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Serie

Mit Volxmusik gegen Schlagermief

David Saam mixt Heimatmusik mit Pop und Punk und verpasst ihr ein „x“. Schunkeln kann man dazu nicht, tanzen aber sehr wohl.
Von Jana Wolf

Der fränkische Musiker David Saam steht auf Stilbruch und schrille Kontraste – nicht nur in seiner Musik. Foto: Thomas Langer

Bamberg.David Saam mag es offensiv und ungestüm und wild. Offensiv der Charakter, ungestüm das Zusammenspiel, wild das Ergebnis – dann ist der Bamberger in seinem Element.

Seine Vorlieben lebt Saam in der Musik voll aus. Man spürt die Wucht, wenn er mit seiner Band Kellerkommando elektronische Sounds und Blechbläser aufeinander loslässt, urbane Beats und Akkordeon zusammenprallen. Oder wenn Saam über seinen Musikerkollegen Andreas „Res“ Richter spricht, mit dem er in der Gruppe Boxgalopp zusammenspielt. Er sagt dann: „Der spielt so wunderbar offensiv, der spielt eine richtige Punk-Rock-Klarinette. Das finde ich sehr gut.“ Für Saam ist Musik gut, wenn sie etwas „wunderschön-herrlich Wildes“ an sich hat.

Tatsächlich lässt sich seine Kunst nicht in herkömmlichen Parametern messen. Sie ist Volksmusik und Rock zugleich, bringt Tradition und Pop zusammen. Die Konstante bei all den Einflüssen und Bandprojekten, in die Saam verwickelt ist, ist der 40-jährige Franke selbst: dunkle Locken, knallrote Brille, Hut auf dem Kopf. Dazu wahlweise eine karierte oder gestreifte Hose und ein blaues oder neongelbes Akkordeon in der Hand. Ungestüm und wild eben.

Protest gegen „Schlagersoße“

Dieser Charakter findet überregional eine Bühne. Mit Kellerkommando war Saam auf unzähligen Festivals wie Fusion, Splash oder Chiemsee Reggae Summer zu Gast und 2011 zur Internationalen Buchmesse nach Mexiko eingeladen. Zwei Alben und zwei EPs hat Kellerkommando bei Warner Music Germany veröffentlicht. 2017 erhielt Saam das Kunststipendium der Stadt Bamberg und einmal pro Woche ist er als Moderator der BR-Radiosendung „Fränkisch vor 7“ zu hören.

In diesem Video sehen und hören Sie den Kellerkommando-Song „Mondscheinbrüder“:

Zu seinen lokaleren Projekten gehört der Antistadl, den Saam gemeinsam mit Christoph Lambertz vor genau 15 Jahren in Bamberg ins Leben rief. Das Festival hat sich der Volxmusik verschrieben. Auf das „x“ kommt’s an. Die Erfinder wollen traditionellen Heimatklängen einen neuen Anstrich geben, weg von verstaubten Schunkelmelodien und eintönigen Schlagertexten. Der Antistadl versteht sich als Plattform für Bands, die alte Musiktraditionen neu denken. Auf der Homepage beschreiben die Macher ihn als „Protestveranstaltung gegen fragwürdige volkstümliche Schlagersoßen-Geschmacksverirrungen im Fernsehen“.

Vor 15 Jahren gab es neben der Biermösl Blosn kaum bekannte Bands, die Volksmusik neu interpretierten, sagt Saam. „Damals, 2003, war das noch viel mehr Subkultur als heute.“ Gruppen wie LaBrassBanda, Kofelgschroa oder Da Huawa, da Meier und I machten die Neue Volksmusik über die Jahre populärer. Ebenso David Saam.

Sein Antistadl war anfangs im Bamberger Morph-Club beheimatet, einem rauchigen Studenten-Club in einem dunklen Keller fernab vom bürgerlichen Leben. Seit der Club 2014 schließen musste, sucht sich der Antistadl neue Bühnen. So kam er zu seinem 15.Geburtstag am 26. Januar ins ausverkaufte Kulturzentrum E-Werk in Erlangen. „Junge Leute interessieren sich für regionale Musikkultur. Das befindet sich im Moment auf dem aufsteigenden Ast“, sagt Saam.

In diesem 360-Grad-Video können Sie sich beim Antistadl im Erlanger E-Werk umschauen. Ziehen Sie dafür den Bildausschnitt einfach mit der Maus in eine beliebige Richtung:

Die beiden Hausbands des Antistadls, die fest zum Lineup gehören, sind Kapelle Rohrfrei und Boxgalopp. Beide sind nicht weniger ungestüm als Saams sonstige Projekte, Letztere gehört zu seinen Schwerpunkten. Boxgalopp hat sich den „Dancecharts der letzten 300 Jahre“ verschrieben. Während der Großteil der Besetzung dieses Musikerkonglomerats häufig wechselt, sind Saam und „Res“ Richter mit der offensiven Klarinette immer dabei.

Nach den CDs „Wurstel e Crauti“ (2010), „Baddsch! Bäng! Bumm!“ (2014) und „Bier gewinnt“ (2016), einem Nebenprodukt in kleiner Besetzung, ist momentan eine Kinderlieder-CD in der Mache. Saam kündigt „viel Dialekt“ und „schöne Schmuckstücke“ an. Die CD soll im Spätherbst 2018 zusammen mit einem Liederbuch für Kinder erscheinen.

Urbane Beats und Akkordeon

David Saam lässt mit seiner Band Kellerkommando elektronische Sounds, Blechbläser und Akkordeon aufeinander los – und das kracht. Foto: Bamigo

Auch bei Kellerkommando tut sich etwas. Nach zwei Jahren Pause ist die Band in diesem Jahr wieder eingestiegen. Im Januar legte sie die Single „Königreich“ vor, Ende dieses Jahres soll ein neues Album folgen. In der Auszeit blieb allerdings der Rapper auf der Strecke. Kellerkommando hatte bis dahin mit Schokk, Ali As und Dré Soulo immer einen Hip-Hop-Künstler an der Seite. „Ganz am Anfang war es für uns reizvoll, mit einem russischen Gangster-Rapper den größtmöglichen Kontrast zum Heile-Welt-Image der Volksmusik zu haben“, sagt Saam. Doch die Hip-Hopper verfolgten ihre Solo-Karrieren und auch Kellerkommando entwickelte sich weiter. Heute braucht die Band keinen Gangster mehr, um markante Auftritte hinzulegen.

In diesem Video bekommen Sie einen ersten Eindruck der neuen Single „Königreich“:

Für Kellerkommando sind der Sound der großen weiten Welt und Heimatmusik kein Widerspruch. „Wir vermischen das Globalisierte mit dem Regionalen.“ Viele Menschen bewegen sich in ihrem Alltag in diesem Spannungsfeld, meint Saam, und könnten sich genau deswegen mit der Musik identifizieren. „Das ist echt erstaunlich, wie die Leute darauf einsteigen. Ich freue mich immer wieder darüber, mit einer so ungewöhnlichen Mischung so viele Leute begeistern zu können.“ Das Wilde und Ungestüme hat eben seinen Reiz. Wenn es aus der eigenen Heimat kommt, umso besser.

Wir schauen bekannten Kulturschaffenden in Bayern auf den Mund und auf die Finger. Weitere Künstler aus der MZ-Kantine finden Sie hier!


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