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MZ-Kantine
Donnerstag, 24. Mai 2018 23° 8

MZ-Serie

Ein Lehrer in voller Stilblüte

Han’s Klaffl hat 40 Jahre lang verhaltensoriginelle Schüler bespaßt: eine Fundgrube für seine Kabarett-Programme.
Von Marianne Sperb, MZ

Han’s Klaffl riskiert gern mal einen Blick über den Zaun, um sich das Biotop Schule von allen Seiten anzuschauen. Foto: Ursula Zeidler

Regensburg.In größter Not bringt Humor manchmal die Erlösung. Wenn es um die spezifisch schulische Not geht, hilft Han’s Klaffl. In seinen Musik-Kabarett-Abenden destilliert er Lehrer-Frust, Schüler-Verzweiflung und Eltern-Ehrgeiz zu saukomischen Szenen. Der klare Blick auf unsere Bildungsanstalten paart sich mit dem tiefen Verständnis für den Menschen und seine Prägungen. Der Effekt: befreiendes Lachen.

Geistreich und messerscharf typisiert der Oberbayer überfürsorgliche Mütter und unterbelichtete Ministerialdirigenten. Er arbeitet sich ab an den Marotten, die im Schulklima offenbar besonders üppig gedeihen, an den Überlebensstrategien, die Jugendliche entwickeln, und an Schülern in ihren verschiedenen Zuständen. Zum Beispiel am Montagmorgen, wenn sie „wie Wanderdünen“ durch die Gänge wanken.

„Staatskabarettist auf Lebenszeit“

Han’s Klaffl hat rund 40 Jahre an Münchner Gymnasien „professionell verhaltensoriginelle Jugendliche bespaßt“. Er trat mit Kabarettgruppen auf, verfasste ein halbes Dutzend Musikbücher und schrieb Musiksendungen für „radio wissen“ im BR. Von 2004 bis 2014 trainierte er die „Bilokation zwischen Schule und Kabarettbühne“. Jetzt ist der Musiklehrer pensioniert – aber die Schule lässt ihn nicht los. Als „Staatskabarettist auf Lebenszeit“ leistet er nach wie vor pädagogische Feldarbeit und zelebriert vor Publikum einen langen Abgang mit komischer Note. In seinem dritten Programm „Schul-Aufgabe“ reflektiert der 67-Jährige, was einen Lehrer bewegt, der seiner Zielgruppe beraubt wurde. Eine „Kombination aus Schadensbericht und wehmütigem Rückblick“ nennt er seine Bilanz. Zu erleben ist ein Mann in voller Stilblüte.

„Mir geht was ab“, seufzt der Pensionär im Gespräch mit unserem Medienhaus. Kaum eine andere Berufsgruppe wird mit mehr Spott und mehr Mitgefühl bedacht – aber Han’s Klaffl sagt: „Länger als 45 Minuten hab’ ich es nie bedauert, Lehrer zu sein.“ Das liegt vor allem an seiner Haltung, die er wohl auch im Philosophie- und Psychologie-Studium erworben hat und die jungen Menschen in der Reifezeit einige Zugeständnisse macht. „Wenn man verfolgt, wie sich die entwickeln... Erst hat man da im Unterricht so einen kleinen Kerl vor sich, dann kommt er in die Pubertät und wird eine wandelnde Hormonbombe – und schließlich steht ein Erwachsener vor einem. Das ist schon recht bewegend.“ Aber nicht immer lustig.

Han’s Klaffl über „Lehrers Nachtleben“: Hier im Video

Han’s Klaffl, Typ: vorwiegend heiter, wird ziemlich ernst beim Thema Schulverwaltung. Das G 8 hat er als Katastrophe erlebt. „Es war wirklich so, dass stündlich neue Anweisungen kamen. Ein einziges Chaos über Jahre hinweg.“ Dabei ist der Pädagoge kein Feind der verkürzten Gymnasialzeit. „Das G 8 könnte sinnvoll sein, wenn es ein Konzept hätte.“ Ob die aktuell praktizierte Rückkehr zum G 9 ein Gewinn ist, würde Klaffl nicht ohne Weiteres unterschreiben. „Wenn wieder Chaos blüht, wird am Ende eine ganze Schüler-Generation verblödet sein.“

Jeder Rüffel ein Ritterschlag

Markige Worte, die Klaffl auch dann sagt, wenn der Kultusminister – zuerst Wolfgang Heubisch, dann Ludwig Spaenle – im Publikum sitzt. „Ich hatte nie Probleme wegen meiner Kritik, auch nicht, als ich noch Lehrer war.“ Klaffls Erfahrung: Man kann Missstände durchaus angstfrei und konkret ansprechen. „Wir sind schließlich nicht in Nordkorea.“

Han’s Klaffl beim Zeltfestival 2017 in Lappersdorf: „Aus dem natürlichen Lebensraum Schule“

Als Schüler hält man sich manchmal besser zurück – oder man riskiert einen Verweis. Rund zwei Dutzend offizieller Rügen hat der Töginger in seiner Schullaufbahn kassiert. „Aber nicht, weil ich jemanden die Treppe runter geworfen hab’ oder so. Sondern wegen meines frechen Mundwerks.“ Han’s Klaffl fällt am Telefon spontan ein Direktor ein, der keine Leuchte war und außerdem ziemlich klein. Als im Unterricht mehrfach laut an die Tür geklopft wurde und der Klassenlehrer grummelte, wer das jetzt wohl wieder sei, bot Schüler Klaffl schlagfertig eine Antwort an: „Das ist sicher der Herr Direktor, der nach der Türklinke springt.“

Han’s Klaffl über den Einsatz von Powerpoint im Unterricht: hier im Video.

Die Tadel – sein Kabarett-Publikum weiß es – haben Klaffl nicht zähmen können. Eher schon hat er die Rüffel als Ritterschlag genommen. Er selbst hat als Lehrer übrigens keinen einzigen Verweis erteilt, sondern sich eher als Lebensberater verstanden, manchmal über das gestattete Maß hinaus. Seine Lehrer-Generation habe sich oft am Rande der Legalität entlang gehangelt, gesteht er heute. Da war zum Beispiel der Fall eines Schülers, der mit Drogen in Kontakt kam. „Eigentlich hätte man sich an die Polizei wenden müssen. Aber ich habe versucht, die Dinge anders zu regeln, und stand dann eben nachts um drei am Telefon parat.“

Der Tenor: „der Sopran der Männer“

Mit Schülern war Han’s Klaffl geduldig, für Eltern hatte er häufig weniger Verständnis. Die Helikopter-Mütter und -Väter haben ihn Nerven gekostet. „Manche schließen ja aus Schulstrafen und schlechten Noten messerscharf, dass ihr Kind im Unterricht unterfordert ist und deshalb hochbegabt sein muss. Über solche Eltern kann man lachen – aber für das Kind ist es tragisch.“

„Der Tenor ist der Sopran der Männer.“ Stilblüten wie diese entzücken Han’s Klaffl noch immer. Auch wenn er nicht mehr im Schuldienst ist: Der Stoff wird ihm nicht ausgehen. „Mein Zettelkasten ist noch längst nicht abgearbeitet.“ Außerdem versorgen ihn Kollegen mit reichlich Nachschub.

Der Kabarettist schwört: Seine absurden Geschichten über die Schule fallen ihm nicht ein. „Ich schreibe mit. Ausdenken kann sich doch so etwas kein Mensch.“

Weitere Beiträge aus unserer Serie MZ-Kantine lesen Sie hier.

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