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Das „Schätzchen“ ist jetzt cool

Seit über 50 Jahren ist Uschi Glas im Geschäft. Nach ihrer Rolle in „Fuck ju Göhte“ hat sie im Rentenalter nun junge Fans.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Die Schauspielerin Uschi Glas ist auch mit 74 Jahren noch gut im Geschäft. Foto: Horst Ossinger/dpa

München.Ingrid Leimbach-Knorr ist mit den Nerven am Ende. Die Klasse 10 c tanzt ihr auf der Nase herum. Das Gejammer der Pädagogin wird auch im Lehrerzimmer nicht mehr ernst genommen. Und so öffnet sie ein Fenster der Goethe-Gesamtschule und springt hinaus. Es wird ein Sprung direkt in die Kinocharts. Seit Schauspielerin Uschi Glas in den Erfolgskinofilmen „Fuck ju Göhte“ in die Rolle von Leimbach-Knorr geschlüpft ist, ist sie auf den Pausenhöfen dieser Republik die Coole. „Ich gehe mit meinem Verein Brotzeit, der benachteiligten Kindern ein kostenloses Frühstück zur Verfügung stellt, seit Jahren in Schulen. Bislang erkannte mich da kein Mensch. Aber plötzlich schreien die Schüler alle auf, wenn ich in die Klasse komme und staunen“, erzählte sie dem Magazin „Stern“. Vor wenigen Tagen war sie der Stargast beim Singspiel auf dem Nockherberg und schlüpfte noch einmal in ihre mehr als 50 Jahre zurückliegende Rolle der Apanatschi in den „Winnetou“-Filmen. Eine fiese Interpretation der Figur, die dem einstigen „Schätzchen der Nation“ vielleicht oder gerade deshalb gut gefallen hat.

„Nur, wenn es mir Spaß macht“

Rollen, in denen sie selbstironisch sein darf, in denen Charakter gefragt ist, damit kann man die inzwischen 74-Jährige noch vor die Kamera holen. Ansonsten sagt sie lieber auch einmal nein und widmet sich stattdessen ihren sozialen Projekten. „Rollen nehme ich nur an, wenn sie mir Spaß machen“, sagte sie in einem Interview. Manchmal unterstützt die bekennende konservative Wählerin die CSU bei Wahlkampfveranstaltungen. Im bevorstehenden Landtagswahlkampf 2018 wird wohl wieder die eine oder andere entsprechende Anfrage bei ihr landen.

Uschi Glas als junge Apanatschi neben Pierre Brice als Apachen-Häuptling Winnetou Foto: dpa

Dass Uschi Glas einmal eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen werden könnte, zeichnete sich in ihrem Lebenslauf zunächst nicht ab. Nach der Mittleren Reife an einer Realschule im niederbayerischen Landau arbeitete sie als Buchhalterin in Dingolfing und zog 1964 nach München, wo sie als Sekretärin in der Kanzlei von Promi-Anwalt Rolf Bossi arbeitete. Dass sie in der Filmbranche landete, verdankte sie zunächst ihrem losen Mundwerk. Auf einer Kinopremiere kam sie mit dem Produzenten Horst Wendlandt ins Gespräch. Der Legende nach soll sie ihm gegenüber einige kritische Bemerkungen gemacht haben. Doch Wendlandt zeigte sich angetan und gab der hübschen, jungen Frau eine kleine Rolle in dem Film „Der unheimliche Mönch“. Offensichtlich konnte sie damit überzeugen, denn sie wurde in den Schauspielunterricht geschickt und bekam ein Jahr später ihre erste große Rolle – in „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“. „Wenn mir Leute ein Bild zum Signieren schicken, ist das allermeistens von der Apanatschi“, sagte sie dem Münchner Merkur. Ihren ewigen Spitznamen „Schätzchen“ hat sie allerdings der Rolle der „Barbara“ zu verdanken. In dem 1968 produzierten Film „Zur Sache, Schätzchen“ zeigte sich Glas in sexy Unterwäsche, viel später, kurz vor ihrem 60. Geburtstag zog sie sich noch einmal für ein Magazin bis auf die Dessous aus.

Es war jene Zeit, als sie sich mit ihrem damaligen Ehemann und Vater ihrer drei Kinder, Bernd Teewag, nach dessen Seitensprung ein öffentliches Trennungsdrama lieferte – ein gefundenes Fressen für die Medien. Heute sorgt bisweilen der älteste Glas-Sohn Ben für Schlagzeilen.

Apanatschi 2018: Uschi Glas auf dem Nockherberg Foto: dpa

Uschi Glas kümmert sich derweil um ihre sozialen Projekte. Mit ihrem zweiten Mann Dieter Hermann gründete sie das Projekt „Brotzeit“, das sozial benachteiligten Kindern ein kostenloses Schulfrühstück ermöglicht. Inzwischen nehmen mehr als 200 Schulen an dem Programm teil. Auch in der Hospizstiftung und für die Deutschen Knochenmarkspenderdatei engagiert sich die Schauspielerin. Für schauspielerische Leistungen und soziales Engagement wurden ihr dutzende Auszeichnungen verliehen. Unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, der Bayerische Verdienstorden und die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste. Seit 2017 ist Uschi Glas auch Botschafterin für Niederbayern.

Häme nach Pickel-Debakel

Obwohl sie mit Serien wie „Polizeiinspektion 1“, „Unsere schönsten Jahre“ und „Zwei Münchner in Hamburg“ der Liebling eines Millionenpublikums war, musste Uschi Glas in der Öffentlichkeit viel Spott einstecken, als sie 2004 mit einer von ihr vermarkteten Kosmetikserie bei Stiftung Warentest durchfiel. Klagen gegen die Veröffentlichung des Testergebnisses, nach dem die Produkte angeblich Pickel und Rötungen erzeugen, wurden abgewiesen. „Besonders schlimm war die öffentliche Häme von allen Seiten“, sagte die Schauspielerin später. Ihre Glaubwürdigkeit sei durch das Testergebnis zerstört worden. „Das hat mich sehr gekränkt, weil ich wusste, dass es persönlich ist.“

Am kommenden Montag widmet das Bayerische Fernsehen der Schauspielerin ein Portrait in der Reihe „Lebenslinien“. Darin werden nicht nur die großen Erfolge, sondern auch die privaten Schicksalsschläge dokumentiert. „Das Leben bricht mich nicht“, sagt die 74-Jährige in dem Porträt. „Denn mein Schicksal bin ich selber.“ Völlig entnervt aus dem Fenster zu springen wie Frau Leimbach-Knorr, das ist für sie jedenfalls keine Option.

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