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Er bringt den Janker in die USA

Werner Herzog fühlt sich als Bayer, nicht als Deutscher. In Hollywood ist der Regisseur zu einer Marke geworden.
Von Benedikt Dietsch

Werner Herzog 2015 bei den Festfilmspielen in Berlin: Der erfolgreiche Regisseur trägt auf Galas bevorzugt einen Janker. Foto: Jörg Carstensen/dpa

München.Auf eine Sache legt Werner Herzog sehr viel wert: Er ist in erster Linie Bayer, kein Deutscher. In einem Interview mit dem Tagesspiegel verglich er das Verhältnis der Bayern zu Deutschen einmal mit dem von Schotten zu Briten. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum.

Dass der Regisseur derart heimatverbunden ist und auf Galas bevorzugt einen Trachtenjanker trägt, möchte man kaum meinen. Schließlich hat Herzog einen Großteil seines Lebens im Ausland verbracht: Seit 1996 lebt er in Los Angeles. Seine Filme und Dokumentationen führten ihn unter anderem nach Alaska, in die Salzwüste in Bolivien und den Regenwald von Guyana.

Aufgewachsen ohne Fernseher

Angefangen aber hat alles daheim in Bayern. 1942 wird Werner Herzog in München geboren. Als er zwei Jahre alt ist, wird seine Heimatstadt von den Alliierten bombardiert. Eine Bombe trifft das Nachbarhaus, welches in das Wohnhaus seiner Familie kracht. Seine Mutter zieht den jungen Werner aus den Trümmern und beschließt, die Landeshauptstadt sei nicht sicher genug.

So kommt es, dass Herzog, heute einer der erfolgreichsten deutschen Filmregisseure, in dem bayerischen Dorf Sachrang in den Alpen aufwächst. In einer kleinen Hütte ohne Strom, fließendes Wasser – und ohne Fernsehen. Bis er zwölf war, sagt Herzog, wusste er nicht einmal, was ein Fernseher ist. Geschweige denn, dass so etwas wie Filme überhaupt existieren.

Werner Herzog umgeben viele Mythen und Legenden. Eine davon besagt, er habe, als er jung war, in einem Lexikon gelesen, was ein Regisseur ist. Danach stand für ihn fest: Er möchte auch einer werden.

Ob das nun stimmt oder nicht – fest steht, Herzog hält nichts davon ab, seinen Traum zu verfolgen: Das Filmemachen bringt er sich selbst bei. Mit 20 Jahren arbeitet er als Punktschweißer in einem Stahlwerk, um seine ersten Filme zu finanzieren. Den ersten dreht er mit einer geklauten Kamera. „Das Deutsche Institut für Film und Fernsehen in München hatte Dutzende Geräte, wollte mir aber nie eine Kamera leihen, weil man in einem Anfänger wie mir keine Zukunft sah. Also war ich gezwungen, sie zu entwenden“, sagte Herzog im Interview.

Der Weg Herzogs ist von Anfang an von Erfolg gekrönt: Sein erster Film, „Lebenszeichen“, den er 1968 im Alter von 24 Jahren drehte, wird prompt mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

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Heute hat Werner Herzog über 50 Spielfilme und Dokumentationen produziert. Vor allem die Arbeit mit Klaus Kinski stellt sich als sehr fruchtbar heraus. In fünf der bekanntesten Filme Herzogs spielt Kinski die Hauptrolle. „Wir haben uns beide gebraucht und waren schicksalhaft miteinander verbunden“, sagte Herzog einmal. Die ruhige Art Herzogs hilft ihm, den zuweilen tobsüchtigen Kinski zu zähmen und so sein schauspielerisches Können hervorzubringen.

Werner Herzog (l.) und Klaus Kinski bei den Dreharbeiten zu „Aguirre, der Zorn Gottes“ im peruanischen Regenwald, Foto: Alive AG

Doch trotz Herzogs Gelassenheit sind die Ausraster Kinskis anstrengend – und hätten Kinski beinahe das Leben gekostet: Bei den Dreharbeiten zu „Aguirre, der Zorn Gottes“ im peruanischen Regenwald hat Kinski einen Tobsuchtanfall und schreit herum. Die Ureinwohner, die es gewohnt sind, Konflikte still lösen, bieten Herzog an, Kinski für ihn zu töten. „Ich hätte nur mit dem Kopf nicken müssen und die Indianer hätten ihn ohne mit der Wimper zu zucken getötet“, erzählte er später. Nach Kinskis Tod dreht Herzog die Dokumentation „Mein liebster Feind“ über die Zusammenarbeit mit dem Exzentriker.

Ein Hang zur Abenteuerlust

Herzogs neueste Produktion heißt „In den Tiefen des Infernos“. Eine Netflix-Dokumentation, in der er einige der gefährlichsten Vulkane der Welt aus unmittelbarer Nähe betrachtet. Der Hang zu Risiko und Abenteuerlust ist bei den Produktionen Herzogs nichts Neues: 1977 dreht er einige Szenen für den Film „La Soufrière“ am Krater des gleichnamigen Vulkans, der kurz vor dem Ausbruch steht. 1982 lässt er bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ einen 340 Tonnen schweren Flussdampfer über einen Berg im peruanischen Regenwald ziehen.

„Alle meine Filme sind bayerisch“

Werner Herzog, Regisseur

Er sagt, er wähle diese ungewöhnlichen Drehorte bewusst aus. „In der heutigen Zeit müssen Künstler Archäologen sein. Wer schreibt oder Filme dreht, hat die Pflicht, immer wieder neue Orte auszugraben, unbekannte Bilder zu entdecken, die alles Bekannte in Frage stellen“, sagt er. Als Abenteuerer will der Regisseur sich allerdings nicht sehen: „Unbestritten bin ich bei einigen Filmarbeiten in brenzlige Situationen geraten. Aber nicht um des Abenteuers wegen, sondern weil diese Filme es erforderten.“

Um die Zukunft seines Werks hat sich Herzog bereits gekümmert. 2015 gründete er eine gemeinnützige Filmstiftung in München. So sorgt er dafür, dass sein Werk auch nach seinem Tod zugänglich bleiben wird. Den Ort der Stiftung wählte er nicht zufällig: Dort wo er geboren ist, soll sein Werk ihn überdauern. „Alle meine Filme sind bayerisch“, sagte Herzog mal. Wenn das stimmt, dann sind sie nun in der Heimat angekommen.

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