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Gesundheit

Ab September droht der Baby-Stopp

Weil die Politik es versäumt hat, Abhilfe zu schaffen, droht 2015 das Aus der Geburtshilfe – auch in Cham, obwohl das Krankenhaus gut angenommen wird.
Von Christoph Klöckner

Die letzte Versicherung für Hebammen will sich ab 1. Juli 2015 verabschieden. Dann dürften freie Hebammen nicht mehr arbeiten. Das würde in Cham das Ende der Geburtenabteilung bedeuten. Foto: Arno Burgi/dpa

Cham. Wer in Cham noch ein Kind bekommen möchte, der sollte sich beeilen. Denn, wenn alles schief läuft, könnte der Weg zum Kreißsaal bei einer Schwangerschaft nach dem 30. September 2014 lang werden. „Nach September gilt ein Baby-Stopp“, sagt Hebamme Heike Schmidl mit reichlich Ironie auf den Lippen. Und meint damit einen Liebes-Stopp für Paare, die ein Baby wollen.

Kein Stopp, weil es nach dem Datum aus welchen Gründen auch immer nicht mehr klappen könnte, sondern weil ab Mitte 2015 vielleicht keine Hebamme mehr da sein wird, um bei der Geburt zu helfen. Fehlender Versicherungsschutz bedroht die Existenz der freien Hebammen. Im schlimmsten Falle müsste auch die Geburtsabteilung der Chamer Sana-Kliniken den Kreißsaal dicht machen. Dann würde der Weg weit, sagt Heike Schmidl. Die nächsten Geburtsabteilungen mit fest angestellten Hebammen seien in Weiden und Amberg.

Die Aussage mit dem Baby-Stopp ist natürlich zugespitzt. Wer lässt sich schon aufhalten, wenn er Nachwuchs haben möchte? Außer von der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, von fehlenden Betreuungseinrichtungen, vom Drang zur persönlichen Selbstverwirklichung und von fehlenden finanziellen Grundlage dank des niedrigen Lohns lassen sich Paare heute kaum davon abhalten, Kinder zu bekommen. Damit landet Deutschland bei einer Geburtenrate von knapp 1,4 Kindern pro Frau. Daher rollt die demografische Welle auf uns zu. Und jetzt? Jetzt hakt es auch noch dort, wo eigentlich alles bereit sein sollte, ganz am Anfang der Kette zum Kind. Ein verwaister Kreißsaal und eine Geburtenstation ohne Babygeschrei – für den Landkreis wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.

Trotz der Übertreibung mit dem Baby-Stopp vom Anfang: es macht deutlich, wohin der Zug gehen kann, wenn Politik keinen Ausweg findet. Dann nämlich droht das Aus für die freiberuflichen Hebammen, weil es nach augenblicklicher Lage ab 1. Juli 2015 keine Versicherung mehr für sie gibt, erklärt Heike Schmidl. Ohne Versicherung keine Geburten. Und nicht nur das. „Wir dürften nicht einmal telefonisch beraten“, sagt Hebamme Steffi Ostermeier. Geschweige denn, einen Vorbereitungskurs für Eltern oder eine Nachsorge zu Hause machen. Auch hier droht dem Landkreis ein Leerraum. Unterm Strich bedrohe es einen ganzen Berufsstand. „Bundesweit 60 Prozent der Hebammen sind freiberuflich“, sagt Heike Schmidl.

„Das ist denen zu heiß!“

Die Notlage ist mittlerweile bei der Politik angekommen, wobei das Desaster schon vor zwei Jahren – als bundesweite Proteste auf die Problematik hinwiesen – oder sich gar davor abzeichnete. Der Bundesrat hat beschlossen, etwas zu tun, um die flächendeckende Geburtshilfe in Deutschland zu sichern. „Eine weitere Schwächung der freiberuflichen Geburtshilfe und damit Versorgungslücken sind zu verhindern“, heißt es in der Entschließung des Gremiums. Zunächst gehe es darum, kurzfristig für eine angemessene Vergütung zu sorgen, um die flächendeckende Geburtshilfe weiter zu gewährleisten. Zudem müssten langfristige Lösungen geprüft werden.

Warum trotz hoher Versicherungssummen außer einem Unternehmen keiner mehr die Berufsgruppe Hebammen versichern will, weiß Heike Schmidl auch nicht. Denn eigentlich sei die Geburtshilfe in Deutschland heute so sicher wie nie. Steigerungen von Schadensfällen gebe es wohl nicht. „Die wollen uns einfach nicht mehr! Das ist denen zu heiß!“ sagt die Hebamme, die in Roding neben dem Dienst im Krankenhaus noch eine Praxis hat. Den Spagat bei der jüngsten Erhöhung der Versicherungsbeiträge habe man noch gemeistert, sagt Heike Schmidl. Doch ohne Versicherung könne und dürfe man nicht arbeiten. Das Problem Versicherung sei bislang noch nie gelöst worden. „Die Lösung liegt in der Politik“ – da ist sich die Hebamme mit ihren Kolleginnen sicher. Daher sammeln sie auch Unterschriften im Kreißsaal bei den Chamer Eltern. Die seien im allgemeinen entsetzt, wenn sie die Petition gelesen hätten. Lösungen würden andere Länder vormachen. In Dänemark etwa übernehme der Staat die Absicherung der Hebammen.

Das „Aushängeschild“ in Cham

Auch die Krankenhausführung zeigt auf die Politik. „Unsere Geburtenabteilung wird sehr gut angenommen und ein Aushängeschild für unser Haus“, sagt der Chamer Sana-Geschäftsführer Phil Hill. Über 700 Geburten in Cham sprächen eine deutliche Sprache. Man werde, wo möglich, unterstützen, hoffe aber, dass die Politik eine Lösung finden werde.

Chams Bundestagsabgeordneter Karl Holmeier (CSU) ist da zuversichtlich. Gesundheitsminister Gröhe habe den Hebammen bereits Hilfe zugesagt. Gröhe sei sicher, dass es bald eine Lösung geben werde. Die Situation werde genau beobachtet, so Holmeier. Zuletzt habe man die Vergütung der Hebammen verbessert. Aus der aktuellen Analyse der Lage solle eine tragfähige Perspektive entwickelt werden. Er versicherte, dass man aufmerksam sei und eine nachhaltige Lösung finde, um die Versorgung mit Hebammen dauerhaft zu sichern, so Holmeier.

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