wieder spielt sie eine Mutter – am Schluss des Films in Hausschuhen rückwärts nach Altötting. Und am Ende des Drehs waren die Hausschuhe, die Bittenbinder trug, auch so kaputt, dass man sie nur noch wegschmeißen konnte. So viel war sie damit rückwärts gelaufen.

Hier lesen Sie mehr Teil aus der Serie MZ-Kantine, in der die Mittelbayerische Zeitung bayerische Künstler vorstellt.

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